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Frau wehrt sich gegen Belästigung per Twitter: "Warum hat sie nicht die Polizei gerufen?"

Eine junge Frau wird in der S-Bahn belästigt und wehrt sich via Twitter, postet sogar ein Foto des Angreifers. Keine gute Idee, sagt die Polizei. Also, was tun?

Von Sophie Albers

Eine junge Frau wird in der Berliner S-Bahn beschimpft, sexuell belästigt und bedroht. Weil ihr niemand in dem vollbesetzten Waggon hilft, sucht sie sich eine andere Öffentlichkeit: Twitter. Sie macht ein Foto von einem der Angreifer, und sobald sie aus der S-Bahn flüchten kann, twittert sie, was die Männer gesagt und getan haben. Diese Geschichte sorgt seit dem Wochenende für Empörung und Wut, aber auch für weitere Beschimpfungen.

Viele meinen, mit der Veröffentlichung des Fotos sei sie zu weit gegangen, stelle den Angreifer "an den Internet-Pranger". Abgesehen davon mache sie sich damit womöglich strafbar, sagt ein Sprecher der Berliner Polizei. Vor allem Frauen sind fassungslos angesichts dieses scheinbar grotesken Täterschutzes.

Öffentlichkeit herstellen

Dass sie das Foto geschossen habe, sei gut, denn es diene als Beweismittel, erklärt der Polizeisprecher im Gespräch mit stern.de. Aber ein Foto zu posten, gelte nicht als Notwehr. Das könne sogar Konsequenzen für die Angegriffene haben. Grundsätzlich habe sie ja das Richtige getan: Sie hat Öffentlichkeit hergestellt. Dass ihr trotzdem niemand geholfen habe, sei schlimm. "Aber wenn sie doch Zeit hatte, mit dem Handy ein Foto zu schießen, warum hat sie nicht die Polizei gerufen?" In solch einem Fall solle die angegriffene Person den Notruf 110 wählen, denn auch wenn man dann nichts sage, höre die Polizei mit, so der Sprecher. "Das wird ernst genommen." Und dank der immer besseren Handys könne man häufig auch die Angreifer genau verstehen.

Was frau tun kann

Aber was soll, kann und darf frau denn nun tun, wenn sie angegriffen wird? Antworten darauf gibt ein Seminar der Berliner Polizei, das in dieser Art fast überall in Deutschland angeboten wird: ein Gewalt-Präventions-Training. Seit zehn Jahren sollen diese jeden Monat stattfindenden Schulungen Menschen dabei helfen, gefährlichen Situationen zu entkommen, bevor es zu spät ist.

Vier Stunden lang erfahren die Seminarteilnehmer die Polizeisicht. "Aus der Praxis für die Praxis" nennt es Seminarleiter Timo Hartmann, ein freundlicher Bartträger mit Türsteherfigur, der seit vier Jahren schult. Seine Vorgänger hätten immer wieder Gewaltsituationen analysiert, und sich das Verhalten der Leute angesehen, die rechtzeitig herausgekommen sind. Dabei hätten sie gelernt, dass die Situationen selten so ausweglos sind, wie wir glauben.

Bauchgefühl ernstnehmen

Es gehe darum, gefährliche Situationen möglichst früh zu erkennen und ihnen wortwörtlich aus dem Weg zu gehen. Deshalb solle man unbedingt auf sein Bauchgefühl vertrauen. "Nehmen Sie Ihre Gefühle ernst", so Hartmann. "Wenn Sie der Meinung sind, da stimmt was nicht, dann hören Sie darauf." In 80 Prozent der ausgewerteten Strafanzeigen hatten die Geschädigten vorher ein ungutes Gefühl. "Also gehen Sie, nehmen Sie einen Umweg. Und wenn Sie vielleicht mal überreagieren, ist das egal. Es geht um Sie, Ihre Sicherheit!"

Auch das Versagen der Mitbürger - das Weggucken und Abwarten der Mitreisenden, wie es der jungen Frau erst wieder am Wochenende passiert ist - erklärt Hartmann. Es sei ganz einfach Angst: Die Angst, selbst verletzt zu werden, die Situation falsch einzuschätzen, allein zu sein, weiter zu provozieren. Und wenn die Verantwortung verteilt werde, weil viele Menschen anwesend sind, gucke man sich das falsche Verhalten ab. Pluralistische Ignoranz nenne man das. "Aber Sie sind nicht allein!", sagt Hartmann. Denn sobald jemand die Angstschwelle übertrete, machen andere mit. Das zeigt ein Seminarvideo sehr eindringlich.

Der wirksame "Opferklau"

Also, was tun? Hartmann schlägt den "Opferklau" als ein wirksames Mittel vor. Man zieht den Angegriffenen aus der Situation, stellt Öffentlichkeit her und macht dem Täter klar, dass das Opfer nicht allein ist. Ein Tätersatz sei den Polizisten bei der Auswertung der Fälle immer wieder begegnet: "Ich suche mir doch Opfer, keine Gegner."

Die erste Regel für den Angegriffenen selbst lautet ebenfalls: Öffentlichkeit herstellen. "Wenn man sich der Situation nicht mehr entziehen kann, Stopp setzen. Wenn das nicht hilft, klare Anweisungen geben, direkte Ansprache", sagt Hartmann. "Sie im gestreiften Pulli, bitte rufen Sie die Polizei, ich werde bedroht." Und wenn der erste nicht reagiere, den nächsten ansprechen. Für die Kommunikation mit dem Angreifer sei deshalb wichtig, immer sachlich und beim Sie zu bleiben. Damit die Umstehenden wissen, dass keine persönliche Beziehung zu ihm besteht. Von Waffen hält Hartmann wenig: Damit liefere man dem Täter eher Werkzeug und provoziere zudem.

Niemand erwartet, dass Sie ein Held sind

Für den Helfenden gilt: "Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie sich heldenhaft verhalten. Aber Sie müssen helfen." An jeder U-Bahn-Tür ist ein Notruf. Bei der nächsten Station geht man zwei Türen weiter, drückt den Knopf und verlässt die Gefahrenzone, aber sagt vorher unbedingt laut und deutlich: "Der Alarm ist betätigt, Hilfe ist auf dem Weg." Das sei unfassbar wichtig, damit das Opfer sich nicht allein fühlt. "Und wenn die Täter dann rennen, lassen Sie sie rennen."

Betätigt man in den Berliner Bahnen den Notruf, hört der Fahrer mit und wird in der nächsten Station stehenbleiben, bis Hilfe kommt - bei geöffneten Türen. Betätigt man den Notruf auf dem Bahnsteig, höre die Zentrale mit, sagen die Berliner Verkehrsbetriebe - und sehe über die Bahnsteigkameras, was geschieht. Ein weiterer nützlicher Hinweis: Wenn man die Tür zum Feuerlöscher öffnet, gibt es in der Zentrale ebenfalls Alarm und Kameras werden aktiviert.

Nach vier Stunden Seminar fühlt man sich tatsächlich ein bisschen sicherer, weil man eine Handlungsanleitung hat. Aber Hartmann weiß auch: "Die Angst bleibt, wir können nur lernen, damit umzugehen."

Die junge Frau, die am Wochenende angegriffen wurde, hat mittlerweile Anzeige erstattet.

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