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Gedenkfeier in Winnenden: Die Stunde des Schweigens

Sie waren alle zum Trauern nach Winnenden gekommen: der Bundespräsident, die Kanzlerin, der Außenminister, und, und, und. Viele von ihnen hatten Tränen in den Augen und eine brüchige Stimme. Besonders berührend wurde diese Feier jedoch nicht durch Reden - sondern durch Schweigen.

Von Ingrid Eißele, Winnenden

An den Stühlen in den ersten sechs Reihen kleben Zettelchen mit Namen: Pau, Struck, Kauder, Rech, Rau, Schavan, Goll, Steinmeier, Straub, Merkel, Köhler, Oettinger, dahinter Roth, Kuhn, Westerwelle. Fraktions- und Parteichefs, Bundes- und Landesminister, die Kanzlerin, der Bundespräsident. Berlin ist nach Winnenden gekommen. Aber – das ist selten – Berlin schweigt.

Es ist eisig kalt an diesem Morgen, in der Nacht gab es Frost. Vor der Kirche wartet Bernhard Fritz, der Oberbürgermeister der Stadt Winnenden. Er begrüßt jeden Gast mit einem Händedruck. Die Politiker in schwarzen Mänteln eilen auf dem schnellsten Weg in die St. Borromäuskirche. Nur Fritz Kuhn, der Fraktionschef der Grünen, steht eine Weile draußen, allein. Kein Mikrofon streckt sich ihm entgegen, keine Menschentraube bildet sich um die Polit-Prominenz. Es ist auch eine halbe Stunde vor Beginn der Feier ruhig, so ruhig, dass man auf dem Platz vor der St. Borromäuskirche das Zwitschern eines Vogels hört. Sie ist schön, diese Stille, sie ist vermutlich das, wonach sich die Eltern, Geschwister, Großeltern, sehnen. In der Kirche warten fast 900 Menschen, bis der Bundespräsident, die Kanzlerin und Ministerpräsident Oettinger eintreffen. Die gemurmelten Gespräche sind längst versiegt. Eine Viertelstunde lang ist es völlig still.

"Eine ganze Stadt, ein ganzes Land trauert", spricht draußen der Moderator des Südwestrundfunks mit gedämpfter Stimme in sein Mikrofon. Mehr und mehr geladene Trauergäste treffen ein. Baden-Württembergs Kultusminister Rau, Innenminister Rech, Justizminister Goll, aus Berlin Guido Westerwelle, Claudia Roth, Volker Kauder. Menschen, die sonst immer etwas zu sagen haben, jetzt hören sie zu. Den Geistlichen, dem Bundespräsidenten, der Schulleiterin.

"Manche hat die Trauer stumm gemacht, für sie ist die Zeit stehen geblieben", sagt Landesbischof July. Das Schweigen auszuhalten, es nicht wegreden zu wollen, "ist das Schwerste", bekannte vergangene Woche Astrid Loy, eine Krisenhelferin der Johanniter-Hilfe. Sie hatte Eltern und Kinder in den ersten Stunden nach dem Amoklauf betreut, als viele Eltern noch auf Nachricht von ihrem Kind warteten, einige bis zu sechs Stunden lang. Bis die Todesnachricht kam.

In der Borromäuskirche lässt sich diese Last erahnen, die die Familien tragen, als die Namen der Opfer verlesen werden. Jeweils zwei Kinder aus der Albertville-Realschule tragen stumm eine Kerze mit dem Namen des Toten und eine Rose zum Altartisch. Auf dem Weg zum Altar hört man nur das Geräusch ihrer Schritte. In den nächsten Tagen wird es wieder um Lehren aus Winnenden gehen, um ein Verbot von Killerspielen, um strengere Waffengesetze, um Erziehungsmängel, um Verbesserungen in den Schulen. Aber "heute ist noch nicht die Zeit, um darüber zu sprechen, was wir tun müssen", sagt Landesbischof July. „Heute ist die Zeit, um zu klagen." Um anderen Trost zu geben, "einfach da zu sein."

Nach rund zwei Stunden ist die Trauerfeier zu Ende. So würdig, wie sie begonnen hat. Die Kanzlerin verlässt den Stuhl mit ihrem Namenszettel. Sie war einfach da.