Gerichtsurteil Lebenslange Haft für Marc Dutroux


Der Mädchenmörder Marc Dutroux muss bis zu seinem Tod im Gefängnis bleiben. Geschworene und Richter folgten damit dem Antrag der Anklage. Dutroux nahm das Urteil ohne Reaktion zur Kenntnis.

Seine Hände zittern. Marc Dutroux ordnet seine Zettel, hebt an zu seinen aller-allerletzten Worten. Aber die Ruhe seiner monotonen Stimme täuscht. Die Fingerspitzen verraten ihn. Die lebenslange Haft vor Augen, bäumt Dutroux sich noch einmal auf. Das Schwurgericht von Arlon hat den 47-Jährigen als dreifachen Mörder verurteilt. Er will das nicht akzeptieren. "Mein Kampf ist nicht beendet", verkündet der Täter, bevor Richter und Geschworene ihn nach mehrstündiger Beratung zu lebenslanger Haft verurteilen.

Fast auf den Tag genau neun Jahre ist es am Dienstag her, dass die beiden Achtjährigen Julie Lejeune und Mélissa Russo bei Lüttich unter nie völlig geklärten Umständen entführt werden. Ihre ausgemergelten Leichen werden später auf einem Dutroux-Grundstück ausgegraben. Wie die Überreste von An Marchal und Eefje Lambrecks. Den Körper des Komplizen Bernard Weinstein, bei lebendigem Leibe begraben, finden die Fahnder neben Julie und Mélissa - von Dutroux zum Tatort geführt.

"Nicht mehr Verantwortung als 'bei einem Verkehrsunfall'"

Doch mit den Toten will Dutroux nichts zu tun haben: "Für die Morde an An, an Eefje, an Bernard Weinstein, für die Vergewaltigung und die Entführung von Julie und Mélissa werde ich meine Unschuld bis zu meinem Tode hinausschreien", näselt Dutroux im Gerichtssaal. Artig bedankt er sich bei den Anwälten, die seine Verteidigung akzeptiert hätten. Die machen große Augen, als ihr Mandant einen weiteren Satz sagt: Für keinen Todesfall trage er mehr Verantwortung als man "bei einem Verkehrsunfall" auf sich lade.

Die Eltern, die Angehörigen, die beiden überlebenden Opfer Laetitia Delhez und Sabine Dardenne sitzen im Saal und hören diese Worte. Viel haben sie ertragen müssen während der dreieinhalb Monate, die der Dutroux-Prozess dauerte. Grausame Einzelheiten der Taten wurden geschildert. Der Ortstermin im Kinderkerker des Dutroux-Hauses von Charleroi ließ den Schrecken der Opfer wieder aufleben, machte das Grauen für die zwölf Geschworenen fassbar. Und immer wieder meldete sich Marc Dutroux ausführlich zu Wort.

Dutroux versteht es nicht

Doch am Dienstag, als nur noch über das Strafmaß zu beraten ist, wird es dem Vorsitzenden Richter Stéphane Goux zu viel. Mehrfach schneidet Goux dem bereits schuldig gesprochenen Dutroux das Wort ab. Es gehe nicht darum, alle möglichen Details zu wiederholen: "Sie sollen sagen, was sie zu ihrer Verteidigung vorzubringen haben." Dutroux versteht es nicht. Erst in einer Sitzungspause machen seine Verteidiger ihm klar, dass die Beweisaufnahme nun vorüber ist.

Das Urteil zum Strafmaß nimmt Dutroux später äußerlich unbewegt auf. Auch die drei anderen Verurteilten zeigen keine Gemütsregung. 30 Jahre Haft bekommt Dutrouxs Ex-Frau Michelle Martin, 25 Jahre sein Komplize Michel Lelièvre. Der Vierte im Bunde, Michel Nihoul, soll wegen Drogen- und Menschenhandels fünf Jahre abbüßen. An den Entführungen war Nihoul, der lange als Dutrouxs Verbindungsmann zu Kinderschänder-Ringen galt, laut Schuldspruch nicht beteiligt. "Alle wenden sich gegen mich und decken Nihoul", hat Dutroux gejammert.

Kein Wort zu den vermuteten Netzwerken

Doch wer erwartet hatte, der Dreifachmörder werde die letzte Gelegenheit ergreifen und in der Öffentlichkeit des Gerichtssaals zu den Hintergründen seiner Taten auspacken, wurde enttäuscht. Zwar hatte Dutrouxs Anwalt Ronny Baudewyn seinen Mandanten nochmals aufgefordert, endlich zu den vielfach vermuteten Netzwerken und Hintermännern zu sprechen. Doch auch davon wollte Dutroux nichts hören: "Wer mir die Schlüssel für eine undurchsichtige Affäre zuschreibt, billigt mir mehr Wissen zu, als ich in Wirklichkeit habe."

Roland Siegloff/DPA DPA

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