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Geir Lippestad fordert Freispruch: Der irre Spagat des Breivik-Verteidigers

Breivik-Anwalt Geir Lippestad fordert Freispruch für den Massenmörder. Das ist konsequent im Sinne des Mandats. Es ist der Versuch, den Anschein der Normalität zu wahren.

Ein Kommentar von Swantje Dake

Freispruch für einen Massenmörder. Nicht weniger als das fordert der Anwalt von Anders Behring Breivik. Breivik tötete am 22. Juli 2011 77 Menschen mit einer Bombe im Osloer Regierungsviertel und einem mehrstündigen Massaker auf der Insel Utøya. Der 33-jährige Angeklagte ist geständig. Es gibt keinen Zweifel an seiner Schuld. Und dennoch fordert Geir Lippestad Freispruch.

Wenn man Breiviks Taten zugrunde legt, mutet diese Schlussfolgerung selbstverständlich grotesk an. Doch Lippestad stellt sich damit voll und ganz in den Dienst seines Mandanten. So wie es die Aufgabe eines Anwalts ist. Breivik hatte sich erstmals bei einem Haftprüfungstermin im Februar auf Notwehr berufen, sich für nicht schuldig erklärt und seine Entlassung gefordert. Diese Argumentation wiederholte er zu Prozessbeginn. Er habe die Überfremdung der norwegischen Gesellschaft stoppen müssen.

Lippestad vergisst den Freispruch

Geir Lippestad hat schon Wochen vor Prozessbeginn klargemacht, dass er Breiviks Wünsche vertreten wird – und sei dessen Sicht der Dinge noch so absurd. Das ist konsequent, weil es seinem Anspruch gerecht wird, wie ein Anwalt einen Klienten vertreten sollte. Und es ist Ausdruck dessen, was Betroffene, die Staatsanwaltschaft und das Gericht als Losung für diesen Prozess ausgegeben hatten: Auch wenn die Gräueltaten unfassbar sind, werden wir dem Massenmörder mit unserem etablierten Rechtssystem antworten.

Dass es dem 47-jährigen Anwalt schwer fällt, diese Grundauffassung konsequent zu vertreten, merkt man am Ende seine Plädoyers. Nach gut drei Stunden Plädoyer fordert er eine milde Strafe für Anders Behring Breivik. "Er hat selbst gesagt, dass der 22. Juli eine einmalige Handlung war und dass er nun die Zeit nutzen wird, um zu schreiben." Lippestad spricht sich damit für eine Haftstrafe ohne anschließende Verwahrung für den Attentäter von Oslo und Utøya aus. Dass Breivik als zurechnungsfähig angesehen werden sollte, hat er mehrfach in seinem Plädoyer versucht herzuleiten. Der Anwalt mit dem kahlen Kopf nimmt die Lesebrille ab, schaut Richterin Wenche Elizabeth Arntzen an. Als wolle er sagen: "Von meiner Seite ist alles gesagt."

Doch Arntzen scheint irritiert. "Sie plädieren nicht auf Freispruch?" Breivik guckt seinen Anwalt erstaunt an. Stille im Gerichtssaal 250. Alle schauen Lippestad an, der ins Straucheln kommt. "Entschuldigung, Entschuldigung, ich hab meine Brille ein bisschen zu früh abgenommen. Wir fordern einen Freispruch." Richterin Arntzen verlangt die Forderung nun schriftlich und Lippestads Kollegin Wiebke Hein Bæra greift dem Anwalt unter die Arme und liest nach der Mittagspause klar und deutlich die Forderung des Verteidigerteams vor: "Die Forderung auf Einweisung in die Psychiatrie der Staatsanwaltschaft ist abzulehnen. Außerdem soll Anders Behring Breivik freigesprochen oder zu einer möglichst milden Strafe verurteilt werden."

Betroffene und Angeklagter verfolgen das gleiche Ziel

Die umständliche Formulierung, die erst auf Nachfrage des Gerichts kommt, macht klar: Die Forderung "Freispruch" war nur eine Formalie, allerdings eine unverzichtbare für den Anwalt. Dessen Angst war bereits kurz nach der Mandatsübernahme, dass er seine Seele im Laufe des Prozesses verlieren könne. Dennoch verschrieb er sich voll und ganz der Linie Breiviks. Nahm im Plädoyer die Perspektive des Massenmörders ein, argumentierte wie er. "Wenn es Breivik darum gegangen wäre, so viele Menschen wie möglich zu töten, wäre er zur Karl-Johans-Gate oder zum Bahnhof gefahren. Aber er fuhr nach Utøya, weil er ein politisches Ziel suchte."

Und gleichzeitig achtete Lippestad im Gerichtssaal stets darauf, dass er sich nicht mit seinem Mandanten gemein macht. An der Anklagebank hielt er räumliche Distanz zu seinem Klienten. In seinem Plädoyer fielen Sätze wie. "Der 22. Juli war ein Inferno der Gewalt" und "Ich teile voll und ganz die Auffassung der Staatsanwaltschaft, dass die Terrorhandlungen von kaum vorstellbarer Grausamkeit sind". Dass er von der Ideologie und den rechtsextremen Ansichten seines Mandanten und einem Teil der Zeugen, die er berief, angewidert ist, daran ließ Lippestad keinen Zweifel.

Er weiß, dass die Forderung nach Freispruch nur eine Formalie ist. Und kämpft daher eher für das eigentliche Ziel seines Mandanten: die Zurechnungsfähigkeit und die damit einhergehende Gefängnisstrafe. "Wenn eine Person als psychotisch eingestuft wird, muss sie so krank sein, dass jeder erkennt, dass sie krank ist." Nur ein Viertel der Norweger hält Breivik für krank. 74 Prozent halten ihn für zurechnungsfähig, möchten ihn im Gefängnis sehen, ohne psychiatrische Behandlung. Damit verfolgen der Angeklagte und die Betroffenen das gleiche Ziel. Das ist das eigentlich Absurde. Am Ende des letzten Prozesstages teilte Richterin Arntzen mit, dass das Urteil nicht wie geplant im Juli verlesen wird, sondern erst am 24. August.