VG-Wort Pixel

Richter in Vergewaltigungsprozess "Warum haben Sie nicht einfach die Beine zusammengehalten?"

Der kanadische Richter beschuldigte das mutmaßliche Opfer indirekt, an ihrer möglichen Vergewaltigung schuld zu sein
Der kanadische Richter beschuldigte das mutmaßliche Opfer indirekt, an ihrer möglichen Vergewaltigung schuld zu sein
© Zerbor/Getty Images
Ein 19-jähriges Mädchen gibt an, auf einer Party vergewaltigt worden zu sein. Der Beschuldigte streitet ab - und der zuständige Richter hat ein ganz eigenes Verständnis davon, wo einvernehmlicher Sex endet und wo Vergewaltigung beginnt.

Einem kanadischen Richter droht wegen abschätziger Äußerungen gegenüber einem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer die Absetzung. Der Richter, mittlerweile am kanadischen Bundesgerichtshof tätig, hatte 2014 in einem Vergewaltigungsprozess zu dem damals 19-jährigen mutmaßlichen Opfer gesagt: "Warum haben Sie denn nicht einfach die Beine zusammengehalten?", wie in den Vorwürfen der Untersuchungskommission zu lesen ist. Die junge Frau hatte angegeben, auf einer Hausparty in einem Badezimmer vergewaltigt worden zu sein. Der Beschuldigte hatte dies bestritten und beteuert, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Bis Anfang nächster Woche tagt ein Ausschuss, der über die Absetzung des Richters entscheiden soll, wie mehrere kanadische und US-amerikanische Medien berichten, darunter "CNN" und "The Globe and Mail".

Der Richter, damals noch an einem regionalen Gericht tätig, fragte die junge Frau auch, warum sie denn nicht "ihr Becken weggedreht" und "sich in das Waschbecken gedrückt" hätte, um "die Penetration zu vermeiden". Generell sei es so, dass "junge Frauen gerne Sex haben, besonders, wenn sie betrunken sind". Manchmal gehe "Schmerz und Sex auch Hand in Hand", das sei "nicht unbedingt eine schlechte Sache". 

Richter an Angeklagten: "Schützen Sie sich"

Für den Angeklagten, den er freisprach, weil Aussage gegen Aussage stand und er dessen Version für glaubhafter hielt, hatte er auch noch einen Ratschlag parat: "Ich möchte, dass Sie Ihren Freunden, ihren männlichen Freunden, erzählen, dass sie viel behutsamer mit Frauen umgehen müssen. Sie müssen viel geduldiger sein. Und sie müssen viel vorsichtiger sein. Um sich selbst zu schützen, müssen sie sehr vorsichtig sein."

Nachdem der Fall 2015 bekannt geworden war, kündigten die Behörden an, ein Verfahren zur Amtsenthebung zu prüfen, das nun läuft. Das Urteil in dem Vergewaltigungsprozess wurde im Berufungsprozess kassiert. Im November wird sich der Mann erneut wegen Vergewaltigung vor Gericht verantworten müssen. (Eine detaillierte Zusammenfassung des Prozesses von 2014 mit den Aussagen des Beschuldigten und der Klägerin, sowie von Zeugen, finden Sie hier).

Die 19-jährige behauptete, mehrfach "Nein" gesagt zu haben, als der Angeklagte sich ihr auf der Toilette näherte. Sie habe sich gegen den über 50 Kilogramm schwereren Mann jedoch nicht wehren können und hätte außerdem unter Einfluss von Alkohol und illegalen Drogen gestanden. Der Beschuldigte hingegen beharrt darauf, es habe sich um einvernehmlichen Sex gehandelt. Die junge Frau habe sich weder gewehrt, noch auf andere Weise ihren Unwillen zum Ausdruck gebracht. Unter anderem der Augenkontakt während des von ihm an ihr vollführten Oral-Verkehrs habe ihn bestärkt, dass auch sie das wolle. Beide geben an, abhängig von Crystal Meth zu sein. Das mutmaßliche Opfer war zum Tatzeitpunkt obdachlos.

Vergewaltigungsprozess startet im November neu

Nun muss das Verfahren im November neu aufgerollt werden. Die Untersuchungskommission wirft dem in der Zwischenzeit zum Bundesrichter beförderten Beamten vor, sich von "stereotypischen Vorurteilen" leiten gelassen zu haben und die Klägerin "für den sexuellen Angriff verantwortlich zu machen". Außerdem offenbarten seine Aussagen eine "Antipathie gegenüber gängiger Rechtsprechung, die die Integrität von verletzbaren Zeugen schützen soll". Seine Ansichten basierten auf "fehlerhaften Vermutungen".

Der Richter hat seit Bekanntwerden der Vorwürfe keine Prozesse zu Sexualdelikten mehr übernommen, sich mehrfach öffentlich entschuldigt und an Fortbildungen zum Thema Feinfühligkeit teilgenommen. Während der Anhörung rechtfertigte er sich laut "CNN" damit, dass er "nicht für Fälle mit Sexualdelikten ausgebildet" sei. Seine Expertise läge eher im Bereich Vertragsrecht und Insolvenzen. Außerdem müsse man bedenken, dass der gebürtige Südafrikaner "während der 1960er, 1970er und 1980er nicht in diesem Land gelebt habe". Seine Kommentare gegenüber der jungen Frau nannte der seit Ende der 1990er in Kanada aktive Richter "unhöflich und verletzend".

fin

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker