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Fünffache Kindstötung in Darry: Jungen offenbar erstickt

War es die Mutter, die im schleswig-holsteinischen Darry ihre fünf Söhne im Alter zwischen drei und neun Jahren getötet hat? Und wenn ja, was hat sie zu dieser Tat getrieben? Nach Informationen der Staatsanwaltschaft sind die fünf Jungen offenbar mit Schlafmitteln betäubt und dann erstickt worden. stern.de zeigt Fotos der Familie.

Nach Informationen der Staatsanwaltschaft in Kiel sind die fünf Jungen in dem schleswig-holsteinischen Ort Darry offenbar zuerst betäubt und dann erstickt worden. Das habe eine erste Obduktion der Leichen der Kinder ergeben, sagte Oberstaatsanwalt Uwe Wick stern.de.

Die Polizei nahm die Spurensicherung am Tatort am Mittag wieder auf - nachdem der Vorgang am Morgen für abgeschlossen erklärt worden war. "Es handelt sich um eine Routinemaßnahme, wir haben keine neuen Erkenntnisse zum Tathergang", sagte der Sprecher der Polizeidirektion Kiel, Wolf Schmidt.

Zur Situation, in der die Jungen im Alter von drei bis neun Jahren gefunden wurden, wollte er keine Angaben machen. Die "psychisch angeschlagene Mutter", die unter dringendem Tatverdacht steht, befinde sich in einer Fachklinik. Zu den Vätern der Kinder hätten die Ermittler Kontakt aufgenommen.

Nach Ansicht der Politik seien solche Fälle auch durch staatliche Maßnahmen nicht völlig auszuschließen. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD), sagte im ZDF-"Morgenmagazin": "Politik wäre unehrlich, wenn wir sagen würden, solche Taten ließen sich mit absoluter Sicherheit verhindern." Er wies darauf hin, dass die Zahl der Morde in den vergangenen 100 Jahren etwa gleich geblieben sei.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat dazu aufgerufen, aufmerksam zu sein und überforderte Familien nicht allein zu lassen. "Diese Vorfälle sind entsetzlich, sie passieren aber nicht aus heiterem Himmel", sagte die Ministerin. "Wir müssen prüfen, ob es Warnsignale gegeben hat, wo Schwachstellen waren und ob Informationen verloren gegangen sind", so von der Leyen. Dabei helfe das Nationale Zentrum für frühe Hilfen den Kommunen. Fehler müssten von Fachleuten und den Verantwortlichen vor Ort gemeinsam aufgedeckt und systematisch aufgearbeitet werden. Ziel müsse sein, dass Kommunen dabei voneinander lernten und ihre Erfahrungen austauschten. "Aber wir müssen uns auch als Gesellschaft verantwortlich dafür fühlen, nicht wegzuschauen, wenn Familien in der Nachbarschaft verzweifelt und überfordert sind", sagte die CDU-Politikerin.

Gesetzeslücken gibt es nicht

Die Kinderbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Marlene Rupprecht, sagte im RBB-Inforadio, gesetzlich gebe es keine Lücken. "Was wir brauchen ist eine bessere Vernetzung vor Ort, des Gesundheitsdienstes, der Gesundheitsämter." Im Kinder- und Jugendhilfegesetz "steht ganz eindeutig drin, dass alle zusammenarbeiten müssen". Rupprecht räumte aber ein, dass man auch damit einen Fall wie den der möglicherweise psychisch gestörten Mutter in Darry nicht ganz ausschließen könne.

Kritik übte die SPD-Politikerin an der finanziellen Ausstattung mancher Kinder- und Jugenddienste. Die Mitarbeiter müssten im Notfall Situationen mit hohem Gefährdungspotenzial richtig einschätzen können und brauchten deshalb eine sehr gute Ausbildung. "Hier müssen sich Kommunalpolitiker manchmal fragen lassen, ob sie dafür Geld zur Verfügung stellen."

Das ZDF berichtete, die Frau sei stark selbstmordgefährdet und deswegen in künstlichen Schlaf versetzt worden. Weiter berichtete der Sender von Hinweisen, dass das Jugendamt noch am Mittwoch versucht habe, zu der Familie Kontakt aufzunehmen. Die Mutter soll nach dem Willen der Behörden dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik bleiben. "Wir bereiten den Unterbringungsbefehl vor", sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Uwe Wick. Die Frau soll so schnell wie möglich vor den zuständigen Amtsrichter gebracht werden.

Die etwa 450 Einwohner Darrys stehen nach der entsetzlichen Tat unter Schock. "So was haben wir hier noch nicht erlebt, das ist schlimm", sagt der 66-jährige Horst Milkereit. Sein Junge sei mit einem der getöteten Kinder in die erste Klasse der Grundschule gegangen, berichtet der 49 Jahre alte Nachbar Michael Wiesner. Sein Sohn wisse noch gar nichts von dem schrecklichen Geschehen. "Das gibt es doch gar nicht, das gibt es doch nur in den USA und nicht bei uns", sagt Wiesner.

Waren die Kinder verwahrlost?

Nach Informationen von "Spiegel Online" soll Lehrern der örtlichen Grundschule ein verwahrloster Zustand der beiden älteren Kinder aufgefallen sein. So seien sie ohne Jacke oder mit alten Pausenbroten in der Schule aufgetaucht. Wie die Internet-Seite weiter berichtet, sei das Jugendamt informiert gewesen. Es habe die Familie am Mittwoch aufsuchen wollen, weil die Kinder nicht in die Schule gekommen waren.

Die Familie, in der sich das Drama abspielte, sei vom Jugendamt betreut worden, sagte die Frau des Bürgermeisters von Darry, Stefanie Arnold, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Berichte über eine Verwahrlosung der Kinder bestätigte sie nicht. "Die Kinder machten einen ordentlichen Eindruck. Wir haben uns nie vorstellen können, dass hier so etwas passiert."

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters