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Überführung durch DNA-Analyse?: Forscher glauben: Das ist "Jack the Ripper" – doch ihre Kollegen schlagen Alarm

Mehr als ein Jahrhundert nach seinen Taten gilt "Jack the Ripper" als wohl bekanntester Serienmörder Englands, gefasst wurde er nie. Nun wollen ihn britische Forscher identifiziert haben. Von mehreren Kollegen hagelt es jedoch heftige Kritik.

Jack the Ripper - DNA-Analyse - Forscher

Eine Illustration des polnischen Barbiers Aaron Kosminski, der damals als einer der Hauptverdächtigen im Fall der "Jack the Ripper"-Morde galt

Picture Alliance

Rund 130 Jahre ist es her, dass "Jack the Ripper" in London für Angst und Schrecken sorgte. Mindestens fünf brutale Morde an Prostituierten werden dem wohl bekanntesten Serienmörders Englands zur Last gelegt, gefasst wurde er nie. Nun wollen britische Forscher die Identität des Täters mittels einer DNA-Analyse geklärt haben. Andere Wissenschaftler jedoch bewerten die vorgelegten Ergebnisse aufgrund gleich mehrerer Punkte äußerst kritisch.

Jari Louhelainen von der John Moores University in Liverpool und sein Kollege David Miller von der University of Leeds indes sind überzeugt, mit ihrem im "Journal of Forensic Sciences" veröffentlichten Artikel die ihres Wissens nach "fortschrittlichste Studie, die je zu dem Fall gemacht wurde", vorgelegt zu haben. Dafür griffen die Forscher auf eine Kriminaltechnik zurück, die den damaligen Ermittlern noch nicht zur Verfügung stand: die DNA-Analyse.

Blut an Opferschal mit DNA von Nachfahren verglichen

Konkret untersuchten Louhelainen und Miller einen blutverschmierten Schal, der 1888 in der Nähe des vierten Opfers, Catherine Eddowes, gefunden worden war. Dafür entnahmen sie den Blutflecken des Kleidungsstücks winzige Proben, die sie einer vergleichenden Analyse unterzogen, bei der sie sich auf die mitochondriale DNA konzentrierten - also Erbgut, das über die mütterliche Abstammungslinie weitergegeben wird.

So verglichen die Wissenschaftler die Proben sowohl mit der DNA von noch lebenden Verwandten Eddowes' wie auch von Nachfahren Aaron Kosminskis, einem polnischen Barbier, der damals als einer der Hauptverdächtigen ins Visier der Polizei geraten war. Die Ergebnisse: Zum einen stellten die Forscher fest, dass der Schal tatsächlich Eddowes gehörte. Zum anderen fanden sie ihrer Studie zufolge heraus, dass zwischen der ebenfalls auf dem Schal befindlichen, jedoch nicht von dem Opfer stammenden DNA und dem Erbgut einer weiblichen Verwandten Kosminskis Übereinstimmungen bestehen.

Für Miller und Louhelainen ein möglicher Beweis, dass Kosminski der Mörder und damit letztlich auch "Jack the Ripper" war. Zumal zusätzliche Analysen ergeben hätten, dass der Täter wie auch Kosminski braune Augen und Haare besaßen. Die erfassten "phänotyptischen Informationen stimmten mit der einzigen, als zuverlässig erachteten Zeugenaussage überein", führen die Forscher aus. 

Genetiker nehmen Studie auseinander 

Andere Wissenschaftler aus dem Bereich der Genforschung bewerten die Herangehensweise von Louhelainen und Miller sowie deren Schlussfolgerungen hingegen sehr kritisch. So merkte Adam Rutherford, angesehener Experte für Genetik, via Twitter (hier der gesamte Thread) an, dass die vorgelegte Studie alles andere als neu sei und stattdessen in ähnlicher Form bereits 2014 in einem Buch beschrieben wurde. Auch inwieweit sich der Schal überhaupt für eine DNA-Analyse eigne, stellte Rutherford in Frage. Zwar behaupteten Louhelainen und Miller sehr sorgfältig vorgegangen zu sein, Rutherford jedoch empfindet die Verwendung des Kleidungsstücks als "problematisch". So sei der Schal, demnach ein Seidentuch, damals und durch Fotos dokumentiert durch sehr viele Hände gegangen. Als unverfälschtes Objekt für eine DNA-Analyse könne der Schal damit nicht gelten. 

Deutlich vernichtender fällt das Urteil von Turi King, Genetik-Professorin an der University of Leicester, aus. "Wie konnte es diese Studie durch die Überprüfung schaffen?", fragte die Wissenschaftlerin, die die Untersuchung angesichts fehlender Angaben zur Methodik und den erhaltenen Daten schlichtweg für "nicht veröffentlichbar" hält, auf Twitter. So bemängelt auch King, dass der Schal aufgrund des Umgangs mit ihm längst kontaminiert sei. Nicht nur habe der Besitzer ihn fotografiert, während er ihn mit bloßen Händen hielt. Anscheinend sei der Schal auch in Kontakt mit Nachkommen gewesen, die in der Studie für den Vergleich des Erbguts herangezogen wurde, schreibt King. Dies sei "atemberaubend".

"Ein ziemlicher Vorwurf" ohne wissenschaftlichen Beleg  

Generell bewerten die Forscher die Verwendung mitochondrialer DNA im konkreten Fall als großes Problem. Zwar könnten sich DNA-Proben der Verwandten von Catherine Eddowes theoretisch mit den Blutflecken in Verbindung bringen lassen, dies liege jedoch nur daran, dass das Opfer weiblich sei und seine Verwandten mütterlicherseits ein entsprechend ähnliches Erbgut hätten. Für den einstigen Hauptverdächtigen Kosminskis aber gelte das nicht.

Dieser "konnte seine mitochondriale DNA nicht weitergegeben haben, weil er ein Mann war", so King, die sich angesichts des ausgelösten Wirbels in der englische Presse auch um die Nachfahren Kosminskis sorgt. So stelle die Studie fest, dass Kosminski "Jack the Ripper" sei, "ein ziemlicher Vorwurf angesichts der Tatsache, dass die vorgelegte Wissenschaft dies nicht belegt".

Wird "Jack the Ripper" nicht mehr identifiziert?

In die gleiche Richtung gehen auch die Meinungen zweier Wissenschaftler der Medizinischen Universität Innsbruck. So kritisierte Forensiker Walther Parson in einem Artikel des "Science Magazines", dass Louhelainen und Miller ihre Ergebnisse, allen voran die DNA-Sequenzen, nicht öffentlich machten. So aber könne man die Resultate nicht nachvollziehen und überprüfen. Sein Kollege Hansi Weissensteiner, Experte in Sachen mitochondrialer DNA, merkte kritisch an, dass das angewandte Analyseverfahren lediglich zuverlässig zeigen könne, dass Menschen oder zwei DNA-Proben nicht miteinander verwandt seien. Eigentlich ermögliche das Verfahren nur, Verdächtige ausschließen zu können. 

Angesichts dieser Unsicherheiten, den fehlenden Angaben zu Ergebnissen und Methodik sowie der "Geschichte" des Schals kommt Rutherford zu dem Schluss: "Die Frage nach der Identität (von "Jack the Ripper", Anm. d. Red.), da bin ich überzeugt, wird niemals bekannt werden."

 

Quellen: "Journal of Forensic Sciences" / "Science Magazine" / Twitter

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