Foltermord in der JVA-Siegburg "Keiner wollte das Weichei sein"


Sie haben ihren hilflosen Zellengenossen Hermann H. stundenlang gefoltert und zum Selbstmord gezwungen - nun stehen die drei Täter vor dem Bonner Landgericht. Ihre Aussagen lassen erkennen, dass die Tat einer perversen Gruppendynamik folgte.
Von Malte Arnsperger, Bonn

Ihre Tat übersteigt an Grausamkeit jede Vorstellungskraft. Zu dritt folterten stundenlang einen Mithäftling in einer Zelle der JVA Siegburg, vergewaltigten ihn und hängten ihn auf. Sie sind wegen eines barbarischen Mordes angeklagt. Aber die drei jungen Männer, die an diesem Tag vor dem Bonner Landgericht erscheinen, wirken nicht wie kaltblütige Verbrecher. Vielmehr gleichen die Anklagten harmlosen Bengeln, die lediglich ein paar Äpfel vom Nachbarsgrundstück stibitzt haben und sich nun einen Rüffel von den Eltern anhören müssen.

Danny K. ist der jüngste der drei. Der untersetzte, kräftige 17-Jährige mit dem runden Milchgesicht hat schwarze, lockige Haare und trägt ein helles T-Shirt. Seine blauen Augen suchen Halt im schmucklosen Gerichtssaal. Am ersten Verhandlungstag schildert er mit seinen zwei Komplizen Pascal I. und Ralf A. die Einzelheiten ihres bestialischen Verbrechens.

"Ich wollte ihn nur demütigen"

Es ist ein Samstag, dieser 11. November 2006. Während das Rheinland den Beginn der fröhlichen Karnevalssaison feiert, beginnt für den 20-jährigen Hermann H. ein Martyrium. Vormittags hat der Kleinkriminelle, der sechs Monate wegen eines Diebstahls verbüßen muss, noch mit seinen Mitgefangenen Danny, Pascal und Ralf Karten gespielt. Er hat verloren, nach den Regeln des Spiels drohen ihm nun Schläge auf die Finger. Nach der Mittagspause, so erzählt Danny K., sollte Hermann deshalb "noch mal Kloppe bekommen". Doch dieses Spiel wird den drei Zellengenossen schnell langweilig.

Nun hat laut Anklage der 19-Jährige Pascal I. die Idee, eine Filmszene nachzuspielen. Mit in Bettlaken eingepackten Seifestücken fängt er an, Hermann zu verprügeln. Die anderen neiden machen mit. Mindestens 30-mal habe man auf die Füße des Opfers eingeschlagen, erzählt Danny. "Es war aber auch nur so ein Spaß." Doch das zweifelhafte Vergnügen artet aus. Herman muss seinen Peinigern die Füße lecken. Pascal I. lässt sich sogar oral befriedigen. "Ich wollte ihn aber nur demütigen", sagt der hagere junge Mann und winkt mit seinem tätowierten Arm entschuldigend ab.

Täter wimmeln den Wächter ab

Die drei kommen auf immer neue Einfälle, ihr Opfer zu quälen. Hermann wird gezwungen, Salzwasser und Urin zu trinken, sein eigenes Erbrochenes und Zahnpasta zu essen, Spucke vom Toilettenrand zu lecken. Sie stecken ihm den Stiel eines Handfegers ins Hinterteil. Zwar sprechen die drei jungen Männer im Verlaufe des Nachmittags immer wieder über den Sinn ihrer Tat, wirklich an Aufhören denkt aber keiner. Der Gruppenzwang ist stärker. "Es wollte keiner als Weichei vor den anderen dastehen", sagt Danny K. Und Pascal meint: "Wir haben gar nicht richtig darüber nachgedacht, dass es ein Mensch ist."

Hermann kann sich noch einmal gegen sein drohendes Ende aufbäumen. Er drückt den Alarmknopf. Aber seine drei Peiniger wimmeln den Wärter an der Gegensprechanlage ab. Wenig später wird sogar ein Wärter von den in den umliegenden Zellen inhaftierten Häftlingen alarmiert. Doch der Beamte rückt unverrichteter Dinge wieder ab. Er glaubt den Tätern, nur die Möbel verrückt zu haben, obwohl er das Opfer auf dem Bett sieht.

Explosion der Gewalt

Hermanns Folter geht weiter, die Brutalität kennt scheinbar keine Grenzen. "Wir haben ihn die ganze Zeit geschlagen, überallhin. Er hat nur ein bisschen laut gestöhnt." Während seiner Schilderungen wird die Stimme des jungen Mannes aus Recklinghausen immer leiser. Nervös knetet er seine Hände. Das pure Ausmaß der Tat scheint ihm jetzt erst bei seinen eigenen Schilderungen bewusst zu werden. Immer wieder muss der Richter nachhaken, um ihm jedes Detail einzeln zu entlocken. Dabei ist Danny K. Gewalt nicht fern: Ein Richter in einem früheren Verfahren hatte ihm "ungezügelte Gewaltbereitschaft" attestiert. Er sollte wegen Körperverletzung und Raubes zweieinhalb Jahre Haft in Siegburg absitzen.

Neben Danny K. sitzt sein Komplize und Mittäter Ralf A. Der 21-Jährige aus Aachen mit den glatten, blonden Haaren schaut während der Ausssage von Danny K. stoisch zu Boden. Zur Tat selber äußert sich Ralf A. nicht, bestätigt aber grundsätzlich die Darstellungen von Danny K. Zuvor hatte Ralf über sein von Drogen geprägtes Leben erzählt. Schon mit zwölf Jahren raucht er den ersten Joint, probiert LSD und Amphetamine. Ein Kasten Bier am Tag ist keine Seltenheit. Ralf zieht unzählige Male um, landet immer wieder in Heimen. Er lebt von Einbrüchen. Im August 2006 wird er verhaftet und landet in einer Zelle mit Hermann. Noch kurz davor hat er seine damalige Freundin geschwängert, seit Februar 2007 ist er Vater.

Pro und Contra zum Mord

Pascal I. wurde ebenfalls kurz nach der grausamen Tat Vater. Auch hinter ihm liegt eine zerrüttete Kindheit, er nahm Drogen, landete im Heim, brach die Hauptschule ab. Doch anders als seine zwei Komplizen, denen die intensive Beschäftigung mit der Tat vor Gericht sichtlich zusetzt, scheint Pascal unberührt angesichts der Grausamkeiten. Ruhig und scheinbar emotionslos berichtet Pascal über die letzte Phase des Foltermordes.

Mittlerweile ist es an diesem Novembertag draußen dunkel geworden. Die drei jungen Männer schauen Sportschau und entscheiden nun über das Leben von Hermann. Zusammen, so der Angeklagte Pascal, hätten sie schon nachmittags eine Pro-und-Contra-Liste angefertigt - was spricht für, was gegen den Tod des "ziemlich verbeulten" Hermann? Was auf dieser Liste stand, wisse er nicht mehr, sagt Pascal vor Gericht. Klar ist nur: Hermann muss sterben, er soll "weggehängt" werden. Der Mord soll aber so aussehen wie ein Suizid. "Wir wollten dann am nächsten Tag einen auf Psycho machen", erzählt Pascal. "So wollten wir schneller aus dem Gefängnis rauskommen." Sogar zwei Abschiedsbriefe muss Hermann zur Tarnung schreiben.

Die Familie im Nebel des Todes

Pascal schnürt aus Kabeln einen Strick, an der Tür der Nasszelle soll Hermann aufgehängt werden. Doch viermal reißen die Kabel. Nun wird ein Bettlaken als Strick gebunden. Hermann muss sich auf einen Eimer stellen und ihn selber wegtreten, damit es wie Selbstmord aussieht. Noch einmal wird er abgehängt, er bekommt eine letzte Gnadenzigarette und soll von seinen Nahtoderfahrungen berichten. "Wir haben ihn gefragt, ob er was gesehen hat. Hermann sagte nur, er habe seine Familien gesehen", sagt Pascal. Beim sechsten Versuch "hat es endlich geklappt", sagt Pascal dem Richter und wirkt fast zufrieden. Trotzdem ergänzt er: "Der Tod war schon ein Schock für mich, denn keiner von uns hat geglaubt, dass es so weit kommen würde."

Gegenüber von Pascal sitzen die Angehörigen des Opfers. Während Hermanns Bruder Martin, ein zierlicher junger Mann, die Schilderungen mit weit aufgerissenem Mund verfolgt, blickt Hermanns Mutter immer wieder voller Hass und Abscheu zu den Angeklagten. Sie wünscht sich, dass die drei "richtig heftig bestraft werden", sagt die kleine rundliche Frau in einer Verhandlungspause. Den Mördern ihres Sohnes drohen unterschiedliche Strafen. Während der minderjährige Danny mit einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht und damit maximal zehn Jahren Haft rechnen muss, könnte für seine beiden Mitangeklagten auch das Erwachsenenstrafrecht in Betracht kommen - und somit lebenslänglich.

Für Hermans Schwester Martina ist klar, was mit den drei Männern geschehen soll. "Ich wünsche mir, dass sie die fetteste Strafe bekommen, die das Landgericht je verhängt hat", sagt die blonde Frau mit tränenerstickter Stimme. "Sie sollen für immer weggesperrt werden."


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