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Gefängnis Poggioreale Hinter den Mauern die Hölle

Reportage Gefängnis Poggioreale
Fenster zum Hof: Eine Wache beobachtet die Insassen beim Hofgang, bei dem sie für kurze Zeit den Himmel sehen können
© Valerio Bispuri
Die Enge. Die Langeweile. Der Schmutz. In Neapel leben verurteilte Gangster im Gefängnis Poggioreale. Ein Blick hinter den Mythos der Camorra.
Von Felix Hutt

Am Morgen des 29. März 2016 zeigt sie sich wieder, die hässliche Fratze der Camorra. Luigi Cutarelli, 21 Jahre alt, ein Baby-Killer, exekutiert in der Via Janfolla im Norden Neapels einen Mann, den sein Boss Carlo Lo Russo unsympathisch findet. Cutarelli schießt seinem Opfer zehnmal ins Gesicht. Um zu morden, braucht die Camorra keinen Grund mehr. Es geschieht einfach. Zwei Wochen nach der Tat werden Cutarelli und Lo Russo verhaftet. Das ist vielleicht noch das Ungewöhnlichste an dieser Geschichte aus Neapel. Die Stadt steht heute mehr denn je für organisiertes Verbrechen. Die Camorra ist überall, aber sie operiert unsichtbar.

Umso erstaunlicher sind die Fotos, die Valerio Bispuri im Gefängnis Poggioreale in Neapel machen konnte. Er bekam Zugang zu einer Welt, die man aus Filmen und Büchern zu kennen glaubt, aber in Wahrheit noch nie gesehen hat. Bispuri gelang ein Blick hinter die Fassade der Camorra - ein Blick auf die traurige Seite eines Gangsterlebens, hinter Gittern, ohne Licht, ohne Hoffnung, gefangen in der Aussichtslosigkeit, jemals ein anderes Leben führen zu können.

Bispuri besuchte vor mehr als einem Jahr das Gefängnis Poggioreale das erste Mal - während einer Lesereise durch Italiens Knäste stellte er damals sein Buch "Encerrados" vor, für das er 74 Gefängnisse in Südamerika porträtiert hatte. Den Häftlingen gefielen seine Fotos so sehr, dass sie sich wünschten, er möge auch ihr Gefängnis porträtieren. Wenn die Welt sehen könnte, wie sie leben müssen, so hofften sie, würde sich etwas ändern. Tatsächlich durfte Bispuri ein paar Monate später in Poggioreale fotografieren.

Das Gefängnis steht wie eine Festung auf einem 65.000 Quadratmeter großen Areal nicht weit vom Zentrum Neapels. Vor dem Eingangstor braust der Verkehr vorbei, von den Balkonen der umliegenden Wohnhäuser wehen die hellblauen Fahnen des SSC Neapel. Man mag sich über vieles uneins sein in der Hauptstadt Kampaniens, aber nicht, wenn es um Fußball geht. Der Erzbischof von Neapel hat den Insassen sogar Pay-TV geschenkt, damit sie die Spiele sehen können. Bei Toren des SSC Neapel rütteln die Häftlinge so fest an den Zellengittern, dass die Wände wackeln.

Raum für Scham gibt es nicht

Das Gefängnis ist über 100 Jahre alt und in acht Gebäude eingeteilt, die nach italienischen Städten benannt sind. Als Bispuri in einer Zelle der Abteilung "Roma" fotografierte, zeigte ihm ein Häftling, wie einer seiner Kollegen Pasta kocht, während ein anderer daneben auf die Toilette geht. Poggioreale ist für bis zu 1680 Häftlinge zugelassen, aber immer überfüllt. Scham und Privatsphäre müssen sich die Insassen abgewöhnen, wenn sie überleben wollen.

Bereits 2013 prangerte der ehemalige Häftling Enzo Corona die Verhältnisse öffentlich an, viel wurde diskutiert. Die Zustände haben sich seitdem kaum geändert. Poggioreale muss dringend renoviert werden. Die Waschbecken sind unzumutbar, mit Fliesen, die sich von der Wand lösen oder zerbrochen sind. Feuchtigkeit, Schimmel, im Winter keine Heizung, im Sommer keine Kühlung. Nur dreimal die Woche gibt es für eine Stunde warmes Wasser. Hinter den hohen Mauern ist die Sonne kaum zu sehen. Wenn jemand krank wird, dauert es Tage, bis ein Arzt kommt. Und der verschreibt meist dasselbe Mittel: Buscopan. Die Häftlinge nennen es "die Pille von Padre Pio", dem Volksheiligen Italiens, der die Gabe des Heilens besessen haben soll. Vier Insassen seien allein 2013 an den Folgen der schlechten medizinischen Versorgung gestorben, klagt ein Häftling.

Berüchtigt war auch die Cella Zero, die Zelle Null im Erdgeschoss. Diese Folterkammer wurde 1981 eingerichtet und erst 2013 geschlossen, nachdem ein Ex-Häftling Anzeige erstattet hatte. In der Nacht hatten Polizisten sich Häftlinge gegriffen, um sie zu bestrafen. Sie mussten sich nackt ausziehen und wurden mit Schuhen getreten oder mit Schlagstöcken zusammengeschlagen. "Si entra vivo, si esce morto", sagt man über Poggioreale, "wer hier lebendig reinkommt, kommt tot wieder raus." Über die Gänge des Gefängnisses sind Sicherheitsnetze gespannt, Zahlen über Selbstmorde werden nicht veröffentlicht.

Bispuri fotografierte auch die Zelle von zwei Camorra-Mitgliedern. Viele haben mehrere Haftstrafen hinter sich, die Verurteilungen reichen von Drogenhandel, Bildung einer kriminellen Vereinigung bis zum Mord. Niemand benutzt das Wort Camorra in Poggioreale, es bleibt unausgesprochen, aber jeder weiß, wer draußen und drinnen die Fäden zieht. Man hält sich an das, was der Capo, der Boss, vorgibt. Die Haft gehört zum Berufsrisiko eines Camorrista, gilt sogar als Auszeichnung. Der Clan versorgt den Inhaftierten mit einem guten Anwalt und kümmert sich um seine Familie, während er einsitzt.

Zu den Besuchszeiten vormittags unter der Woche bilden sich vor dem Gefängnis Schlangen von Frauen. Sie bringen Süßigkeiten mit, sitzen ihren Liebsten Händchen haltend im Besuchsraum gegenüber, mehr Zärtlichkeit ist nicht gestattet. Dem Fotografen erzählte ein Camorrista, wie wichtig ihm das Treffen mit seiner Frau sei. Wie viel Kraft es ihm gebe, sie zu sehen. Auf seinem Bauch ist ein Tattoo zu sehen, sein Lebensmotto: "Odio gli infami, detesto la legge, amo combattere", auf Deutsch: "Ich hasse die Niederträchtigen, ich verabscheue das Gesetz, ich liebe es, zu kämpfen".

Das Verbrechen lockt

Luca Mozetti (Name geändert, Anm. d. Red.), der im Trakt "Firenze" einsitzt, hatte auch gerade Besuch. Es war seine Mutter. Eine Freundin hat Mozetti nicht. Er wurde von der Gefängnisdirektion für die Interviews ausgewählt. Bispuris Fotografien aus Poggioreale haben in Italien für Aufsehen gesorgt. Der Gefängnisdirektor ist unter Druck. Die Konsequenz: Jetzt sitzen Offizielle dabei, wenn Insassen über ihr Leben in Poggioreale sprechen.

Mozetti riecht nach Aftershave. Er war 15 Jahre alt, als er Mitglied einer Baby-Gang wurde. Mit seinen Kumpanen überfiel er Banken und Juweliere. Dealte mit Waffen. Träumte von schnellen Autos, teuren Uhren und Frauen, die auf beides standen. Aber Mozetti wurde erwischt. Dann begann seine zweite Karriere, im Knast.

Heute ist er 23 Jahre alt, sieht aber immer noch aus wie ein 16-jähriger Gymnasiast. Als habe das Alter für ihn eine Pause gemacht, bis er im Juli entlassen wird. Er ist schmächtig, seine Haut glatt. Er trägt eine Hornbrille, Jeans und Prada-Sneaker mit Klettverschluss. Er sitzt in einem fensterlosen Schulungsraum und sagt, seine Mutter glaube an ihn. Daran, dass alles besser wird, wenn er rauskomme. Er selbst ist sich da nicht so sicher. Es sei schwer, sich den "giochi pericolosi", den gefährlichen Spielen, zu entziehen.

Mozetti erzählt, welche Faszination die Camorra auf die Jungen ausübt. Seine Eltern haben ein Autohaus, er hätte als Verkäufer dort arbeiten können. Aber die Älteren, sagt Mozetti, locken mit anscheinend leicht verdientem Geld. Zum Beispiel durch Botenfahrten, einen Rucksack mit Kokain oder Pistolen von A nach B fahren. Mehr Geld sei bei einem Überfall drin. Die Frauen, sagt Mozetti, stehen doch nicht auf die, die für ein bisschen Geld ehrlich arbeiteten. Die Frauen, die wollten Typen mit richtig Geld.

Ohne das "da draußen" kann man Poggioreale nicht verstehen, weil es eine Folge von dem ist, was auf den Straßen Neapels schiefläuft. Roberto Saviano, Schriftsteller und Chronist der Camorra - und ein enger Freund Bispuris - enthüllte in seinem Bestseller "Gomorrha", dass die Mafia nicht nur das Drogengeschäft, die Prostitution und den Tabakschmuggel dominiert, sondern auch Teile der Textil-, Müll-, Tourismus- und Immobilienindustrie. Saviano musste bald nach Erscheinen seines Buches unter anderem Namen ins Ausland gehen.

Die Jüngeren scheinen keine Grenzen zu kennen

Die Hälfte der Jugendlichen in Neapel ist arbeitslos. Die Camorra fungiert als Familie, Heimat, Sozialamt und Arbeitgeber. Jahrzehntelang teilten Clans die Reviere untereinander auf. Sie schufen ihre eigenen Gesetze, Frauen und Kindern zu schaden war tabu.

Das gilt nun nicht mehr. Anfang September 2015 wurde Gennaro Cesarano in der Altstadt Neapels erschossen, er war gerade 17 Jahre alt. Viele der alten Bosse sind verhaftet worden. Die einst mächtigen Clans der Casalesi und der Di Lauros gelten als besiegt. Jüngere wollen an ihre Stelle treten. Und sie scheinen keine Grenzen mehr zu kennen. Baby-Killer auf Mopeds schießen mit Kalaschnikows um sich. Viele von ihnen, das scheint sicher, werden bald in Poggioreale einsitzen.

Das Leben hier sei nicht angenehm, sagt Mozetti, aber immerhin sei er weg von der Straße. Wird es ihn zu einem besseren Mann machen? Eher nicht, aber vielleicht schafft er es nach seiner Haft raus aus Kampanien, er will nach Deutschland, sagt er. Dort sei alles besser.

Auch Bispuri glaubt nach seinem Besuch in Poggioreale nicht daran, dass das Gefängnis seinen Auftrag als Besserungsanstalt erfüllt. "Wenn viele Häftlinge den ganzen Tag nichts zu tun haben und ohne jede Intimität in prekären Verhältnissen leben, dann kann man das nur die Hölle nennen", sagt er. Beeindruckt hat Bispuri der Zusammenhalt unter den Männern. Wenn kein Fußball läuft, dann schalten sie abends nach dem Einschluss in die Zellen die Fernseher an und schauen "Un Posto al Sole", "Ein Platz an der Sonne". Eine kitschige Soap, die in Neapel spielt.

Ein Darsteller heißt Eugenio und kämpft gegen die Camorra.


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