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Foltermord-Prozess: Das ganze Elend der Unterschicht

Der Prozess um den Foltermord von Siegburg ist ein erschütternder Trip in die untersten Schichten der deutschen Gesellschaft: Alkoholismus, Verrohung, Gewalt. Nun stehen die Gutachter vor der Frage, wie viel Schuld die mutmaßlichen Täter überhaupt trifft.

Von Christian Parth, Siegburg

Die Strafverteidiger blickten ein wenig überrascht, als Staatsanwalt Robin Faßbender sich zu Wort meldete. Er gab bekannt, dass im Fall von Pascal I., einem der drei Angeklagten im Prozess um den Mord an Hermann Heibach in der JVA Siegburg, eine Sicherheitsverwahrung zu prüfen sei. Grund für seine Einlassung war der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin, der gerade vorgetragen worden war. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bonn war es I., der den schwächlichen Hermann während der zwölfstündigen Folterorgie zweimal oral und einmal anal mit dem Stiel eines Handfegers vergewaltigt hatte.

Danny K. soll nach Jugendstrafrecht verurteilt werden

Der Prozess um den Foltermord von Siegburg am Bonner Landgericht ist ein erschütternder Trip in die untersten Schichten der deutschen Gesellschaft. Alkoholismus, Verrohung, Gefühllosigkeit, Gewalt im Elternhaus, soziales Versagen. Am heutigen Verhandlungstag legten die Sozialarbeiter von der Jugendgerichtshilfe ihre Gutachten über die bereits geständigen Täter vor. Ihre Aufgabe war es auch einzuschätzen, ob die Angeklagten Ralf A. und Pascal I. bereits nach dem Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen sind.

Danny K., der dritte Angeklagte, wird aufgrund seines Alters nach Jugendstrafrecht verurteilt. Ihn erwarten maximal zehn Jahre Haft. Dabei hat er in der Vergangenheit nahezu keine Gelegenheit ausgelassen, kompromisslos Gewalt auszuüben. Allerdings, so Sozialarbeiter Jörg Wingold, habe der Junge auch nie etwas anderes kennen gelernt. Der Vater schlug die Mutter. Immer wieder habe sich Danny dazwischen geworfen. Doch selbst, wenn er seinen eigenen Sohn "Bastard" geschimpft habe, suchte Danny immer wieder vergeblich den Kontakt zum Vater.

Das Erlernte in der Schule weitergegeben

Schließlich gab er zunächst in der Schule weiter, was er zuhause erlernt hatte. Ständige Prügeleien, Sachbeschädigungen, in einer Akte ist sogar das Attribut "hinterhältig" zu finden. Er kam mehrfach in Psychiatrien, versuchte sich mit Medikamenten gegen das Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS) das Leben zu nehmen. Er kam in eine Wohngruppe und kurze Zeit später wieder raus, weil er jeden Konflikt mit Fausthieben löste. Er rauchte Gras und später gelegentlich auch Heroin. Er klaute und prügelte. Dann kam er in die JVA Siegburg, weil er gemeinsam mit einem Kumpel einen Rentner in dessen eigener Wohnung überfiel, auf ihn eindrosch und noch mit den Füßen trat, als der schon lang am Boden lag. Sie nahmen sein Fernsehgerät, weil er kein Bargeld hatte und ließen in liegen. Der alte Mann wurde erst am nächsten Tag gefunden - er war fast tot.

Die Prozessbeobachter sind sich nicht sicher, ob sie für solche Schicksale Mitgefühl haben sollen. Sozialarbeiter Wingold jedenfalls antwortet auf die Frage, welche Prognose der Angeklagte denn habe: "Ich will's mal so sagen, der Danny ist 'ne arme Sau."

Arm dran sind sie irgendwie alle drei, wie sie da sitzen, nur verschüchtert flüstern, wenn sie etwas gefragt werden. Vor allem Ralf A., nach Strapazen und Gewissenskämpfen deutlich abgemagert, blickt nur noch stoisch nach vorne. Auch ihm attestiert der zuständige Sozialarbeiter der Jugendgerichtshilfe eine erschütternde Vergangenheit. Den leiblichen Vater kannte er nicht, die Mutter habe ihn als Alkoholiker beschimpft und dennoch sagt A.: "Ich habe mir vorgestellt, dass er ein anständiger Mann ist." Auch Ralf A. spulte das ganze Programm ab: Heimaufenthalte, Drogen, Diebstähle, eine schwangere Freundin, die er geschlagen haben soll. Und nun ein Kind, das bei einer Pflegefamilie lebt, weil auch die Mutter in größten Schwierigkeiten steckt. Der Sozialarbeiter urteilt: A. müsse beim kommenden Strafmaß wie ein Erwachsener behandelt werden.

900 Euro Drogegeld für sich, 1000 für seinen Kurier

Das droht auch Pascal I., selbst wenn Sozialarbeiter Weingold zu einem andere Schluss kommt. Seine Vergangenheit noch zu erzählen, erübrigt sich beinahe. Zu identisch ist das Leben der drei Angeklagten, die Hermann Heibach nach zwölfstündiger Folter dazu zwangen, sich selbst zu erhängen. Nur eines sei hier noch erwähnt. I. hat Drogen nicht nur konsumiert, sondern auch verkauft. Bis zu 5000 Euro habe er manchmal gehabt. Das meiste davon musste er für den Einkauf investieren, er behielt 900 Euro, sein Laufbursche bekam 1000. Ein wirtschaftlicher Sachverstand, der bei der Nebenklage für verschmitztes Grinsen sorgte.

Am Mittwoch nun wird der psychiatrische Gutachter seine Einschätzungen verlesen. Es dürfte entscheidend dafür sein, ob und wen das Gericht lebenslänglich hinter Gitter schickt.