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Flugzeuganschlag von Detroit: Die zwei Gesichter des Faruk A.

Er radikalisierte sich, brach den Kontakt zur Familie ab, der Vater alarmierte die US-Botschaft. Trotzdem durfte Adulmuttalab in die USA fliegen - und hätte beinahe 278 Menschen getötet.

Für den Vater ist eine Welt zusammengebrochen. Besorgt hatte der mittlerweile 70-jährige Umar Abdulmuttallab, ehemaliger nigerianischer Wirtschaftsminister und Ex-Vorstandschef der First Bank of Nigeria, die Radikalisierung seines Sohnes beobachtet - des jüngsten von insgesamt 16 Kindern. Schon als Teenager soll Umar Faruk in den islamischen Extremismus abgeglitten sein. "Während meine anderen muslimischen Schüler die Taliban für einen Haufen von Spinnern hielten, fand er sie ganz in Ordnung", sagte dessen ehemaliger Lehrer Michael Rimmer der britischen BBC. Umar Faruk bekam deswegen den Spitznamen "Alfa" verpasst - ein umgangssprachlicher Ausdruck für Gelehrter.

Nach seiner Ausbildung an der renommierten British International School in der togolesischen Hauptstadt Lomé zog Umar Farouk nach London, wo die wohlhabenden Eltern im noblen Diplomatenviertel nahe Oxford Circus ein Appartement besitzen und studierte Maschinenbau. 2008 unterbrach er seine Studien, lebte in Dubai und Ägypten, im Juli 2009 äußerte er seinen Wunsch, im Jemen einen Arabisch-Kurs zu besuchen - und schickte seiner Familie eine SMS, in der er mitteilte, er wolle keinen Kontakt mehr mit ihr haben. Der Vater alarmierte daraufhin die US-Botschaft in Nigeria und die Geheimdienste. Wie US-Behörden bestätigten, wurde Umar Faruks Name in eine Datenbank namens "Terrorist Identities Datamart Enviroment" (Tide) eingespeist, in der 550.00 Menschen registriert sind, die verdächtige Verbindungen unterhalten. Dennoch wurde er nicht auf die US-Flugverbotsliste gesetzt. Der 23-jährige durfte sogar sein US-Visum, gültig bis Sommer 2010, behalten.

Blamage der US-Behörden

Das ist für die US-Behörden eine riesige Blamage - zumal die britischen Behörden Umar Faruk Abdulmuttallab schon im Mai 2009 die Einreise verweigerten, als er in London weiterstudieren wollte. So aber konnte er am Weihnachtstag unbehelligt den Flug NW 253 von Amsterdam nach Detroit nehmen, den Sicherheitscheck am Flughafen Schipohl passierte er ohne Probleme. Wie sich bei den Verhören nach dem vereitelten Attentat herausstellte, hatte Abdulmuttallab an seinem Bein die hochexplosive Substanz Pentaerythritol befestigt, die auch schon der "Schuhbomber" 2001 benutzen wollte. In seine Unterhose hatte er eine Spritze mit einer Chemikalie eingenäht, mit der er den Sprengsatz zünden wollte. Der Metalldetektor erkannte die Gerätschaften nicht, bei der Leibesvisititation fielen sie auch nicht auf.

Was dann im Flieger geschah, beschreiben Augen so: Zunächst zog sich Abdulmuttallab für etwa 20 Minuten auf die Bordtoilette zurück. Dann setzte er sich wieder hin, klagte über Magenschmerzen und hüllte sich eine Decke ein. Plötzlich hörten die Passagiere Knallgeräusche wie bei einem Feuerwerk, Abdulmuttallabs Kleidung begann zu brennen. Der Erste, der beherzt reagierte, war der Niederländer Jasper Schuringa, 32, ein Werbefilmer. Er stürzte sich auf Abdulmuttallabs und versuchte mit der Hand, das Feuer auszuschlagen. "Er war eigentlich eine ganz normale Person, sehr ängstlich, mit einem Blick, in dem sich Furcht spiegelte. Er hat keine Gegenwehr geleistet", sagte Schuringa der BBC. In Sekundenschnelle kamen andere Passagiere hinzu, Crew-Mitglieder brachten einen Feuerlöscher. Danach wurde Abdulmuttallab in die Erste Klasse gebracht und mit Handschellen festgesetzt. Wäre sein Attentat gelungen, hätten knapp 300 Menschen ihr Leben verloren - mögliche Opfer am Boden, die durch das herabstürzende Flugzeug getroffen worden wären, noch nicht mit eingerechnet.

Lächelnd bei der Anklageverlesung

Schuringa sagte, er habe sich später mit einem anderen niederländischern Passagier unterhalten, der in der Nähe Abdulmuttallabs gesessen habe. Dieser habe den Eindruck gehabt, der junge Mann sei ebenso freundlich wie höflich, jedenfalls niemand, dem eine Terrorattacke zuzutrauen wäre. Diese Beschreibung deckt sich mit der Aussage des Ex-Lehrers Michael Rimmer - der allerdings die Doppelgesichtigkeit des Attentäters früh erkannt hat. Abdulmuttallab sei ein "Traumschüler" gewesen - "sehr aufgeweckt, intelligent, talentiert, enthusiastisch und höflich“. Alle hätten ihm eine große Karriere vorhergesagt. Doch dann seien diese "verteufelten Idioten" gekommen, hätten ihm diese "dummen Ideen“ in den Kopf gesetzt und damit "sein Leben ruiniert" - und das seiner Familie verdorben. Der Vater, der zunächst angab, er sei zu "verstört", um sich zu äußern, will am Montag eine Pressekonferenz geben.

Abdulmuttallab wurde unterdessen in den USA öffentlich angeklagt - im Medical Center der University of Michigan, wo seine Brandverletzungen behandelt werden. Im Rollstuhl wurde der junge Mann am Samstag in den Konferenzraum gefahren, er trug einen grünen Klinikittel, blaue Strümpfe, seine Hände waren zum Teil bandagiert. Er lächelte, als ihm die Anklage verlesen wurde und antwortete auf die Frage, ob er den Text verstanden habe, auf Englisch: "Ja, das tue ich." Ihm wurde ein Pflichtverteidiger zugeordnet, nach US-Berichten drohen ihm bis zu 40 Jahren Haft. Ein Geständnis soll er bereits während der Verhöre abgegeben haben. Angeblich verwies er darauf, dass er im Namen Al Kaidas gehandelt habe. Im Jemen habe er den Sprengsatz erhalten und instruiert worden, wie er zu nutzen sei. Laut ABC-News lassen sich tatsächlich Kontakte zwischen Abdulmuttallab und jemenitischen Mitgliedern des Terrornetzwerkes nachweisen.

Verzögerungen bei US-Flügen

Auf Anordnung von US-Präsident Barack Obama sind inzwischen die Sicherheitsregeln an den Flughäfen verschärft worden. Betroffen sind vor allem Flüge in die Vereinigten Staaten. In Deutschland müssen Passagiere durch eine Sonderkontrollstelle, Air Canada wies darauf hin, dass Fluggäste künftig eine Stunde vor Landung nicht mehr ihre Sitzplätze verlassen und ihr Bordgepäck nicht mehr anrühren dürfen. USA-Reisenden wird geraten, ab sofort mehr Zeit für die Kontrollen einzuplanen.

dpa/AP/AFP/Reuters/lk / AP / Reuters