HOME

Frauenmorde in Freiburg: Warum Täter-DNA für Ermittler oft wertlos ist

Im Fall der getöteten Studentin Maria L. aus Freiburg gibt es DNA-Spuren, die vermutlich vom Täter stammen. Trotzdem tappen die Ermittler weiter im Dunkeln. Auch, weil ein Gesetz in Deutschland verbietet, vom Genmaterial auf das Aussehen zu schließen.

Dreisamufer Freiburg

In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober starb die 19-jährige Maria L. am Dreisamufer. In der Nähe des Tatorts haben Trauernde Kerzen abgestellt.

Sechs Wochen sind seit dem Tod von Maria L. schon vergangen. Die 19-jährige Studentin aus Freiburg war nachts mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause und wurde am Morgen des 16. Oktober tot in der Dreisam gefunden. Carolin G. aus Endingen starb nur drei Wochen später am 6. November. Die 27-Jährige war ihrem Mörder beim Joggen begegnet, die Polizei fand ihre Leiche vier Tage später in einem Wäldchen in den Weinbergen.

Es sind die räumliche Nähe der beiden Tatorte - Endingen liegt nur gut 20 Kilometer von Freiburg entfernt - und der ähnliche Tathergang, die die Angst vor einem Serientäter schüren. Beide Frauen wurden vergewaltigt, bevor sie getötet wurden. Carolin G. lag nach ihrem Tod tagelang im Wald, das Wetter könnte wertvolle Spuren verwischt haben. Doch bei Maria L., die schon am nächsten Morgen gefunden worden war, konnte man männliche DNA-Spuren sichern.

So weit - so wertlos. Ein Abgleich mit der deutschen Gen-Datenbank und der der Nachbarländer brachte keine Übereinstimmung. Auch eine freiwillige DNA-Erhebung unter etwa 100 Studenten einer Vorlesung, zu welcher ein Suchhund die Polizei geführt hatte, brachte keinen Treffer. Fast alle der im Hörsaal anwesenden Männer hatten sich zur Abgabe einer DNA-Probe bereit erklärt. Die Personalien derer, die sich geweigert hatten, sind der Polizei bekannt. Doch erst bei einem konkreten Tatverdacht darf jemand zur DNA-Abgabe gezwungen werden.

Die Polizei hat also DNA-Spuren, die vermutlich vom Täter stammen. Sie kann aber nichts damit anfangen. Nicht nur, weil der Abgleich mit den Datenbanken nichts brachte. Sondern auch, weil das deutsche Gesetz verhindert, dass andere Informationen aus dem Genmaterial gewonnen werden können. 

Todesursachen in Zahlen: An diesen Ursachen sterben die meisten Menschen weltweit

Das Gesetz regelt, was bestimmt werden darf

Die Ermittler dürfen anhand der DNA das Geschlecht bestimmen, eine Verwandtschaft prüfen und das Material mit den Datenbanken abgleichen. Was die Ermittler könnten, aber nicht dürfen: äußerliche Merkmale bestimmen. Sie könnten anhand der DNA die wahrscheinliche Augen- und Haarfarbe herausfinden und auch, von welchem Kontinent der Täter oder seine Vorfahren vermutlich stammen. Doch Paragraf 81e der Strafprozessordnung verbietet das. In Deutschland sind Rückschlüsse aufs Aussehen und die geografische Herkunft eines Menschen nicht erlaubt.

Es gibt gute Gründe für einen solchen Paragrafen. Er soll, zum einen, Diskriminierung verhindern. Er soll aber auch Unschuldige vor falschen Verdächtigungen oder sogar Verurteilungen schützen. Gäbe es ihn nicht, wäre es leicht, durch das Legen einer falschen Spur gezielt den Verdacht auf Unbeteiligte zu lenken.

Aber natürlich gibt es auch gute Gründe gegen einen solchen Paragrafen. Es sind wichtige Hinweise, die den Ermittlern fehlen. Hinweise, die in einem so schwierigen Fall wie in Freiburg den Kreis der Verdächtigen stark eingrenzen würden, die vielleicht irgendwann zur Ergreifung des Täters führen und mögliche weitere Morde verhindern könnten.

So sensibel das Thema ist, so heiß wird es derzeit in Freiburg und Umgebung diskutiert. Es geht in diesem Fall nicht darum, Opfer- gegen Täterschutz aufzuwiegen. Es geht auf beiden Seiten vor allem darum, Unschuldige zu schützen. Die Vorteile neuer und konkreter Hinweise für die Ermittler liegen auf der Hand. Aber es gibt auch viele nachvollziehbare Bedenken.

Datenschützer warnen bei einer vertieften Analyse vor dem Missbrauchsrisiko. Sicher ist außerdem nichts, die ermittelten Angaben können letztlich nur Wahrscheinlichkeitsaussagen sein. Immer wieder gibt es Pannen bei DNA-Untersuchungen, mit teils schwerwiegenden Folgen. In der derzeit politisch angespannten Lage ist die Gefahr zudem groß, dass - je nach Ergebnis einer Untersuchung - Trittbrettfahrer vom rechten Rand einen solchen Fall für Hetze gegen Ausländer und Flüchtlinge nutzen, vielleicht sogar für fehlgeleitete Selbstjustiz. Andererseits wird bereits jetzt in einschlägigen Foren und auch auf Facebook wild über die mögliche Herkunft des Täters spekuliert. Vielleicht könnte ein DNA-Abgleich auch Klarheit schaffen und den aufwiegelnden Hasskommentaren die Grundlage entziehen.

Auch in der Schweiz ist eine Debatte im Gang

In den Niederlanden ist es bereits erlaubt, von der DNA auf phänotypische Merkmale zu schließen. In Frankreich galt bis 2014 eine ähnliche Vorgabe wie in Deutschland, doch inzwischen verfahren die französischen Ermittler ähnlich wie die niederländischen.

Auch in der Schweiz gibt es ähnliche juristische Vorgaben wie in Deutschland, und auch dort wird der Sinn eines solchen Gesetzes seit Monaten heftig diskutiert. Auslöser ist ein ähnlicher Fall wie der in Freiburg. Eine 26-Jährige wurde im Juli 2015 in der Stadt Emmen vom Fahrrad gerissen und so schwer vergewaltigt, dass sie seither vom Kopf abwärts gelähmt ist. Die Ermittler konnten an der Kleidung der Frau DNA-Spuren sichern, doch auch hier brachte der Abgleich mit Gen-Datenbanken keinen Erfolg. Die Familie des Opfers fordert nun eine Gesetzesänderung, um weitergehende Untersuchungen zu ermöglichen. Im Schweizer Fernsehen sagte die Mutter: "Es löst großes Unverständnis aus, wenn man selbst betroffen ist und weiß, dass man die DNA hat, diese aber nicht verwenden darf, um den Täter zu finden. Was nützt die DNA in der Datenbank, wenn man sie nicht gebrauchen darf? Und vielleicht sogar warten muss, bis das nächste Schlimme passiert."

Eines wenigstens haben die DNA-Proben aus der Schweiz und aus Freiburg schon gezeigt: Ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen scheint es nicht zu geben.