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Freilassung Marco W.s: Die entspannte Euphorie

Nach einem kurzen Feuerwerk der Freude kehrt in Marcos Heimat Uelzen rasch wieder norddeutsche Gelassenheit ein. Die Banner mit den Solidaritätsbekundungen sind eingerollt, kein Auto hupt mehr. Eine Kleinstadt möchte endlich wieder ihre Ruhe.

Von Tonio Postel, Uelzen

Die sichtbare Euphorie ist schnell verflogen. Nachdem Uelzener Bürger kurz nach Bekanntwerden der Freilassung von Marco W. noch zu WM-tauglichen Autokorsi, Hupkonzerten und Fahnenschwenken ansetzten, ist die "Marco-Party" in dem niedersächsischen 35.000-Einwohner Städtchen wenige Stunden später bereits vorbei: Durch das mit Lichterketten und Tannenzweigen weihnachtlich geschmückte Zentrum ziehen zwar beschwippste Jugendliche, Bierkästen, Pizzakartons und einen Rockmusik röhrenden Kassettenrekorder im Schlepptau. Sie sind bestens gelaunt, doch mit Marco hat das nur wenig zu tun - obwohl ihn einige sogar persönlich kennen. Die meisten wollen jetzt lieber trinken und flirten und keine ernsten Themen besprechen.

"Ich habe manchmal mit ihm gekickt", sagt der 14-Jährige Patrick Feske, klein, mit gestyltem blonden Haar. "Er war recht gut", fügt er an. Oleg Wanscheid, 17, ein schlanker Junge in blauer Daunenjacke, kennt Marco aus der gemeinsamen Schulzeit. Wenn sie sich auf dem Hof oder in der Stadt trafen, tauschten sie Zigaretten. "Er war immer schüchtern, aber sehr nett", sagt Oleg. Ein Frauenschwarm sei er nicht gewesen: "Ich habe ihn nie mit einer Frau gesehen."

Was sie nun, am Tag seiner Freilassung, fühlen? Die Jungs und Mädchen blicken sich verschämt lächelnd an, ihr warmer Atem zieht durch die kalte Nacht. "Ich habe mich gefreut, dass er nicht mehr leiden muss", sagt einer, ein anderer glaubt, dass das Leben für ihn in Uelzen fortan schwer werden wird: "Alle werden ihn angucken."

"Mach' bloß keinen Scheiß in der Türkei"

Philipp Golz, ein schlanker Typ mit moderner Brille, ging mit Marco in die gleiche Klasse auf der Sternschule, einer Hauptschule in Uelzen; gemeinsam machten sie einen Schüleraustausch in Polen. Er steht in der beißenden Rauchschwade eines Lagerfeuers vor einer Glühwein-Bude auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt und nippt an seinem Wein. "Im Werkunterricht sagte ich ihm noch: 'Mach' bloß keinen Scheiß in der Türkei'", erinnert er sich. Zwei Wochen später sei der Lehrer mit der Auskunft in die Klasse getreten, dass Marco im Knast sitze. Alle seien schockiert gewesen. Einmal sei Marcos Mutter mit einem Brief von ihm in die Schule gekommen. "Das ging uns sehr nahe." An eine mögliche Schuld von Marco will hier niemand glauben. Einer hat einen Rat für ihn parat: "Wenn Marco klug ist, macht er es wie Charlotte und sagt, er sei nicht mehr in der Lage vor Gericht zu erscheinen." Die Runde nickt.

Manche ziehen aus dem Fall bereits ihre persönlichen Konsequenzen und wissen auch schon, wohin sie nie wieder reisen wollen: "Wer will denn jetzt noch in die Türkei?", fragt Manuela Klix-Olschewski. "Wie viele Türken baggern einen hier auf der Straße an und reagieren nicht mal auf eindeutige Zeichen", sagt ihre Freundin, Carmen Schaare. Beide kommen aus Uelzen, stehen vor den Treppen eines Hotels im Ortskern und qualmen.

Das Wohl der Familie im Vordergrund

Am Morgen danach ist die Aufregung auch bei Oberbürgermeister Otto Lukat (SPD) aus der Stimme gewichen. "Unsere Identität als Stadt hat sich nach Marcos Rückkehr zwar nicht geändert, wir haben uns aber alle gefreut und feiern nun gemeinsam den 3. Advent", fasst er die Stimmungslage nüchtern zusammen. Weitere Solidaritätsbekundungen oder Festivitäten seien nur geplant, wenn die Familie das auch wolle. Dann sei "ein Empfang und ein Treffen mit der Stadtspitze" denkbar. Es gebe aber keine "eigenmächtige Profilierung" an der Familie vorbei. "Ihr Wunsch nach Ruhe wird respektiert", sagt der Bürgermeister. Auch die beiden Hilfs-Initiativen "Hilfe für Marco" und "Freiheit für Marco" planen erstmal keine weiteren Aktionen für Marco mehr, das Ziel sei schließlich erreicht, sagt Sprecherin Angelika Zarges. Sie steht inmitten einer Traube von Journalisten vor der St. Petri-Kirche, in der auch Marcos Eltern Aufgaben nachgehen. Dort wurde jeden Mittwochabend seit Marcos Inhaftierung eine gut besuchte Andacht für ihn gehalten. Zarges Blick verrät die Anstrengung und Anspannung, welche die letzten Monate bei allen Unterstützern gekostet hat. "Das fällt jetzt erst langsam ab", sagt sie.

Der Probst der evangelischen Kirche, Wolf von Nordheim, fordert, dass "künftig der Umgang mit Jugendlichen vor Gericht international angepasst" werden müsse. "In Deutschland wäre nicht mal ein Erwachsener so lange festgehalten worden", sagt er. Schließlich habe weder Flucht- noch Verdunklungsgefahr bestanden und auch einen festen Wohnsitz habe Marco vorweisen können. "Nach deutschem Recht wäre er nach Feststellung des Tathergangs wieder freigekommen", ist der Probst, der auch eine finanzielle Unterstützung der Eltern mitorganisierte, überzeugt.

Hinter der Menschentraube, im Eingangsbereich von St. Petri, flackern rund 40 Kerzen in blau, rot, grün und weiß sacht im Wind. Ein gelber Zettel an der Wand macht auf ausliegende Papierkarten aufmerksam: "Hier könnt auch Ihr Eure Bitten für Marco notieren", steht in schwarzen Lettern darauf. Es sind die letzten sichtbaren Solidaritäts-Symbole der Uelzener, einen Tag nach Marcos überraschend wiedererlangter Freiheit.