Foltermord von Siegburg Die brutale Jugend des Pascal I.


Pascal I. muss 15 Jahre hinter Gitter. So lange, weil er an dem Foltermord von Siegburg beteiligt war. So kurz, weil die Richter auf Besserung hoffen. stern.de hat mit Bekannten und Lehrern gesprochen: Sie zeichnen das Bild eines gefühllosen Jugendlichen, der nur die Sprache der Gewalt kennt.
Von Frank Gerstenberg

Die Bonner Staatsanwaltschaft will sich im Fall des zu 15 Jahren Haft verurteilten "Foltermörders von Siegburg" Pascal I. nicht mit dem Urteil des Bonner Landgerichts abfinden und hat unmittelbar nach dem Prozess Revision eingelegt.

Das Urteil gegen die drei Mörder von Siegburg ist von Prozessbeobachtern und Angehörigen des Opfers Hermann H. scharf kritisiert wurden. Die drei Männer Danny K. (18), Pascal I. (20) und Ralf A. (21) hatten im November 2006 ihren Mithäftling in der Zelle 104 der Justizvollzugsanstalt Siegburg stundenlang gequält, erniedrigt und schließlich gezwungen, sich selbst zu erhängen.

Der Vorsitzende Richter der Achten Großen Strafkammer des Bonner Landgerichts, Volker Kunkel, bescheinigte den dreien angesichts der zwölf-stündigen sadistischen Misshandlungen "dissoziale und kriminelle Persönlichkeitsstrukturen". Der Sprecher der Bonner Staatsanwalt, Fred Apostel, schüttelte angesichts der Gewaltorgie den Kopf: "Das übersteigt alles, was man Menschen zutrauen kann", sagte er.

Verwunderung über mildes Urteil

Besonders Pascal I. hatte sich bei dem Gewalt-Exzess - etwa bei den Vergewaltigungen - gegen den 20-jährigen Hermann H. hervorgetan. Richter Kunkel hatte ihn daher während des Prozesses auf der "untersten sittlichen Stufe" angesiedelt. Staatsanwalt Robin Fassbender hatte für Pascal I. lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld gefordert, das hätte bedeutet: Der Angeklagte hätte 25 Jahre hinter Gittern gemusst und frühestens nach 18 Jahren einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung stellen können.

Umso größer war Anfang Oktober die Überraschung im Gerichtssaal gewesen, als der Vorsitzende Richter das Urteil und die Begründung verkündete: zehn Jahre Haft und damit Jugend-Höchststrafe für Danny K., der zur Tatzeit 17 Jahre alt war, aber lediglich 15 Jahre Gefängnis für Pascal I. und 14 Jahre für Ralf A.. Es bestehe trotz "großer Bedenken" die begründete Hoffnung, dass beide wieder in die "Gesellschaft eingegliedert" werden könnten, zumal sie während der Untersuchungshaft Vater wurden, sagte der Richter.

Kunkel hatte beide damit zwar nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt aber eine Sonderregelung angewandt, die das Jugendgerichtgesetz für Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren zulässt: Wenn begründete Hoffnung auf "Resozialisierbarkeit" besteht, kann das Gericht von der lebenslangen Freiheitsstrafe absehen, die für Mord vorgeschrieben ist.

Die Angehörigen des Getöteten - sein Bruder Martin H. sowie die Mutter und die Schwester - empörten sich über das Urteil, auch Staatsanwalt Robin Fassbender konnte es nicht nachvollziehen und legte Revision ein. Er hält Pascal I. für nicht therapierbar. Fassbender könnte mit seiner Einschätzung richtig liegen. stern hat ehemalige Nachbarn und Bekannte des Bottropers Pascal I. getroffen, die das Bild eines Menschen zeichnen, der als Kind bereits eine unfassbare Grausamkeit an den Tag legte.

Nachbarskinder ins Krankenhaus geprügelt

Toni K. bricht in Hohngelächter aus, als er den Urteilsspruch des Vorsitzenden Richters der Achten Großen Strafkammer am Landgericht Bonn hört: Pascal I. wieder in die Gesellschaft eingliederbar? "Das ist der beste Witz, den ich je gehört habe. Den kann man nicht mehr reparieren. Mich ärgert vor allem, dass seine Familiengeschichte kaum Notiz findet."

Toni K. (52) kennt den 20-jährigen Pascal besser und länger als ihm lieb sein kann - und wie kaum ein anderer Nachbar in einer Arbeiterwohngegend am Rande des Bottroper Stadtzentrums. Toni K. erzählt, sein Sohn Dominik sei als Kleinkind von dem drei Jahre älteren Nachbarsjungen Pascal auf dem Weg zum Kindergarten mit einem schweren Eichenknüppel bedroht worden. Im Schwimmunterricht an der Rheinbaben Grundschule habe Pascal K.s Tochter krankenhausreif geprügelt. Ein anderes Mal soll Pascal ihr mit der Faust derart brutal ins Gesicht geschlagen haben, dass sie erneut im Krankenhaus versorgt werden musste.

Ehemalige Lehrer haben bei dem Namen Pascal I. Prügeleien, weinende Kinder, Klassenkonferenzen, Elterngespräche, Erziehungsmaßnahmen vor Augen - und die eigene Hilflosigkeit. "Er traktierte fortwährend andere Kinder. Meist in Situationen, in denen er sich unbeobachtet fühlte", erinnert sich eine Lehrerin. Erziehungsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit Jugendamt und Polizei seien an ihm, vor allem aber an den Eltern, abgeprallt: "Die Mutter wies stets alle Vorwürfe zurück, ihr Pascal war grundsätzlich unschuldig", erinnert sich die Pädagogin. "Pascal I. war ein Kind, bei dem ich absolut an meine Grenzen gekommen bin", sagt eine andere Lehrerin der vielen Schulen und Fördermaßnahmen, die Pascal in all den Jahren in Bottrop und Umgebung durchlaufen hat. Sie sagt einen Satz, bei dem sie sich fast selbst erschreckt: "Zum ersten und einzigen Mal habe ich über ein Kind gesagt ´das kann man vergessen`." Das sagt eine Pädagogin, die seit Jahrzehnten in diesem Job arbeitet. Bei den Fernsehbildern vom feixenden, grinsenden Foltermörder hat sie den elfjährigen Schüler vor Augen. "Das Verhalten war typisch für ihn. Nichts annehmen, nie schuld sein. Es prallte alles an ihm ab."

Auch Tochter des Nachbarn bedroht

Pascal sei dieses Verhalten von Zuhause gewohnt gewesen, meint Toni K.. Sein Sohn Dominik, heute 16, sei als 13-Jähriger von dem 17-jährigen Schläger Pascal I. auf dem Nachhauseweg von der Schule angehalten, vom Fahrrad gezerrt, mit dem Kopf an die Wand gedrückt, wenige Meter vor der Haustür gewürgt und mit den Worten bedroht worden: "Ich fick dich in den Arsch." Die Tochter habe Angst gehabt, die 200 Meter von der Bushaltestelle allein nach Hause zu gehen.

Mutter Gertrud K. erleidet in den 15 Jahren, in denen sie neben der Familie I. wohnt, mehrere Nervenzusammenbrüche. Einmal sei sie im Hauseingang von den angetrunkenen Eltern Pascals in ihr eigenes Haus gedrückt, bedroht, geschlagen und getreten worden, erzählt Toni K.. Pascal habe ihm selber gedroht, ihn mit der "Axt zu erschlagen". Diese Familie "ist ein einziger Alptraum", sagt Toni K.. Häufig sei er von der Arbeit als Betriebselektriker bei der Firma DSKA nach Hause geeilt, um seine Familie zu schützen.

"Behörden haben versagt"

Vergeblich hat K. anderthalb Jahrzehnte lang den Staat um Hilfe gegenüber der gewalttätigen Familie ersucht, die mit drei Generationen in Bottrop in einer ehemaligen Zechen-Doppelhaushälfte unter einem Dach wohnte. Vom Jugendamt wurde er zur Polizei und umgekehrt geschickt: Gegen einen Vierzehnjährigen könne man nichts unternehmen, weil er noch nicht strafmündig sei, wurde ihm mitgeteilt, sagt K..

Sogar den örtlichen Bundestagsabgeordneten habe er eingeschaltet, eine Unterschriften- und Protestaktion gegen die Familie initiiert. Gebracht hat es nichts, im Gegenteil: "Nachbarschaften sind darüber zerbrochen", sagt K.. Pascal, Spitznamen "Kali" oder - wegen seines exzessiven Drogen- und Alkoholkonsums - "Stoni", wütet ungestört weiter, erzählt K.. Pascal habe Tiere getötet, Autos zerkratzt, einen kleinen Jungen mitten im tiefsten Winter in einen Teich geschmissen oder seinen Kot genüsslich mit dem Hintern an der Scheibe eines Ladens in Bottrop verrieben.

Ein junger Mann aus der Nachbarschaft war vor einigen Jahren mit Pascal zusammen in einer Skateboard-Clique. Seinen Namen will er nicht sagen, "weil ich Angst vor der Familie habe". Er habe miterlebt, wie der damals 13-jährige Pascal einem Gleichaltrigen "das Skateboard durch das Gesicht zog", erzählt er.

Höhepunkt der Gewaltexzesse sei der Überfall auf eine Hochzeitsgesellschaft gewesen, bei dem Pascal und seine Kumpels dem Brautpaar die Geschenke aus dem Auto gestohlen und einem der Hochzeitsgäste den Schädel gebrochen hätten. Selbst die Kumpels am Bottroper "Eigen", dem Treffpunkt der Gescheiterten, Stricher und Junkies, hatten zuletzt Abstand von "Stoni" genommen. "Er wurde immer brutaler". Der ehemalige Skateboard-Kumpel erfuhr es am eigenen Leib: "Er schlug sofort zu, wenn man sich gegen seine Pöbeleien zu wehren versuchte ."

Toni K. pfeffert eine 80 Seiten dicke Akte auf den Tisch: Schriftverkehr in Sachen I.. "Nichts hat der Staat unternommen, alle Behörden, Jugendamt, Polizei, Stadt, haben kollektiv versagt", sagt der kleine, energische Mann wütend. Von der zuständigen Sozialarbeiterin der Stadt Bottrop hörten die K.s, dass "Kinder sich nun mal prügeln". Wenn der Sohn "traumatisiert" sei, könne er sich an die Caritas wenden. Die böten eine "kostenlose Beratung" an. K. lehnte dankend ab und fühlte sich in seiner Überzeugung bestätigt, dass "für die Täter alles, für die Opfer nichts" getan werde. Das Jugendamt Bottrop äußerte sich auf Anfrage von stern.de nicht zu dem Fall.

Die vierköpfige Familie K. war derart am Ende, dass sie ihr Haus in der Arbeitersiedlung Rheinbaben-Kolonie verkaufen wollten. Als Toni K. erfährt, dass sich der gewalttätige Nachbarsjunge zu einem grausamen Mörder entwickelt hat, überrascht ihn das wenig: "Er war als Kind schon völlig emotionslos."

Briefe aus dem Knast

Auch Josef Olaf S., genannt J.O.S.T, ist "nicht überrascht, aber erstaunt." Denn dass Pascal zusammen mit zwei weiteren Zellennachbarn seinen Mithäftling Hermann H. vergewaltigte, schlug, erniedrigte und schließlich erhängte, sei eher untypisch für ihn. "Er ist eigentlich masochistisch veranlagt." Und J.O.S.T. (51) muss es wissen: Der bisexuelle Frührentner kennt Pascal seit Jahren.

"J.O.S.T" ist Pascals Geldgeber und offensichtlich einer der wenigen festen Bezugspunkte in seinem Leben, in dem er vom Kindergarten über die Grundschule und die Hauptschule Overberg sowie die Förderschule bis zum Knast eine einzige Spur der Verwüstung und Gewalt zog. Nur Jost vertraut er sich an, unter anderem in acht Briefen, die er zwischen September und November 2006 an ihn schickt. Fast immer geht es darum, dass Pascal Geld von ihm will, mal für Tabak, mal für einen Receiver, den er sich im Knast kaufen wollte.

Die beiden Männer tauschen in einem vorpubertären Jargon Banalitäten aus, in deren Verlauf eine weitreichende Veränderung im Leben des Folter-Mörders beinahe untergeht: Am 14. August, knapp zwei Monate vor der Horrortat, bestätigt Pascal I., dass er Vater wird: "Wer sagt den, das ich Vater werde Woher weiß du das und dann noch im November, mein 2/3 Termin ist an.01.03.07", (Rechtschreibfehler im Original) schreibt der Schulabbrecher, den man in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Marl vergeblich versucht hatte zu therapieren.

Nie Autorität gespürt

Der Bonner Rechtsanwalt Thomas Ohm, der Pascal I. im Strafverfahren verteidigt, will die Vorwürfe aus der frühen Jugendzeit seines Mandanten zum ersten Mal gehört haben. "In den Akten stand darüber nichts." Verwundert zeigte sich der Strafverteidiger im Gespräch mit stern.de von den Gewalt-Exzessen seit frühester Kindheit nicht: "Ihm hat vermutlich nie jemand Grenzen gesetzt, er hat nie Autorität zu spüren bekommen. Seit dem 7. Schuljahr hat er keine Schule mehr besucht, und wenn, dann nur, um irgendwelche Kumpels zu treffen", sagt Ohm. "Wenn man jemanden wie ihm aber nicht mal irgendwann eins auf die Hörner gibt, dann wird der Terror dieser Jugendlichen uferlos. Die Eltern haben bei ihrem Erziehungsauftrag total versagt." Dafür spreche, so Ohm, dass sich die Eltern während des gesamten Strafverfahrens nicht erkennbar für ihren Sohn engagiert hätten: "Den Vater habe ich nie gesehen, die Mutter hat mit mir ein einziges nichtssagendes Gespräch geführt."

Dennoch hält Ohm seinen Mandanten "für veränderbar und damit für therapiefähig: Ich habe ihn weinen sehen, als ich ihn mit den Folgen seiner Tat konfrontierte, und das hat er nicht mir zuliebe getan", sagt Ohm, der in 20 Jahren als Strafverteidiger rund 7.000 Menschen verteidigt hat. "Solange jemand noch trauern kann, ist er noch therapiefähig."

Pascal I. resozialisierbar? "Da lache ich mich kaputt. Man sollte mal lieber an die Opfer denken", sagt Toni K.. Welche Strafe er für angemessen hielte? "Lebenslang mit Sicherheitsverwahrung. Man muss die Gesellschaft vor ihm schützen."


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