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Flüchtlingsheim Burbach: Wachmann spricht von "unkontrollierbarer Lage"

Es sei "ein rechtsfreier Raum" gewesen: Nach Bekanntwerden der Übergriffe auf Flüchtlinge in Notunterkünften hat ein Sicherheitsmann erschütternde Details über die Vorgänge in Burbach enthüllt.

Ein Asylbewerber, der gefesselt am Boden liegt; daneben zwei uniformierte Sicherheitsleute: Dieses Foto aus dem Flüchtlingsheim in Burbach und ein Video machten den Skandal publik.

Ein Asylbewerber, der gefesselt am Boden liegt; daneben zwei uniformierte Sicherheitsleute: Dieses Foto aus dem Flüchtlingsheim in Burbach und ein Video machten den Skandal publik.

Die Übergriffe von Wachleuten auf Bewohner von Flüchtlingsheimen sorgen seit dem Wochenende für Entsetzen. Ein Handy-Foto, auf dem ein Sicherheitsmann in einer Notunterkunft in Burbach einem gefesselt am Boden liegenden Flüchtling seinen Stiefel in den Nacken drückt und ein Video, in dem ein Mann aufgefordert wird, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen, haben Öffentlichkeit und Politik schockiert. Neben der Einrichtung in Burbach sollen auch Unterkünfte in Essen und Bad Berleburg betroffen sein.

Mittlerweile sind weitere erschreckende Details über die Vorfälle in Burbach bekannt geworden: Übergriffe, wie sie das Foto und das Video dokumentierten, hätten ständig stattgefunden, sagte ein Mitarbeiter eines ehemals für die Notunterkunft in Burbach zuständigen Sicherheistdienstes dem "Siegerland Kurier". Die Lage dort sei faktisch "unkontrollierbar", die ehemalige Kaserne zu einem "rechtsfreien Raum" verkommen.

"Klare Freiheitsberaubung"

Flüchtlinge, die Schwierigkeiten bereiteten, seien in das so genannte "Problemzimmer" gesperrt worden, so der Wachmann. Bis zu acht Stunden hätten teils auch mehrere Personen in dem nur mit Matratzen austaffierten Raum ausharren müssen. Im Zweifel auch ohne die Möglichkeit, eine Toilette aufzusuchen. Denn das "Problemzimmer" sei ohne Erlaubnis des Betreibers "European Homecare" zugesperrt worden. "Das war klare Freiheitsberaubung", zitiert der "Siegerland Kurier" den Wachmann. Der Einsatz von Handschellen - ebenfalls eigentlich untersagt - sei quasi an der Tagesordnung gewesen.

Nach Angaben des Blattes handelt es sich bei dem Wachmann um einen ehemaligen Security-Mitarbeiter der Firma "ESS" aus Siegen, die als Sub-Unternehmer bis August agierte und dann Teile der Belegschaft an die übernehmende Firma SKI Security übergeben hatte. Der Mann soll an dem mittlerweile bekannten Video beteiligt gewesen sein. Gegen ihn werde aktuell ermittelt.

Zimmer von "SS-Trupps" gestürmt

Bei einigen seiner ehemaligen Kollegen sieht der Wachmann dem Bericht zufolge einen "deutlich erkennbaren rechten Hintergrund". Einige Mitarbeiter seien regelrecht scharf darauf gewesen, Flüchtlinge bei Verstößen gegen das Rauch- und Alkoholverbot zu erwischen. "Die sind über die Flure gegangen und haben an Türen geschnüffelt. Hatten sie Zigarettenqualm gerochen, wurde das Zimmer gestürmt." Im Jargon seien die Streifen "SS-Trupps" genannt worden.

Auch "Spiegel Online" berichtete, dass einige der Burbacher Wachleute möglicherweise aus der Neonazi-Szene stammen. So trage einer von ihnen auf dem Unterarm die Tätowierung "Ruhm und Ehre". Die Parole ist bei Neonazis beliebt. Bei seiner Vernehmung habe der Mann die Tätowierung als Jugendsünde bezeichnet. Gegen einen weiteren ehemaligen Wachmann sei bereits wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen ermittelt worden. In dem aktuellen Verfahren zähle der Mann jedoch bislang nicht zu den Beschuldigten.

Vermüllte Duschen, Kot und Erbrochenes

Der Informant des "Siegerland Kuriers" bedauert nach Angaben des Blattes sein Fehlverhalten, will dafür geradestehen und gegenüber der Polizei umfänglich aussagen. Er habe aber zugleich die Gesamtumstände im Heim angeprangert: Bis zum 1. August seien laut Sicherheitskonzept gerade einmal vier Wachleute für bis zu 750 Flüchtlinge vorgesehen gewesen. Erst danach sei auf sechs Personen erhöht worden. "Immer noch zu wenig", so der Wachmann.

Auch die Verhätnisse, unter denen die Bewohner des Heims leben mussten, seien katastrophal gewesen. Bilder, die dem Siegerlandkurier nach eigenen Angaben vorgelegt wurden, zeigten vermüllte Duschen, Kot und Erbrochenes auf Fluren, stapelweise Unterwäsche und Hygieneartikel mit Menstruationsblut auf Damentoiletten. Dem Wachmann zufolge habe es zum Teil Tage gedauert, bis sich jemand darum gekümmert habe.

Eine fundierte psychologische Betreuung habe es weder für die Bewohner, noch für die Mitarbeiter des Heims gegeben. Selbst psychisch kranke Asylbewerbern hätten trotz ärztlicher Anordnung und Attesten keine gesonderte Behandlung bekommen.

mad