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Der berüchtigte Gambino-Clan: Das erste Attentat auf einen Mafia-Boss in New York seit 1985 und wieder in derselben Familie

Der Boss der berüchtigten Gambino-Mafia-Familie ist vor seinem Haus mit sechs Kugeln getötet worden. Das Attentat auf Francesco "Frank" Cali ist das erste dieser Art seit mehr als 30 Jahren in New York – und erinnert an die dunkle Vergangenheit. 

Francesco "Frank" Cali: Berüchtigter Mafia-Boss in New York erschossen

Mindestens sechs Schüsse hallen am Mittwochabend durch die gehobene Nachbarschaft auf Staten Island, New York. Luxuriöse Villen mit Swimmingpools auf den weitläufigen Anwesen reihen sich hier aneinander. In einer von ihnen wohnt Francesco "Frank" Cali mit seiner Frau und den kleinen Kindern. Doch an diesem Abend schafft er es nicht bis zur Tür. Getroffen von sechs Kugeln bricht Cali noch neben seinem Auto zusammen. Der unbekannte Schütze überfährt den schwer Verletzten mit seinem blauen Pick-up, ehe er davonrast. Cali stirbt wenig später. So berichten es mehrere Augenzeugen laut "New York Times", "New York Post" und der BBC.

Seit rund vier Jahren soll Cali den berüchtigten Gambino-Clan als Boss angeführt haben. Dieser gehört zu den berühmten "Fünf Familien" von New York, die mit ihrer Organisationsstruktur samt der übergeordneten "Kommission", einer Art Aufsichtsrat, zahlreiche Mafia-Bücher und -Filme inspirierten. Einst galten die Gambinos als die einflussreichste und mächtigste kriminelle Organisation der USA. In den frühen 90er-Jahren wurden jedoch zahlreiche führende Figuren verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt. Darunter auch der damalige Boss, John Gotti.

John Gotti und das "Steak House Massacre"

Eben jener Gotti war es auch, der für das bis Mittwoch letzte Attentat auf einen amtierenden Mafia-Boss in New York verantwortlich war. Es sollte als "Steak House Massacre" in die Kriminalgeschichte der USA eingehen. Im Jahr 1985 führte ein gewisser Constantino Paul Castellano die Geschäfte des Clans, ein Paranoiker, und das nicht zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte. Der 70-Jährige hatte sich damals, wie zahlreiche Medien berichten, hauptsächlich in seiner Villa auf Staten Island verschanzt – die Gegend scheint bei dieser Klientel beliebt. Selbst Don Corleone aus dem Mafia-Klassiker "Der Pate" von 1972 lebte hier.

Der ängstliche Castellano wurde jedoch von John Gotti, damals noch sogenannter Capo bei den Gambinos, am 16. Dezember 1985 zu einem Treffen im Sparks Steak House in Manhattan eingeladen. US-amerikanische Mafia-Familien sind oft strukturiert in "Boss", "Underboss" und mehrere "Capos", die wiederum "Soldaten" unter sich haben. Castellano verließ also an diesem Wintertag seine Festung, um sich mit Gotti zu treffen. Vor dem Restaurant aber wartete ein Killerkommando auf ihn, streckte Castellano samt eines engen Vertrauten mit zahlreichen Kugeln nieder.

Der Mafia-Boss Francesco "Frank" Cali wurde vor seinem Haus auf Staten Island, New York, getötet

Der Mafia-Boss Francesco "Frank" Cali wurde vor seinem Haus auf Staten Island, New York, mit sechs Kugeln regelrecht hingerichtet

DPA / AFP

Gotti griff anschließend nach der Macht und setzte sich an die Spitze der Gambino-Familie. Er führte die Organisation, so zynisch das klingen mag, durch ihre glorreichste Zeit. Gotti war damals sehr präsent in den Medien, schaffte es unter anderem auf die Titelseiten von "Time", "People" und "New York Times Magazine". Er galt als moderner, zweiter Al Capone, auch weil er sich trotz mehrerer Gerichtsprozesse gegen ihn immer wieder aus der Affäre ziehen konnte. Mutmaßlich, weil Zeugen und Jury-Mitglieder eingeschüchtert wurden. 

Erbitterte Kriege und der Niedergang der Gambinos

Die Köpfe der anderen einflussreichen Familien waren teilweise erbitterte Gegner Gottis. So war die Tötung von Castellano laut zahlreicher Zeitungsberichte nicht von der "Kommission" abgesegnet gewesen und daher unrechtens in der verqueren Mafia-Welt. Zudem missfiel demnach den anderen Bossen, dass Gotti derart aufsehenerregend lebte und ständig mediale Aufmerksamkeit auf ihre Branche zog. Nur wenige Monate nach der Machtergreifung entging der schillernde neue Boss nur knapp einem Auto-Sprengstoffanschlag. Einer seiner ranghöchsten Mitarbeiter hatte weniger Glück. Es entbrannte daraufhin ein blutiger Krieg zwischen mehreren Familien in New York. Keines der Oberhäupter wurde dabei jedoch getötet.

Unter Gottis Herrschaft galt der Gambino-Clan damals als mächtigste kriminelle Organisation der USA. Diese Herrschaft fand 1992 jedoch ein jähes Ende vor Gericht, dank eines geradezu genialen Kniffes der FBI-Ermittler. Die hatten nämlich ein Apartment über seinem Hauptquartier verwanzt und Gotti dabei aufgezeichnet, wie er kriminelle Aktivitäten plante, aber vor allem, wie er über einen seiner Capos lästerte. Dem wiederum spielten die FBI-Ermittler später die Aufnahme vor und bewegten ihn so, vor Gericht gegen Gotti und andere auszusagen. So wurde "der zweite Al Capone" im vierten Anlauf dann doch schuldig gesprochen und unter anderem wegen Mordes, Erpressung und organisierter Kriminalität zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe ohne Chance auf Bewährung verurteilt.

Zahlreiche Führungsfiguren des Gambino-Clans wanderten in den 90er und frühen Nullerjahren entweder ins Gefängnis oder verschwanden im Zeugenschutzprogramm. John Gotti, der den Clan noch jahrelang aus dem Knast geleitet hatte, starb ebendort im Jahr 2002. Die Macht und der Einfluss der Familie sank mit der Zeit immer mehr, bis heute gehört sie aber zu den "Fünf Familien" von New York.

Der nun vor seinem Haus hingerichtete Frank Cali stieg mit den Jahren immer höher auf in der Organisation. 2008 wurde er wegen Erpressung verurteilt und saß 16 Monate im Gefängnis. 2012 wurde er Medienberichten zufolge zum "Underboss" befördert und soll 2015 die Geschäfte der Familie komplett übernommen haben. Bis zu diesem Mittwochabend.

Francesco "Frank" Cali: Berüchtigter Mafia-Boss in New York erschossen

Quellen: "New York Times" / "New York Post"BBC / "Spiegel online" / Google Maps / Crimemuseum.org / NBC 

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