Freiwillig im Knast Nebenjob Sträfling

Trübe Aussichten für den einen, ein bequemer Job für die anderen: Gefängnisaufenthalte in den Niederlanden
Trübe Aussichten für den einen, ein bequemer Job für die anderen: Gefängnisaufenthalte in den Niederlanden
© Colourbox
Wer in den Niederlanden ein paar Monate ins Gefängnis muss, überlegt sich offenbar zweimal, ob er die Strafe auch selbst antritt. Denn es gibt eine Alternative: Jemand anderen in den Knast zu schicken und ihn dafür bezahlen - Agenturen stehen bei der Vermittlung hilfreich zur Seite.
Von Albert Eikenaar

Das Ergebnis ist verblüffend. In den Niederlanden "sitzen" hunderte Häftlinge freiwillig eine Freiheitsstrafe für andere ab. Und das nicht umsonst. Gegen ein saftiges Honorar lassen sich diese Knastprofis einschließen, für einen Zeitraum von ein paar Tagen bis zu einigen Monaten. Zu diesem überraschenden Ergebnis kam das niederländische Justizministerium bei einer breit angelegten Untersuchung. Die zentrale Staatsanwaltschaft ließ die wahre Identität von 10.000 Gefangenen überprüfen. Heraus kamen insgesamt 1700 kleinere Identitätsfehler wie falsch geschriebene Namen, aber auch 200 echte Fälschungsdelikte schwerer Jungs. Diese schickten einen "Stellvertreter" ins Kittchen und betrieben ansonsten ihre illegalen Machenschaften fröhlich weiter.

Ein lohnendes Geschäft

Für Knete in den Knast - das ist in den Niederlanden also ein offensichtlich gebräuchliches System. Es stellte sich heraus, dass vor allem Kurzstrafen von drei, vier Monaten von Fremden gegen Zahlung abgesessen werden. Dabei geht es hauptsächlich um relativ leichte Verbrechen ohne körperliche Gewalt, also um Betrug, Alkoholvergehen, Geldwäsche oder Steuerhinterziehung. Abgebüßt werden sie meist in Anstalten, wo eine Maximalhaftzeit von sechs Monaten üblich ist. Hier sich die Kontrollen lasch, eine richtige Überprüfung der Identität von Kurzzeithäftlingen findet nicht statt - frei nach dem Motto: Wer geht schon freiwillig in den Knast?

Doch dazu sind mehr Menschen als gedacht bereit, wie das Justizministerium entsetzt feststellte. Erste Hinweise, dass es so etwas wie Profihäftlinge gibt, erhielt die Behörde schon Anfang 2000. Damals wurde stichprobenartig die Identität von 700 Gefangenen gründlich kontrolliert. In 46 Fällen wurde dabei ein bezahlter "Stellvertreter" des Verurteilten enttarnt. Auch kam es vor, dass ein Freund oder Familienmitglied die Haftstrafe aus "humanen Gründen" übernahm. Der tatsächlich Verurteilte hätte seinen Job verloren, wenn er monatelang aus dem Verkehr gezogen worden wäre.

Anfangs nur ein Freundschaftsdienst

Dabei existiert schon seit Mitte der 80er Jahre eine Firma, die recht einträglich davon lebt, Verurteilten zu helfen, den Strafvollzug zu umgehen - natürlich gegen eine fürstliche Entlohnung. "Das Geschäft läuft immer noch gut", bestätigt der Firmenchef, der Harry genannt werden will.

Dabei hat alles mit einem Witz angefangen. In einer Amsterdamer Kneipe hörte Harry, dass ein Bekannter zu einer 14-tägigen Haftstrafe verdonnert war - obwohl er gerade eine teure Reise gebucht hatte. "Für 2000 Gulden (jetzt 900 Euro) übernehme ich die Bürde", rief Harry übermütig. Der Freund akzeptierte das Angebot sofort - und Harry ging mit dem Haftformular zum Gefängnis. Nach seinem Personalausweis wurde er nicht gefragt. Der Trick sprach sich im Freundeskreis herum. Es dauerte nicht lange, da meldete sich ein Staranwalt, der wegen serienmäßiger Überschreitung des Tempolimits zu drei Monaten Aufenthalt im "Hotel der bleiernen Löffel" verdonnert war. Ob Harry etwas organisieren könne? Harry konnte. Doch diesmal ging es nicht mehr um einen Freundesdienst, sondern um richtig Geld: 27.500 Euro (60.000 Gulden).

Professioneller Knacki-Service

Seitdem betreibt Harry seinen Knacki-Service professionell. Er verfügt über eine Truppe von Mitarbeitern aus mehreren Altersgruppen, die bereit sind "eine gewisse Periode auf Reisen zu gehen", wie Harry das nennt. Er bereitet alles gründlich vor, mit entsprechendem Pass oder Identitätskarte, Führerschein und was sonst noch so für einen Knastaufenthalt nötig ist. Denn die Gefängnisbeamten wissen schon längst, dass es Betrüger gibt. So muss Harry aufpassen, dass er seine Leute nicht zweimal kurz nacheinander ins selbe Kittchen schickt. "Man kann mich mit einer Modellagentur vergleichen", erzählt Harry. "Meine Kandidaten bekommen ein Informationsblatt mit Tipps über das langweilige Leben in der Zelle und Infos über den Auftraggeber, privat wie beruflich."

Was sind das für Leute, die bis zu 50.000 Euro zahlen, um sich einer richterlich auferlegten Strafe zu entziehen? "Meine Kunden sind alles Menschen, die durch eine Haftperiode kräftig an Einkommen einbüßen. Es sind Computerspezialisten, Ärzte, Steuerberater, Werbefachleute, Modemacher und andere Selbstständige mit einem Stundenhonorar von 500 Euro und mehr. Außerdem versuchen sie alle, einen Imageschaden zu vermeiden." Harry hat keine ethischen Bedenken, solchen Sträflingen zu helfen. "Echte Kriminelle, die andere geschädigt haben, akzeptiere ich nicht. Das geht mir zu weit. Im Prinzip sind es fast alles Temposünder. Wer wegen Alkohol am Steuer verurteilt wurde, dem helfe ich nur, wenn er keinen Unfall gebaut hat."

Endlich Zeit zum Lesen

Und welche Typen lassen sich für eine Entschädigung einschließen? "Es sind Personen, die gerne lesen und studieren - und nicht immerzu gestört werden wollen. Oder Männer, die eine hektische Partnerschaft beendet haben und zur Ruhe kommen möchten".

Nun will das niederländische Justizministerium die Löcher im System definitiv stopfen. "Aber die Maßnahmen werden lange wirken", behauptet Harry. "Nach einiger Zeit werde ich wieder neue Schleichwege finden".


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