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Geiselnahme in Freiburg: Verwirrspiel in der Grill Ecke

Polizisten umzingeln einen Imbiss in Freiburg, in dem sich ein Mann verschanzt. Nach Stunden stellt sich der Täter. Am Ende ist nicht mal klar, ob es sich überhaupt um eine Geiselnahme gehandelt hat.

Von Matthias Rittgerott, Freiburg

Herr X muss nicht ins Gefängnis", stand auf der Bescheinigung, die der 36-jährige Kurde in Händen hielt, als er Freitagfrüh von einem Sondereinsatzkommando festgenommen wurde. "In so einer gefährlichen Situation unterschreiben wir alles", erklärt Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier und guckt ernst, ja sogar aufgebracht. Die Versicherung sei allerdings das Papier nicht wert, auf dem sie steht.

Die ganze Nacht über hatte der Kleinkriminelle die Freiburger Polizei in Atem gehalten. 400 Beamte waren rund 14 Stunden lang im Einsatz. Um 19.18 Uhr am Donnerstagabend hatte der Mann den Notruf der Polizei gewählt. Er wolle den Bürgermeister oder den Polizeichef sprechen. Sofort. Sonst werde er "alles in die Luft machen". In seinem Imbiss Grill Ecke habe er genügend Benzin und Gas dafür.

"Unübersichtliche" Lage in der Tullastraße

Als die Polizei an der Grill Ecke in der Tullastraße eintraf, war die Lage "unübersichtlich" - und sollte es bis zum Morgen bleiben. Der Inhaber hatte sich in dem türkisfarbenen Gebäude neben dem Rewe-Markt verschanzt. Bei ihm: seine fünf Kinder zwischen sieben und 17 Jahre alt, seine Frau und sechs weitere Erwachsene, offenbar Familienangehörige und Freunde. Hielt er sie als Geiseln oder waren sie freiwillig bei ihm? Die Polizei wusste es nicht - und weiß es immer noch nicht, obwohl der Täter längst in U-Haft sitzt.

Ein Blick auf das Vorstrafenregister des Mannes ließ Böses erwarten. "Wir mussten mit allem rechnen", sagt Oberstaatsanwalt Maier: "Er schien uns nicht berechenbar."

2009 hatte der Mann aus dem Landkreis Emmendingen mit Sprengstoff hantiert, 2011 und 2012 war er mit scharfen Schusswaffen aufgegriffen worden, darunter eine halbautomatische Kurzwaffe. Wegen eines Drogendelikts sollte er für acht Monate in den Bau fahren. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. "Die hat er noch offen", sagt Maier. Weil der 36-Jährige eine Therapie abgebrochen hat, lag ein Vollstreckungshaftbefehl vor.

Kein politischer Hintergrund

Am Donnerstag musste der Kleinkriminelle wieder vor einen Richter treten. Wegen Fahrens ohne Führerschein war er zu elf Monaten auf Bewährung verurteilt worden. "Das Strafmaß hat uns nicht geschmeckt", sagt Maier. Die Staatsanwaltschaft ging in Berufung. Doch der Angeklagte erschien nicht zum Prozess - er fuhr stattdessen in die "Grill Ecke" und rief die Polizei.

Womöglich hat sich der Mann aus Angst vor dem Knast in seinem Imbiss verschanzt. Einen politischen Hintergrund schließt die Polizei jedenfalls aus. Dafür gebe es keine Anhaltspunkte. Ob der Täter unter Drogen stand, wird untersucht.

Der Täter verhielt sich nicht wie ein typischer Geiselnehmer. Er stellte keine Forderung nach dem Schema "wenn..., dann..." Vielmehr verlangte er erst nach dem Bürgermeister oder dem Polizeichef, später nach der Bescheinigung, die ihn in seinen Augen vor dem Gefängnis schützen sollte. "Sehr, sehr widersprüchlich" habe sich der Täter verhalten, sagt der Leiter der Polizeidirektion, Alfred Oschwald, der den nächtlichen Einsatz geleitet hatte. Diese Formulierung verwendet er häufig. "Der Tatverdächtige hat seine Forderung minütlich geändert."

Selbst Polizeipsychologen überfordert

Die ganze Nacht über telefonierte der Mann im Imbiss mit der Polizei. Wieder und wieder, "unendlich viele Male", sagt Oschwald. Mal habe er "emotional" und "verzweifelt", mal "sehr stabil" geklungen. Die Polizeipsychologen konnten sich kein klares Bild machen. Auch Telefongespräche mit Personen, die bei ihm im Imbiss waren, machten die Beamten nicht schlauer. Was geht in dem Gebäude und im Täter vor?

Um 6.25 Uhr verließ ein Mann den Imbiss. Zunächst hieß es, der Täter sei überwältigt. Schnell war klar, dass das nicht stimmte. Warum der Mann - womöglich eine Geisel - gehen durfte, ist unklar. Die Polizei befragte ihn: Was passiert in der "Grill Ecke?" Doch die Details, die er preisgab, halfen den Beamten nicht weiter.

Erst anderthalb Stunden später konnte die Polizei den Täter "überreden" aufzugeben. Er und die übrigen Kinder und Erwachsenen verließen die "Grill Ecke". Sie stiegen in einen bereitgestellten Linienbus. Da griff das SEK zu. Vier Personen erlitten Schürfwunden. Gefahr habe aber nicht bestanden, versichert die Polizei.

War es Geiselnahme? Oder doch nur Nötigung?

Als Polizisten die "Grill Ecke" durchsuchten, rochen sie Gas oder Benzin. Die Aktion wurde abgebrochen. Woher der Geruch kam, ist unklar. Schusswaffen fanden die Beamten später nicht, lediglich einen Baseballschläger und eine Axt.

Auf die Frage, welcher Straftat sich der 36-Jährige schuldig gemacht hat, zuckt Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier mit den Schultern. Geiselnahme? Darauf stünden fünf Jahre Haft. Oder war es Nötigung, weil er einen Staatsanwalt gezwungen hat, eine wertlose Bescheinigung auszustellen?

Der nächste Gerichtstermin für den Vorbestraften steht bereits fest: Am 9. Dezember vor dem Freiburger Schöffengericht. Der Vorwurf lautet unerlaubter Waffenbesitz und schwere räuberische Erpressung.