HOME

Geiselnahme: Wie der Täter von Köln möglichst viele Menschen treffen wollte

Welches Motiv hatte der mutmaßliche Täter von Köln? Ein Bekenntnis zum IS hat die Kölner Polizei auch in seiner Wohnung nicht entdeckt. Trotzdem deuten viele Ermittlungsergebnisse auf ein Attentat hin.

Der Geiselnehmer vom Kölner Hauptbahnhof hätte mit seinen mitgeführten Gaskartuschen einen erheblichen Schaden anrichten können. Dies vor allem, weil die Kartuschen mit Stahlkugeln präpariert waren. Das bestätigte die Kölner Polizei auf Nachfrage während einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag. Hätte er die Kartuschen zur Explosion gebracht, wäre der Schaden beachtlich gewesen, sagte der Kölner Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker. Dass nicht viel mehr Menschen, die sich zur Tatzeit in einem McDonald's-Restaurant im Hauptbahnhof aufhielten, verletzt worden seien, sei großes Glück. Gegen den mutmaßlichen Täter wurde laut Staatsanwaltschaft Köln Haftbefehl erlassen. Die Bundesstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie den Fall übernehmen wird.

Um die Kartuschen explodieren zu lassen, sei große Hitze notwendig gewesen, erläuterte Becker. Ob das mitgeführte Benzin dafür ausgereicht hätte, darüber könne bislang nur spekuliert werden. Bisher könne die Polizei auch nicht sagen, ob der Plan überhaupt funktioniert hätte. Der Mann habe aber "beachtliche Mengen zur Verfügung" gehabt, die er in einem Koffer und einer Tasche mitgeführt habe. Die Polizei bittet unter anderem im Zusammenhang mit den Gepäckstücken um Hinweise.

Seit 2015 in Köln

Laut Becker konnte der mutmaßliche Täter nun anhand des am Tatort zurückgelassenen Dokuments zweifelsfrei identifiziert werden. Es handelt sich, wie bereits vermutet, um einen 55 Jahre alten Syrer, der im März 2015 nach Deutschland gekommen sei. Er sei inzwischen außer Lebensgefahr, liege aber im Koma, so dass er derzeit nicht zu seinem Tatmotiv befragt werden könne.

Der Mann lebt den Angaben zufolge seit 2015 in Köln, sei als asylberechtigt anerkannt und habe eine befristete Aufenthaltserlaubnis bis Juni 2021. Ein Sohn und ein Bruder des mutmaßlichen Täters hielten sich ebenfalls in Deutschland auf. Der offenbar in Offenbach lebende Sohn sei bereits befragt worden, Einzelheiten nannte die Polizei aber nicht. Die Ehefrau des mutmaßlichen Täters befinde sich noch in Syrien. "Zweimal wurden Anträge auf Einreise nach Deutschland gestellt, die jeweils abgelehnt wurden", so Becker.

Arabische Schriftzeichen an den Wänden

Die Wohnung des 55-Jährigen in einer Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Neuehrenfeld sei intensiv untersucht worden. Dort sei so viel weiteres Benzin vorhanden gewesen, "dass die Feuerwehr wegen den Benzin-Geruchs erst einmal lüften musste." An den Wänden hätten sich zwar arabische Schriftzeichen gefunden, ein Bekenntnis zum sogenannten Islamischen Staat sei aber nicht darunter gewesen. Sinngemäß, so Becker weiter, habe an einer Wand gestanden: "Gott ist groß, Mohammed sein Prophet". Bisher sei den Ermittlern eine mögliche Beziehung zu der Terrormiliz lediglich durch Zeugenhinweise bekannt, der Mann habe gerufen, er gehöre dem "Daesh" an, einer arabischen Bezeichnung für den IS. Dies habe aber bisher nicht bestätigt werden können. Sichergestellt worden seien auch zwei Handys, deren Auswertung noch laufe.

Der Syrer sei der Polizei insgesamt 13 Mal aufgefallen - unter anderem wegen Diebstahl, Betrugs, Bedrohung und Hausfriedensbruch. Angeklagt wurde er laut Staatsanwaltschaft in nur einem Fall wegen Betrugs in mehreren Fällen. Die meisten anderen Fälle sei eingestellt worden, hieß es. Während der Geiselnahme in der Apotheke habe der mutmaßliche Täter eine täuschend echte Softairwaffe bei sich gehabt. Warum er den größten Teil seiner Ausrüstung im McDonald's zurückgelassen habe, sei unklar. Bei der Geisel, einer Apotheken-Angestellten, handele es sich wohl um ein Zufallsopfer. Die Frau konnte den Angaben zufolge wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Ein Jugendliche, die im McDonald's schwere Brandverletzungen erlitten habe, sei am Nachmittag operiert worden.

Wurde Syrer in Assad-Haft gefoltert?

Noch vollkommen ungeklärt ist nach Angaben der Polizei, ob der tatverdächtige Syrer Mittäter oder Gehilfen gehabt habe. Bisher gebe es darauf aber keine Hinweise. Auch habe eine angebliche Forderung nach Freilassung einer Tunesierin bisher nicht verifiziert werden können. Der Syrer sei keiner Arbeit nachgegangen - dies offenbar aufgrund von psychischen Problemen. Diese rühren laut einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" von einer angeblichen Inhaftierung als Gegner des Regimes des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. "Er sagte, dass er dort gefoltert wurde. Mit Stromschlägen, mit Wasser, mit Licht", zitierte die Zeitung den Hausverwalter der Flüchtlingsunterkunft. Die Polizei gab an, darüber keine Informationen zu haben. Die Ermittlungen dauern an.

Um auf die offenen Fragen Antworten zu finden und die Hintergründe der Tat aufzuklären, bittet die Kölner Polizei Zeugen, etwaige Video- oder Fotoaufnahmen von der Tat zur Verfügung zu stellen. Hierzu haben die Ermittler ein Upload-Portal unter nrw.hinweisportal.de eingerichtet. Telefonische oder persönliche Hinweise nehmen die Polizeidienststellen entgegen.

dho / mit Material von DPA