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Neuer Prozess: Kinder-Doppelmord: War es Frankreichs berüchtigter Serienkiller?

Vor über 30 Jahren wurden zwei achtjährige Jungen im französischen Metz bestialisch ermordet. 15 Jahre saß dafür ein wohl Unschuldiger in Haft. Nun will die Justiz den wahren Mörder gefunden haben. Es ist ein alter Bekannter.

Der französische Serienmörder Francis Heaulme auf einer Zeichnung vor Gericht

Der französische Serienmörder Francis Heaulme auf einer Zeichnung vor Gericht

Das grausige Verbrechen liegt bereits mehr als 30 Jahre zurück und noch immer ist nicht abschließend geklärt, wer dafür verantwortlich ist. Am 28. September 1986 werden im französischen nahe einer Bahnstrecke zwei Kinderleichen gefunden. Cyril Beining und Alexandre Beckrich werden nur acht Jahre alt. Die Körper der beiden Schuljungen sind übel zugerichtet. Ihr Mörder hat ihnen die Köpfe mit Steinen zertrümmert.

Schnell gerät ein 16-jähriger Nachbar ins Visier der Ermittler. Nach Stunden im Verhör gesteht der Kochlehrling schließlich, die beiden umgebracht zu haben. Wenig später widerruft er sein Geständnis, wird trotzdem 1989 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. In einem Berufungsprozess 2001 wird erneut seine Schuld festgestellt. Ein Jahr später dann die überraschende Wendung: Nach 15 Jahren in Haft wird er doch für unschuldig erklärt und kommt frei. Das Geständnis sei auf Druck des ermittelnden Polizisten entstanden, auch die Richter seien voreingenommen gewesen. Im Gefängnis, so berichtet der heute 46-Jährige, wurde er von Mithäftlingen mehrfach geschlagen, gedemütigt und vergewaltigt. Er erhält von Frankreich eine Million Euro Entschädigung für seine Zeit im Gefängnis.

Die Spur führt zum Serienmörder Francis Heaulme

Während der vermutlich unschuldige Mann jahrelang in Haft saß, wurde einer der berüchtigsten Serienmörder Frankreichs festgenommen. Francis Heaulme hat mindestens neun Menschen umgebracht. Männer, Frauen, Kinder. Dafür sitzt er gleich zwei lebenslange Freiheitsstrafen ab. Die Ermittler vermuten ihn aber hinter bis zu 20 Morden, manche sogar hinter rund 50. Auch für den Tod der beiden Jungen 1986 könnte er verantwortlich sein. Seit Anfang der Woche wird ihm dafür in Metz der Prozess gemacht.

Der "Kriminelle Rucksacktourist" - wie der heute 58-Jährige in der Presse viel zu harmlos genannt wurde - reiste Ende der 80er-Jahre als Vagabund durch Frankreich und zog eine unfassbare Blutspur hinter sich her. Mehr oder minder wahllos fand er seine Opfer, erwürgte sie, metzelte sie mit zahlreichen Messerstichen nieder oder schnitt ihnen die Kehle durch. Teilweise sollen auch sexuelle Motive eine Rolle gespielt haben. Manchmal hatte er Gehilfen, die sich an den Opfern vergingen.

Heaulme leidet am Klinefelter-Syndrom, einem seltenen Gendefekt. Etwa ein bis zwei von 1000 Jungen sind davon im Schnitt betroffen. Zusätzlich zum normalen männlichen Chromosomensatz XY haben diese Menschen in einigen oder allen Körperzellen ein weiteres X-Chromosom. Vereinfacht gesagt sind ihre Gene weiblicher. Typische Symptome sind ein eingeschränktes Wachstum der Hoden und manchmal auch des Penisses. Nicht selten sind die Betroffenen unfruchtbar. Männliche Merkmale wie eine tiefe Stimme oder Bartwuchs sind meist wenig bis gar nicht ausgeprägt.

Seit Mitte der 90er-Jahre sitze Francis Heaulme in einem Hochsicherheitsgefängnis

Seit Mitte der 90er-Jahre sitze Francis Heaulme in einem Hochsicherheitsgefängnis

Heaulme wusste lange nichts von seiner Krankheit, litt in seiner Kindheit unter einem gewalttätigen Vater, der ihn schlug und im Keller einsperrte. Nach dem Tod seiner Mutter, begab er sich 1984 auf seine für so viele verhängnisvolle Reise durch Frankreich. Der damals 26-Jährige legte in acht Jahren beachtliche Strecken zu Fuß, per Anhalter oder mit dem Fahrrad zurück, kam als Alkoholkranker in zahlreichen psychiatrischen Einrichtungen unter. Manche seiner Morde gestand er sogar medizinischem Personal, das ihm zunächst nicht glaubte und sich später mit Verweis auf die Schweigepflicht rechtfertigte, nicht die Polizei informiert zu haben.

Bestialische Morde an Kindern, Frauen, Männern

Heaulme tötete mit unfassbarer Grausamkeit und Brutalität. Eine Leiche wies 84 Messerstiche auf. Seine Opfern waren unter anderem ein achtjähriger Junge, ein 14-jähriges Mädchen, das während der Tat von einem Komplizen vergewaltigt wurde und eine 17-jährige per Anhalter Reisende. Zudem ermordete er eine 26-jährige Frau, einen 65-jährigen pensionierten Soldaten und eine 44-jährige Krankenschwester. Der letztgenannte Fall 1989 brachte den Mann auf seine Spur, der ihm am Ende das Handwerk legte.

Der französische Ermittler Jean-François Abgrall vernahm Heaulme damals als Zeugen. Die Frau wurde an einem öffentlichen Strand von hinten attackiert - am helllichten Tag. Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten. Mehrere Stiche gingen präzise in lebenswichtige Organe. Healume lebte damals in der nahegelegenen Klinik aufhielt. Die Patienten von dort wurden öfter an dem eher spärlich besuchten Strandabschnitt gesehen, an dem die Krankenschwester starb. Heaulme beschrieb dem Ermittler gegenüber, wie man einen Menschen tötet - und die Beschreibung deckte sich haargenau mit der Tat, obwohl keine Infos darüber in der Presse zu lesen waren. Den Mord aber stritt er ab. Beweise fanden sich nicht. Abgrall musste ihn laufen lassen.

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Der Serienmörder Karl Denke

Karl Denke ("Papa Denke", "Kannibale von Münsterberg") ermordete zwischen 1903 und 1924 in seiner Wohnung in Münsterberg (heute: Ziebice in Polen) mindestens 30 Menschen, zumeist Landstreicher. Er tötete seine Opfer, verarbeitete und aß ihr Fleisch, das er zudem – in Pökelsalz haltbar gemacht – auf dem Wochenmarkt in Breslau verkaufte. Über seine Taten führte er Buch. Sein 31. Opfer, das schwer verletzt fliehen konnte, war bereits vermerkt. Denke beging in der Haft Selbstmord. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fand die Polizei Hinterlassenschaften, die auf 42 Opfer schließen lassen – darunter Hosenträger und Schnürsenkel aus Menschenhaut.

Doch der Polizist blieb - auch gegen die Befehle seines Vorgesetzten - jahrelang an Heaulme dran, recherchierte in anderen ungelösten Mordfällen und meinte, ein Muster, eine Handschrift zu erkennen. An den Tatorten wurden jedoch nie entscheidende Spuren, geschweige denn DNA-Material gefunden. Heaulme bewegte sich ständig, mordete fast in ganz Frankreich. Nie hatte er erkennbare Motive. Die Opfer kannte er alle nur kurz. Erst im Januar 1992 entlockte Abgrall Heaulme ein Geständnis. Bis dahin hatte dieser mindestens drei weitere Menschen getötet.

Ermittler gewann das Vertrauen des Serienmörders

Ermittler Abgrall hatte sich viel mit dem Täter beschäftigt und offenbar dessen Vertrauen gewonnen. Detailliert berichtete dieser ihm von seinen Morden, fertigte präzise Zeichnungen der Tatorte an. "Wenn du ihn nichts gefragt hast, hat er dir am meisten erzählt", sagte er über Heaulme. Über das jahrelange Katz- und Maus-Spiel hat Abgrall ein Buch verfasst, beschreibt den Serienmörder so: "Er lügt nicht. Er denkt sich keine Sachen aus. Er vermischt nur immer wieder bewusst die Angaben der Verbrechen, die Daten und Orte, um seine Spuren zu verwischen."

Die beiden Opfer Alexandre Beckrich (l.) and Cyril Beining wurden im September 1986 mit zertrümmerten Schädeln aufgefunden

Die beiden Opfer Alexandre Beckrich (l.) and Cyril Beining wurden im September 1986 mit zertrümmerten Schädeln aufgefunden


Seit Anfang der Woche läuft nun ein neuer Prozess gegen den Mann, der seit Mitte der 90er-Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt. Die Staatswanwaltschaft will ihm den ungeklärten Mord an den beiden Jungen aus Metz nachweisen, für den jahrelang ein wohl Unschuldiger in Haft saß. Auch Heaulmes Aussagen gegenüber Abgrall haben ihn mit dem Doppelmord in Verbindung gebracht. Zum Tatzeitpunkt war er demnach vor Ort, berichtete dem Ermittler davon, dass ihn die Jungen mit Steinen beworfen hätten. Ein Zeuge will ihn dort blutverschmiert gesehen haben. Er sei mit dem Fahrrad gestürzt, sagte Heaulme. Die Tat selbst streitet er entschieden ab. Rund 100 Zeugen sollen in dem Mammutprozess befragt werden. Ob es restlose Aufklärung geben wird, ist aber unklar. Die Beweismittel wurden 1995 zerstört, da man davon ausging, dass der Täter ja bereits verurteilt sei.

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