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Fourniret-Prozess: "Ich bin schlimmer als Dutroux"

Kaum hatten sich die Belgier vom Schrecken der Dutroux-Affäre erholt, sorgte im Sommer 2004 ein neuer Killer für Entsetzen. Michel Fourniret gestand, sieben Frauen getötet zu haben. Jetzt steht er in Frankreich vor Gericht. Wichtigste Zeugin ist Marie-Ascensión K. , die ihm in letzter Sekunde entkam.

Von Albert Eikenaar

Als Marie-Ascensión K. am Nachmittag des 26. Juni 2003 die elterliche Wohnung verlässt, wird sie heimlich von einem kleinen, hageren Mann in einem weißen Lieferwagen beobachtet. Es ist schönes Wetter. Die 13-Jährige will im nahen Stadtzentrum eine Geburtstagskarte für eine Freundin besorgen. Der Einkauf ist schnell erledigt. Nur noch rund 500 Meter trennen sie von ihrem Zuhause. Da taucht neben ihr der Mann im Transporter auf. Er sagt: "Ich muss zum Kloster. Wo ist das?"

Glauben Sie an Gott?

Marie-Ascensión erklärt ihm, wo es lang geht. Der Fremde tut jedoch so, als ob er nicht begreift und bittet sie, bei ihm einzusteigen, um ihn zu lotsen. Das Mädchen weigert sich zunächst. Als der Unbekannte jedoch freundlich sagt, dass er das verstehe, sie aber nichts zu befürchten habe, weil er Lehrer sei, lässt das Mädchen sich überzeugen. Lehrer ist ihr Vater auch. Das schafft so etwas wie Vertrauen. Sie steigt ein. Im selben Augenblick braust der Mann davon. Das Kind spürt die Gefahr, versucht aber dennoch die Nerven zu behalten. Es registriert alles was passiert und fragt, ob der Mann neben ihr am Steuer vielleicht ein Mitglied der Bande von Dutroux sei. Es ist das erste, was ihr einfällt. "Dutroux? Nein, ich bin viel schlimmer als Dutroux", antwortet er.

Marie-Ascensión gerät in Panik. Später erinnert sie sich immer wieder an diesen Moment. "Ich habe Gott gebeten, mir zu helfen. Danach fragte ich den Mann: Glauben Sie an Gott? Wieso, wollte er wissen. Weil Sie dann nicht täten, was sie jetzt machen. Sie würden mich laufen lassen."

Lautes Beten machte Fourniret wütend

Der Kidnapper schweigt und fährt mit hohem Tempo weiter. Marie-Ascensión beginnt wieder laut zu beten. Das versetzt den Mann in Wut. "Du gehst mir auf die Nerven." Er stoppt seinen Wagen, zerrt das verängstigte Mädchen in den Laderaum und fesselt sie an Hand- und Fußgelenken. Während er weiter fährt, versucht sie, sich von den engen Schnüren zu befreien. Tatsächlich kann sie die Fußfesseln lösen. "Anschließend nagte ich mit meinen Zähnen das Ledergürtelchen durch, mit dem er meine Hände festgebunden hatte. Das war nicht so leicht. Der Weg war holprig und ich zitterte."

Trotzdem kann sich Marie-Ascensión befreien. "Nun kam es darauf an, nicht in Panik zu geraten. Ich musste den richtigen Moment abwarten. Einfach so rauszuspringen, wäre lebensgefährlich gewesen. Ich konnte nichts sehen, auch nicht, ob andere Auto’s hinter uns fuhren", erinnert sich das Mädchen. Sie konzentriert sich auf das Motorengeräusch, versucht herauszufinden, wie schnell das Auto fährt. Den Griff, mit dem sich die Laderaum-Tür öffnen lässt, hat sie längst gefunden.

Der Fahrer merkt nichts

Als der Transporter endlich das Tempo vermindert und Marie-Ascensión fühlt, dass sie fast stehen, nimmt sie allen Mut zusammen und springt heraus. Der Fahrer merkt nichts. Er fährt langsam über eine Kreuzung, während sein Opfer sich im Maisfeld versteckt. Als er außer Sichtweite ist, sieht Marie-Ascensión auf einem Straßenschild, dass sie 23 Kilometer von Ciney, ihrem Wohnort, entfernt ist. Nach wenigen Sekunden nähert sich ein kleiner Peugeot mit einer jungen Frau am Steuer, die direkt neben dem winkenden Mädchen hält. Marie-Ascensión erzählt hastig, was passiert ist. Die Fahrerin zögert keinen Moment und rast mit dem Kind neben ihr zur nächsten Gendarmerie. Auf halber Strecke kommt ihnen der weiße Gionette des Entführers entgegen. Offenbar ist er inzwischen auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen. Marie-Ascensión notiert geistesgegenwärtig sein Autokennzeichen.

Der Polizeicomputer braucht nur ein paar Sekunden, um den Besitzer des Transporters herauszufischen. Es handelt sich um einen gewissen Michel Fourniret. Als dieser heim kommt, haben die Fahnder sein Haus bereits umzingelt. Ohne Probleme lässt er sich verhaften.

"Gott erhörte meine Gebete"?

Dass ihre Nervenstärke zur Festnahme von Frankreichs übelstem Serienmörder führt, macht Marie-Ascensión zutiefst zufrieden. "Wenn ich nicht so laut gebetet hätte, wäre Fourniret vielleicht ruhig geblieben. Er würde mich irgendwohin gebracht haben, wo ich keine Chance gehabt hätte, mich zu wehren. Gott erhörte meine Gebete", sagt das tiefgläubige Mädchen.

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