Fluglotsen-Tötung Verdacht auf Racheakt erhärtet


Zwei Tage nach der Tötung des Fluglotsen, der während des Flugzeugunglücks über dem Bodensee Dienst hatte, hat sich der Verdacht auf einen Racheakt eines Angehörigen der Todesopfer erhärtet.

Verzweiflung und Rache als mögliches Motiv: Nach der Tötung eines Lotsen der Flugsicherung skyguide ist ein Verdächtiger festgenommen worden, der seine Familie bei der Flugzeugkatastrophe von Überlingen verloren hat. Nicht einmal zwei Tage nach der Bluttat fassten Fahnder am Donnerstag einen verdächtigen 48-jährigen Ausländer in Zürich. Obwohl er zunächst kein Geständnis ablegte, zeigten sich die Schweizer Ermittler überzeugt, dass er aus Rache den Lotsen tötete. Der Festgenommene, dessen Identität nicht genannt wurde, hatte bei dem Flugzeugzusammenstoß am 1. Juli 2002 in Überlingen am Bodensee seine Frau, Sohn und Tochter verloren.

Der Ermordete hatte in der Nacht der Katastrophe Dienst und war in der Öffentlichkeit schwerer Fehler beschuldigt worden. Insgesamt waren 71 Menschen, darunter 52 Kinder aus Russland umgekommen. Unter den Fluglotsen geht jetzt die Angst vor weiteren Racheakten um.

Als Tatverdächtiger im Zentrum der Ermittlungen

Staatsanwalt Pascal Gossner sagte, zwar habe der Mann noch kein Geständnis abgelegt und auch ein Alibi vorgelegt. "Verschiedene Indizien weisen jedoch auf ihn als möglichen Täter hin." Und Ermittler Marcel Suter erklärte: "Sämtliche bisherigen Ermittlungsergebnisse rücken den Verhafteten als Tatverdächtigen ins Zentrum." Der Mann war am Mittwochnachmittag in einem Gasthaus nahe dem Tatort verhaftet worden. Er hielt sich seit dem 18. Februar in der Schweiz auf und war offenbar legal eingereist.

Eine arglose Nachbarin hatte dem mutmaßlichen Täter den Weg zum Haus des Lotsen gewiesen, als der Unbekannte ihr einen Zettel mit dem Namen des Dänen vorhielt. Der Chef Kriminalpolizei Zürich, Georges Dulex, berichtete, die Tat habe sich am Dienstag kurz vor 18.00 Uhr ereignet. Der Verdächtige sei zum Haus des Lotsen gegangen und auf der Terrasse auf sein Opfer gestoßen. Ehefrau und Kinder hätten zwar Lärm gehört, die Tat jedoch nicht unmittelbar miterlebt. Der Däne wurde durch zahlreiche schwere Stich- und Schnittwunden auch in Herz und Lunge getötet. Todesursache war Verbluten. Als mutmaßliche Tatwaffe wurde in der Nähe ein Klappmesser mit 14 Zentimeter langer Klinge sichergestellt.

Die Spur führte zu Hotel und Flughafen

Der jetzt Festgenommene war unter anderem bei der Trauerfeier in Überlingen im vergangenen Sommer durch seinen Schmerz aufgefallen. Auch bei seiner Festnahme habe sich der Mann auffällig benommen, sagte Gossner. "Er verhielt sich so, dass man den Eindruck hatte, dass er den tragischen Verlust... noch nicht verarbeitet hat und noch nicht verkraften kann", sagte der Staatsanwalt. Schon direkt nach dem Mord hatten die Ermittler einen Racheakt vermutet. Beim Flughafen und in Hotels wurden Namen mit den Listen der Hinterbliebenen der Opfer, die meisten aus der Teilrepublik Baschkirien, verglichen. So kam man auf die Spur des jetzt Verhafteten.

Bei dem tragischen Unglück war eine Frachtmaschine des Kurierdienstes DHL mit einem russischen Passagierflugzeug des Typs Tupolew in über 11.000 Metern Höhe zusammengeprallt. Die Kinder und Jugendlichen gehörten zur hoffnungsvollen Elite ihres Landes. Sie hatten als Klassenbeste eine Ferienreise nach Barcelona gewonnen. Der Flugsicherung skyguide und dem zum Zeitpunkt des Unglücks allein Dienst habenden Lotsen waren schwere Versäumnisse vorgeworfen worden. Ein Untersuchungsbericht steht aber noch aus.

Angst bei den Fluglotsen

Unterdessen geht bei den Fluglotsen in der Schweiz, aber auch in anderen Ländern die Angst vor möglichen weiteren Racheakten um. skyguide hat verschiedene Schutzmaßnahmen für ihre Angestellten ergriffen. Chef Alain Rossier wird ebenso bewacht wie der zweite Fluglotse, der in der selben Unglücksnacht zusammen mit dem nun Ermordeten Dienst hatte und eine Pause machte. "Alle die bei skyguide arbeiten fühlen sich irgendwie mitschuldig", sagte der Psychologe Thomas Schläpfer der 'Berner Zeitung'. Es handele sich um eine "doppelte Tragik" für alle Betroffenen, deren Folgen noch gar nicht abzusehen seien.

Heinz-Peter Dietrich, DPA DPA

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