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Fünfter Prozesstag in Oslo: Breivik: "Taten waren furchtbar, aber nötig"

Der Massenmörder Anders Behring Breivik hat am fünften Prozesstag detailliert das Massaker auf der Insel Utøya geschildert. Vor Gericht rechtfertigte er die Notwendigkeit des Blutbads.

Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik hat am Freitag vor Gericht detailliert das Blutbad auf der Insel Utøya geschildert. Mord für Mord erklärte er, wie er im vergangenen Sommer die 69 Jugendlichen und Erwachsenen erschossen hatte. "Jetzt oder nie", habe er sich gedacht, als er als Polizist verkleidet auf der Insel gestanden habe. Breivik atmete während seiner Ausführungen immer wieder heftig durch. Viele Angehörige hatten die Augen geschlossen, einige gingen später aus dem Gerichtssaal.

Vor Beginn seiner Schilderungen forderte Breivik die Prozesszuschauer auf, den Raum zu verlassen. Er kündigte an, seine Ausführungen würden "grauenhaft" sein, schrieb die Guardian-Journalistin Helen Pidd über Twitter.

Der Journalist Lars Akerhaug twitterte über Breiviks Ausführungen: Bevor er seine ersten beiden Opfer tötete, hätte sein Körper rebelliert und Hunderte Stimmen in seinem Kopf hätten gerufen: "Tu es nicht, tu es nicht." Dann habe er mehrere Male auf einen Wachmann und die Betreuerin des sozialdemokratischen Jugendlagers, Monica Børsei, die "Mutter von Utøya", geschossen. Danach sei er in eine Art Schockzustand verfallen. Er habe damit gerechnet, etwa 30 Minuten Zeit zu haben, bevor Polizisten auf die Insel kommen und ihn töten würden. Weiter führte er aus, er könne sich nicht an alle Opfer erinnern und habe Gedächtnislücken. Dennoch war Breivik in der Lage, ausführlich über die Einzelheiten der Morde zu berichten. Während des Massakers habe er gerufen "Marxisten, heute werdet ihr sterben."

Breivik dachte kurz an Selbstmord

Nach eigener Aussage hatte der Angeklagte Angst, die Jugendlichen könnten sich wehren. "Wenn eine Gruppe Widerstand versucht hätte, hätten sie das einfach geschafft", sagte der 33-Jährige. Eigentlich habe er so wenig wie möglich schießen, sondern die Jugendlichen ins Wasser scheuchen wollen, wo sie ertrinken sollten. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme glaubte Breivik, maximal 40 Menschen getötet zu haben. Nach Utøya sei er überhaupt nur gefahren, weil sein Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel "wenig Wirkung" gezeigt hatte.

Er habe sich telefonisch ergeben wollen, sei bei der Polizei aber erst nicht durchgekommen. Bei einem zweiten Anruf habe er sich nicht ernst genommen gefühlt. Daher habe er weiter gemordet. Nach Angaben des Journalisten Akerhaug antwortete Breivik auf die Frage nach seinen Gefühlen während des Blutbads: "Die ersten Schüsse waren sehr schwer, danach wurde es einfacher." Seine Taten seien furchtbar, aber nötig gewesen, sagte Breivik laut dem Journalisten Roar Dalmo Moltubak.

Kurz dachte Breivik offenbar auch an Selbstmord. Er habe überlegt, sich selbst in den Kopf zu schießen, sagte er. Ein Helikopter habe sich der Insel genähert. "Ich dachte: Willst du das überleben?" Er sei sich bewusst gewesen, dass ganz Norwegen ihn hassen würde und der Rest seines Lebens ein Albtraum werde. Dann habe er aber an das gedacht, was er in seinem Manifest geschrieben habe: Dass er sich stellen und aus dem Gefängnis heraus weiterkämpfen wolle.

Während der detaillierten Beschreibungen der Morde begannen mehrere Journalisten und Zuschauer laut des twitternden Journalisten Trygve Sorvaag, der unter anderem für Sky News arbeitet, im Gerichtssaal zu weinen. Der Prozess wurde für mehrere Minuten unterbrochen, mehrere Zuschauer blieben der Anhörung danach fern. Selbst die Verteidiger des Massenmörders hatten laut Sorvaag Tränen in den Augen.

Breivik hält sich für zurechnungsfähig

Der Angeklagte hält sich für voll schuldfähig. "Diese Sache ist einfach: Ich bin zurechnungsfähig", sagte er vor Gericht. Er sei schockiert gewesen, als er das erste psychiatrische Gutachten gelesen habe, das ihm paranoide Schizophrenie bescheinigte. Es sei schwer zu begreifen, dass jemand so extrem und fundamentalistisch sein könne, gab er zu. "Es ist leicht zu denken, das ist Wahnsinn. Aber es gibt einen Unterschied zwischen politischer Gewalt und Wahnsinn im medizinischen Sinne."

Um seine Attentate durchzustehen, kapselte sich Breivik nach eigener Aussage emotional total ab. "Man muss gefühlsmäßig abgestumpft sein, das muss man trainieren", sagte er. "Ich bin normalerweise ein sehr sympathischer Mensch", schätzte Breivik sich selbst ein, bis 2006 sei er normal gewesen. Danach habe er eine "Entemotionalisierung" begonnen, die mehrere Jahre gedauert habe. Meditation habe ihm dabei geholfen, seine Gefühle abzuschwächen. Auch seine technische Sprache während der Verhöre sei ein Werkzeug. "Man kann niemanden töten, wenn man mental nicht vorbereitet ist", sagte Breivik. Er sei aber kein Narzisst, der vor allem sich selbst liebe. "Ich fühle eine große Liebe für dieses Land. Das ist nicht normal, aber so bin ich."

Al Kaida diente als Vorbild

Nach Angaben des Journalisten Sorvaag diente das Terrornetzwerk al Kaida dem Angeklagten als Vorbild. Die Organisation habe ihm die Idee geliefert, beim Massaker auf Utøya eine Polizei-Uniform zu tragen, so Breivik. Er habe sich Hunderte von Stunden mit al Kaida und der baskischen Terrororganisation Eta beschäftigt. Al Kaida sei so erfolgreich, weil sie "Märtyrer" (Selbstmordattentäter) einsetze. Das Problem mit militanten Islamisten sei aber, dass sie zu sehr auf Sprengstoff und nicht auf Amokläufe mit Schusswaffen setzten. Dennoch habe er eine Art "al Kaida für Christen" schaffen wollen. Für sein Kompendium habe er auch andere Terrororganisationen verglichen.

Befragt nach seinem fehlenden Mitgefühl antwortete Breivik laut Guardian-Journalistin Pidd: "Ich glaube, ich würde einen Nervenzusammenbruch erleiden, wenn ich meine mentalen Schutzschilde entferne." Er sei sich voll bewusst, unfassbares Leid ausgelöst zu haben. Er habe das Leben der Angehörigen und Hinterbliebenen zerstört, sagte er ohne Reue. "Ich kann nicht behaupten, dass ich ihr Leid verstehe", sagte Breivik. "Wenn ich das versuchen würde, könnte ich hier nicht sitzen. Dann könnte ich nicht weiterleben."

Angeklagter kritisiert die Medien

Breivik sagte Zu Beginn der Befragung, er habe sich zu der "Selbstmordaktion" am 22. Juli 2011 entschlossen, nachdem er alle "friedlichen Mittel" zur Umsetzung seiner nationalistischen Ziele ausgeschöpft habe. Er ging demnach davon aus, selbst getötet zu werden. Der rechtsextreme Angeklagte warf den Medien erneut vor, systematisch die nationalistische Ideologie zu zensieren.

Breivik ist des Terrorismus und vorsätzlichen Mordes angeklagt. Auch am kommenden Montag soll er noch einmal befragt werden. Danach will das Gericht Zeugen hören.

mlr/DPA/AFP / DPA