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Forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh „Man kann morgens freundlich grüßen und trotzdem jemanden im Keller gefangen halten“

Nahlah Saimeh
Nahlah Saimeh im Landgericht Paderborn bei einer Aussage als Sachverständige
© Friso Gentsch / Picture Alliance
Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh über die Frage, was den Täter im Fall Frauke Liebs geleitet haben könnte

Nahlah Saimeh, 55, war 14 Jahre lang Ärztliche Direktorin am Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt. Regelmäßig tritt sie vor Gericht als Sachverständige auf und erstellt Gutachten zu Angeklagten. Der Fall Frauke Liebs ist ihr bekannt, gehört aber nicht zu den Fällen, in denen sie als Gutachterin tätig war.

Der Täter* hat Frauke Liebs während der Entführung mit ihrer Familie und ihrem Mitbewohner telefonieren lassen. Was kann der Grund dafür sein?
Zum einen ist es so, dass ein Telefonat mit der Familie oder mit einem Freund, die Funktion übernehmen kann, für Beruhigung zu sorgen. Wenn sich die Entführte meldet und sagt: „Ich bin jetzt noch hier und hier. Alles ist gut. Ich komme später“, dann macht sich die Familie vielleicht weniger Sorgen. Der Täter gewinnt damit Zeit. Ein weiterer Vorteil aus Sicht des Täters ist, dass er überprüfen kann, in welcher Weise er das Opfer unter Kontrolle hat, inwieweit sich das Opfer seinen Bedingungen unterwirft. Auch ist denkbar, dass der Täter einfach Freunde an der Manipulation hat, Freude am Spiel.

Halten Sie es für möglich, dass Frauke Liebs den Täter oder die Täter bequatscht hat?
Das ist absolut denkbar. Womöglich hat das Opfer den Täter dazu überredet, telefonieren zu können, um gewissermaßen Herrschaft über die Situation zu gewinnen und das eigene Umfeld in irgendeiner Form zu warnen. Womöglich wollte das Opfer der Familie erst einmal gar keine Sorgen machen, vielleicht ging es davon aus, dass es aus der Situation noch herauskommt. Und wenn es aus der Situation wieder herauskommt, dann kann es immer noch der Familie nachher sagen, was vorgefallen ist und die Familie muss sich nicht schon unnötig von vornherein Sorgen machen. Und natürlich könnte das Opfer mit den Anrufen auch einen Weg gesucht haben, geheime Botschaften zu übermitteln.

Kann man in solch einer Situation überhaupt in der Lage sein, geheime Botschaften zu übermitteln?
Wenn Sie einen klaren Verstand haben, werden Sie sich in so einer Situation strategisch überlegen, wie sie sich am klügsten verhalten. Von daher ist dies selbstverständlich denkbar.

Könnten die Anrufe auch einzig und allein dem Zweck gedient haben, die Polizei zu beruhigen?
Sicher. Um Zeit zu gewinnen. Wenn ein erwachsener Mensch anruft, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass nicht sofort eine Vermisstensuche losgeht. Daher kann das Ganze sehr strategisch und kalkuliert gewesen sein.

Was sagt die Art und Weise der Tat über den Täter oder die Täter aus?
Sie müssen in der Lage sein, eine Person in ihrer Kontrolle zu behalten. Das heißt, Sie müssen die Fähigkeit haben, sehr aufmerksam zu sein, die Person genau beobachten können, die Person in Schach halten können. Dazu brauchen Sie eine gewisse Grundintelligenz. Im Alltag können Sie völlig unauffällig sein. Sie können morgens freundlich grüßen, wenn Sie den Müll runterbringen und trotzdem jemanden im Keller gefangen halten.

Sachdienliche Hinweise an das Polizeipräsidium Bielefeld: 0521/ 545-0

Oder an Fraukes Mutter Ingrid Liebs: www.frauke-liebs.de

* Aus Gründen der Lesbarkeit belassen wir es in allen Berichten zum Fall Frauke Liebs bei der männlichen Form. Es ist aber unklar, ob es sich um einen Täter, eine Täterin oder mehrere Täter handelt.

Die Zitate in diesem Beitrag entstammen teilweise aus Videointerviews, die für die RTL-Plus-Dokumentation „Der letzte Anruf. Wer hat Frauke Liebs getötet?“ geführt wurden. Aus Gründen der Lesbarkeit wurden sie stellenweise redaktionell bearbeitet.


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