VG-Wort Pixel

Gerichtsverhandlung in Kambodscha Staatsanwältin benennt Horrordetails über Rote Khmer


Ein Massenlager für Sklaven, Massenmord, Folter und Demütigung - die Staatsanwältin beschreibt die Brutalität des Rote-Khmer-Regimes vor dem Völkermord-Tribunal in Kambodscha bei ihrem Eröffnungsplädoyer.

Mit erschreckenden Details aus der Zeit der Schreckensherrschaft der Roten Khmer hat die Staatsanwaltschaft beim Völkermordtribunal im Kambodscha am Montag die Hauptphase des Verfahrens eröffnet. Staatsanwältin Chea Leang zeichnete ein schreckliches Bild ihres Heimatlandes in den Jahren von 1975 bis 1979. "Kambodscha war ein einziges riesiges Gefängnis, ein Massenlager für Sklaven, in dem die Gefangenen permanent überwacht wurden", sagte sie.

Die Angeklagten, im Alter zwischen 80 und 86 Jahren, hörten ihre Ausführungen ohne größere Regung an. Sie sind unter anderem wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Sie weisen jede Schuld von sich. Auf der Anklagebank sitzen der ehemalige Stellvertreter von Regime-Chef Pol Pot, Nuon Chea, der ehemalige Staatschef Khieu Samphan und der ehemalige Außenminister Ieng Sary. Dessen Frau, die frühere Sozialministerin Ieng Thirith, 79, war auch angeklagt, wurde jedoch vom Gericht wegen Demenz entlassen. Die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt. Sie ist weiter in Haft.

Die Roten Khmer, die eine maoistische Bauerngesellschaft ohne Geld und Bildung aufbauen wollten, hätten den Opfern jegliche Würde abgesprochen, sagte Chea. Ein Khmer-Angehöriger habe eine Schwangere im Fundament einer Brücke vergraben, "weil er meinte, das mache die Brücke besonders stark", sagte sie. Buddhistische Mönche seien als "blutsaugende parasitische Würmer beschimpft worden. Die muslimische Minderheit der Cham bezeichneten die Roten Khmer als "größten Feind, der spätestens bis 1980 völlig vernichtet sein muss". So hätten Schergen des Regimes in einem Fall 30 Mädchen erst vergewaltigt und dann gezwungen, sich mit dem Kopf über einer Grube auf Planken zu legen, ehe ihnen die Kehlen durchgeschnitten wurden.

Mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausgelöscht

Staatsaanwalt Andrew Cayley will beweisen, dass die Angeklagten mit "zwanghafter Kontrolle" alle Aspekte des Lebens im Land überwachten. "Die Beweise werden zeigen, dass sie über die Verbrechen Bescheid wussten, die in ihrem Namen begangen wurden." Chea listete zudem zahlreiche Massenmorde auf, die Vernichtung von nahezu einer halben Million ethnischer Vietnamesen, die Verfolgung der Mönche, die Vertreibung von Millionen Menschen, Zwangsehen zur Produktion von Kader-Kindern und Mord und Folter in den Gefängnissen.

Unter den Roten Khmer kamen nach Schätzungen bis zu 2,2 der acht Millionen Einwohner ums Leben - durch Folter, Mord, Hungersnöte und Krankheiten. Prozesse gegen die Drahtzieher wurden Jahrzehnte lang verhindert: Durch Machtinteressen der Weltmächte im Kalten Krieg, die vietnamesische Besatzung Kambodschas, einen Bürgerkrieg und schließlich die Regierung von Ministerpräsident Hun Sen, der selbst ein Roter Khmer war, ehe er sich nach Vietnam absetzte. Bislang hat das Tribunal nur den Chef des berüchtigtsten Foltergefängnisses Toul Sleng, Kaing Guek Eav alias Kamerad Duch, verurteilt. Er bekam 35 Jahre, wegen prozeduraler Justizfehler reduziert auf 19 Jahre. Er hat dagegen Berufung eingelegt.

Die Regierung in Phnom Penh versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass das von den Vereinten Nationen mitgetragene Tribunal Ermittlungen gegen weitere ranghohe Vertreter des damaligen Regimes aufnimmt. Das hat zu erheblichen Verstimmungen geführt. Ein deutscher Untersuchungsrichter legte sein Amt nieder. Nach den Eröffnungsplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung beginnt am 5. Dezember die Beweisaufnahme.

DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker