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Geiselnahme im Kindergarten: Der Schock bei den Eltern sitzt tief

In einem Kindergarten in Frankreich spielen sich dramatische Szenen ab. Stundenlang hält ein mit Säbeln bewaffneter 17-Jähriger Kinder in seiner Gewalt - dann greifen Spezialeinheiten ein.

Die junge Mutter kann es noch immer nicht fassen: "Es war schrecklich. Wir standen vor dem Kindergarten und wussten nicht, was drinnen passiert." Mit zwei Säbeln bewaffnet dringt ein Jugendlicher am Morgen in einen Kindergarten im französischen Besançon ein. Über Stunden hält er mehrere Kinder und eine Erzieherin fest. Draußen machen die Eltern vermutlich die schlimmsten Stunden ihres Lebens durch - bis die Geiselnahme gegen Mittag beendet ist. Alle Kinder kommen unverletzt frei.

Auch einige Stunden nach dem Drama sitzt der Schock tief: Im Kindergarten Charles Fournier sind die Vorhänge zugezogen, das Tor ist verschlossen. Rund um den kleinen grauen Flachdachbau im Vorort Planoise stehen Absperrgitter. Wo am Morgen Polizeiautos und Krankenwagen standen, rangieren nun Übertragungswagen der Fernsehstationen. Im Kindergarten sprechen die Erzieher mit Eltern. Die Kinder sind schon wieder zu Hause. Doch immer wieder kommen Eltern an den Ort des Geschehens, um sich ein Bild zu machen.

Am Morgen spielen sich an dem kleinen Zaun vor dem Eingang dramatische Szenen ab. Während Polizisten mit dem Geiselnehmer verhandeln, verschaffen sich bewaffnete und maskierte Spezialkräfte Zugang zu dem Kindergarten. Zugleich kommen immer mehr Eltern, die um das Leben ihrer Kinder bangten. Sie müssen in Eiseskälte ausharren. Die benachbarte Grundschule wird zum Krisenzentrum umfunktioniert.

Der erst 17 Jahre alte Täter soll nach Behördenangaben psychisch krank sein. Während der Geiselnahme spricht er immer wieder davon, sich das Leben zu nehmen - und verlangt dafür eine Schusswaffe. Nach und nach lässt er einen Großteil seiner Geiseln frei. Gegen Mittag hat er noch fünf Kinder und eine Kindergärtnerin in seiner Gewalt. Das glückliche Ende kommt, als er die Kinder zum Essen in einen anderen Raum gehen lässt. Kaum ist der Geiselnehmer allein, setzen ihn Spezialisten mit einer Elektroschockpistole außer Gefecht. Helfer bringen die in Decken gewickelten Kinder zu ihren Eltern, denen vor Erleichterung die Tränen fließen.

Am Nachmittag kümmern sich Helfer um traumatisierte Eltern und Kindern sowie um besorgte Angehörige. Die Rettungsdienste sind mit einem Großaufgebot an Helfern vor Ort. Auch in den kommenden Tagen, sagt ein Sprecher der örtlichen Feuerwehr, werden sie Kinder und Eltern betreuen.

"Wir sind alle entsetzt, sagt Bürgermeister Jean-Louis Fousseret. Nichts deutete auf die Tat hin. Planoise ist ein grauer Vorort Besancons, der kleine einstöckige Kindergarten steht inmitten von Hochhäusern. Die Polizei habe gut reagiert, sagte eine junge Mutter. "Es hätte auch anders enden können." Die Eltern, so ein Vater, seien beruhigt, dass nicht noch mehr passiert sei.

"Ich bin froh, dass es ein schnelles und unblutiges Ende gab", sagt auch Frankreichs Bildungsminister Luc Chatel in einer kurzen Pressekonferenz, für die neben dem Hort ein Zelt aufgebaut wurde.

Der Spielplatz des Kindergartens ist verwaist. Doch schon am Dienstag sollen die Kleinen dort spielen. Auch der Kindergarten macht dann wieder auf. "Die Kinder brauchen jetzt Routine, den geregelten Tagesablauf", sagt eine Erzieherin. Das Geiseldrama werde aber Thema sein. "Es gibt viele Fragen, die wir alle haben. Wir werden versuchen, sie gemeinsam zu beantworten."

Jürgen Ruf, DPA / DPA
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