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Flugzeug-Anschlag von Detroit: Das Rätsel um Faruk Abdulmutallab

Der 23-jährige Nigerianer Abdul Farouk A. hätte kurz vor Detroit beinahe einen Airbus zum Absturz gebracht. Die Ermittler konzentrieren sich nun auf die Frage: Handelte er im Auftrag von Al Kaida?

Noch ist die Lage in Washington verhältnismäßig ruhig. Die Nachrichtensender CNN, Fox-News und MSNBC berichten zwar pausenlos über die Beinahe-Katastrophe von Detroit. Aber die großen TV-Networks halten sich zurück. Präsident Barack Obama, derzeit im Urlaub auf Hawaii, ordnete strengere Sicherheitsmaßnahmen an, gab aber persönlich kein Statement ab. Schließlich ist eine entscheidende Frage nicht geklärt. Ist Abdul Farouk A., der den mit fast 300 Passagieren besetzten Airbus der US-Fluglinie Delta-Northwest zum Absturz bringen wollte, ein wirrer Einzeltäter? Oder handelte er im Auftrag des Terrornetzwerks Al Kaida?

"Er erzählt eine Menge"

Sollte Al Kaida hinter dem Anschlag stecken, würde dies ein amerikanisches Trauma aufrühren - die Bilder vom 11. September 2001, als zwei Maschinen in das New Yorker World-Trade-Center krachten, haben sich in die kollektive Erinnerung gebrannt. Das Attentat zeigte, wie verletzlich die Supermacht USA war. Und eine Verbindung zwischen Abdul Farouk A. und Al Kaida würde dokumentieren, dass der Krieg der ungleichen Gegner noch lange nicht zu Ende ist. Ein Albtraum zu Weihnachten.

Der gebürtige Nigerianer Abdul Farouk A., 23, wird derzeit in den USA verhört. "Er erzählt eine Menge", sagte ein Ermittler laut CNN. Das kann auch heißen: Er erzählt eine Menge Unsinn. Angeblich hat A. nicht nur gestanden, dass er die Maschine explodieren lassen wollte, sondern auch, dass er im Namen Al Kaidas gehandelt habe. Dagegen jedoch spricht, dass er keine Mittäter hatte und Nigerianer bisher in dem Terrornetzwerk so gut keine Rolle spielten. Die britischen Geheimdienste fanden offenbar zwar seinen Namen in ihren Computern, aber er stand nicht auf der Flugverbots-Liste des amerikanischen Heimatschutzministeriums. Andernfalls hätte er den Flug gar nicht antreten können, denn er war ordnungsgemäß angemeldet. Klar ist nur, dass A. am University College in London Maschinenbau studiert hat.

Passagiere überwältigten den Attentäter

Laut CNN hat A. erzählt, er habe den Sprengsatz - ein Pulvergemisch, das er am Bein trug, sowie ein Spritze mit Chemikalien, die es zur Explosion bringen sollten - im Jemen erhalten. Dort sei er auch instruiert worden, wie der Sprengsatz zu nutzen sei. A. checkte in der nigerianischen Hauptstadt Lagos ein und flog mit der KLM zunächst nach Amsterdam. Um 5.27 Uhr kam er auf dem Flughafen Schiphol an und wartete drei Stunden im Transitraum. Bevor er Flug NW 253 nach Detroit nehmen konnte, musste er nach stern.de-Informationen einen Sicherheitscheck passieren. Dem Personal fiel das am Bein festgeklebte Pulvergemisch jedoch nicht auf, weil A. einen Metalldetektor durchlief und die Leibesvisitation offenbar nur oberflächlich war. Um 8.29 Uhr hob der Flieger ab.

Kurz vor der Landung in Detroit wollte A. kurz die Sprengladung zünden. "Es gab einen Knall, dann eine Flamme und dann sahen wir Feuer", sagte der Passagier Syed Jafray. Eine Frau habe gerufen: "Was machen Sie da, was machen Sie da?" In Sekundenschnelle wurde A. von mutigen Passagieren überwältigt. Augenzeugen zufolge stürzten sie sich mit Decken, Wasser und einen Feuerlöscher auf den Attentäter. Andere Passagiere gerieten in Panik, zwei wurden leicht verletzt. Ein Mitarbeiter des US-Heimatschutzministeriums sagte CNN, das Pulvergemisch sei "eher brennbar als explosiv" gewesen. Womöglich ist das Attentat auch nur deswegen gescheitert. In jedem Fall trug A. starke Brandverletzungen am Bein davon. Der Mann habe sich kaum gegen andere Passagiere gewehrt, sagte Jafray, "er schien völlig verblüfft". Die Crew setzte den Nigerianer in der ersten Klasse fest, die Maschine landete sicher.

Republikaner sprechen von Terrorakt

Während Republikaner und Teile der US-Regierung nun von einem Terrorakt sprechen, scheinen die Ermittler der These zuzuneigen, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. In London untersucht die Polizei derzeit die Wohnung, in der A. gelebt haben soll. In den USA wurden die Sicherheitsbestimmungen auf Flughären dahingehend verschärft, dass jeder Flugpassagier nur noch ein Stück Handgepäck mitnehmen darf und vor dem Abflug noch einmal kontrolliert wird. Die EU-Kommission will prüfen, ob in Europa alle Sicherheitsregeln eingehalten werden, in Niederlanden hat das Haager Parlament eine sofortige Debatte gefordert.

Welche Motive und welche Verbindungen Abdul Farouk A. hatte - die britischen Behörden versuchen das unter Hochdruck zu ermitteln. Der sogenannte "Turnschuhbomber" Richard Reid, der Weihnachten 2001 einen Flug von Paris nach Miami zum Absturz bringen wollte, sitzt in den USA lebenslänglich im Knast. Gut möglich, dass es A. ebenso ergehen wird.

Die Frage, die die Amerikaner umtreibt, ist jedoch eine andere. War A. Teil eines Al Kaida-Komplotts? Und wie kann es sein, dass auch hier eine Katastrophe nur um Haaresbreite verhindert wurde?

Attentäter hat prominenten Vater

Mittlerweile wurde der Nigerianer von seinem Vater identifiziert. Der frühere Minister und Bankenchef Alhaji Umaru Mutallab bestätigte in der nigerianischen Hauptstadt Abuja, dass US-Behörden seinen 23-jährigen Sohn mit dem versuchten Terroranschlag auf den Transatlantik-Flug von Amsterdam nach Detroit in Verbindung bringen.

Sein Sohn habe in London studiert, aber die britische Metropole verlassen, um zu reisen, sagte Mutallab weiter. Er kenne aber nicht die geplante Reiseroute oder ein Ziel seines Sohnes. "Ich glaube, er hätte im Jemen sein können, aber wir kümmern uns darum, das festzustellen." Der prominente Nigerianer kommt aus dem Norden des Landes.

dpa/Reuters/AFP/lk / Reuters