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Brief an Flugkonzern: Hinterbliebene der Germanwings-Opfer erheben schwere Vorwürfe - Lufthansa schweigt

Sie sprechen von "Erpressung" und fordern weitere Unterstützung: Die Hinterbliebenen der Germanwings-Opfer haben Lufthansa-Boss Carsten Spohr einen vorwurfsvollen Brief geschrieben. Die Lufthansa nimmt es zur Kenntnis, will sich aber nicht öffentlich äußern.

Die Hinterbliebenen der Opfer des Germanwings Fluges haben Lufthansa-Boss Carsten Spohr einen mahnenden Brief geschrieben.

"Mit Ihrer Strategie des Mürbemachens und der Drohungen haben Sie viele Hinterbliebene dazu gebracht aufzugeben", schreiben Hinterbliebene der Germanwings-Opfer an Lufthansa-Boss Carsten Spohr.

Fast drei Jahre nachdem Co-Pilot Andreas Lubitz den Germanwings-Flug 4U9525 abstürzen ließ und sich und 149 weitere Insassen tötete, haben die Hinterbliebenen der Opfer schwere Vorwürfe gegen die Lufthansa erhoben. In einem Brief, der dem stern vorliegt, richten sie Worte direkt an Lufthansa-Boss Carsten Spohr.

Die Zeilen sind eine Abrechnung mit dem Unternehmen, der Vorwurf: Die Lufthansa sei einer "angemessenen Reaktion auf diese historische Katastrophe" bisher nicht nachgekommen. Anlass des Briefes ist der bevorstehende Jahrestag des Unglücks am 24. März. Der Text, drei DIN-A4-Seiten lang, wurde von den deutschen und niederländischen Hinterbliebenen verfasst und am 29. Januar an die Lufthansa AG geschickt. 

"Wir verlangen Aufklärung"

Man wolle an die Verantwortung und Versprechen der Lufthansa erinnern, schreiben die Hinterbliebenen. "Wir unternehmen alles in unserer Macht Stehende, um (...) Ihnen die Unterstützung zukommen zu lassen, die Ihnen eine Hilfe ist. (...) Dabei wollen wir unbürokratisch und schnell sein", habe das Unternehmen den Hinterbliebenen "unmittelbar nach der Katastrophe versprochen". In dem Schreiben stellen die Betroffenen fest, das dies nicht der Fall sei. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen den Konzern.

"Wir verlangen Aufklärung darüber, wie es dazu kommen konnte, dass Ihr Unternehmen einem eindeutig psychisch Kranken Verantwortung für Hunderte von Menschenleben übertragen hat. Wir wollen wissen, warum einer solchen Person seine psychische Stabilität durch das medizinische Überwachungssystem Ihres Unternehmens einmal jährlich auch noch bestätigt werden konnte. Das lässt auf schwerste organisatorische Versäumnisse schließen, für die Sie verantwortlich sind und die der Aufklärung bedürfen – und zwar nicht nur im Interesse der hiervon unmittelbar Betroffenen."

In einer Pressekonferenz zum zweiten Jahrestag des Unglücks hatte Lubitz' Vater seinen Sohn verteidigt. Er stellte ihn als versierten Piloten dar, der zwar eine depressive Episode in seiner Ausbildung gehabt habe, diese aber überwunden und "zu alter Lebenskraft" zurückgefunden habe. Die Depression sei nicht zurückgekehrt. Wie nach dem Unglück bekannt wurde, hatte der Co-Pilot allerdings psychische Probleme und war 2008, bevor er als Pilot angestellt war, wegen einer Depression monatelang krankgeschrieben. Im Jahr 2009 erhielt er eine Sondergenehmigung der Lufthansa, die den damals 21-Jährigen für tauglich befand.

"Alle wussten, dass er depressiv war. Alle wussten, dass er Pilot war. Niemand hat versucht, ihn davon abzuhalten, ein Flugzeug zu steuern", sagte Klaus Radner, Vater eines Opfers, im Interview mit dem stern. "Aber die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat alle Verfahren eingestellt. (...) Die Frage, warum dieser Psychopath im Cockpit saß, ist für mich bis heute unbeantwortet." Man habe 14 Beweisanträge an die Staatsanwaltschaft gestellt, "die lapidar abgebügelt worden sind mit der Formulierung: Es gibt zu weiteren Maßnahmen keinen Anlass." 

Umgang nach Germanwings-Absturz sei "Erpressung"

Die Hinterbliebenen empfinden den Umgang der Lufthansa AG als "Erpressung". Und vermuten Kalkül: "Geht es hier darum, eine gerichtliche Aufklärung zu verhindern?" 

"Als entlarvend müssen wir deshalb das Angebot Ihres Unternehmens empfinden, den Hinterbliebenen für einen geringen Geldbetrag sogenannte Verzichtserklärungen – Verzicht auf Klagen und weitere Ansprüche gegen die Lufthansa und andere Unternehmen des Lufthansa-Konzerns – abzukaufen. Mit Verbitterung müssen wir zudem zur Kenntnis nehmen, dass Ihr Unternehmen neuerdings sogar psychotherapeutische Hilfe an die Unterschrift unter eine solche Verzichtserklärung knüpft, obwohl nach wie vor ein Rechtsanspruch darauf besteht."

Der Anwalt der Hinterbliebenen, Elmar Giemulla, bestätigt dem stern die Verzichtserklärungen sowie die daran geknüpfte psychotherapeutische Hilfe. Er vertritt im Wesentlichen die Familien von 40 Toten des Germanwings-Unglücks.

"Zu unserem Bedauern wurden ebendiese freiwilligen Leistungen von einigen Anwälten genutzt, um juristisch gegen Unternehmen der Lufthansa-Gruppe vorzugehen. Aus diesem Grund können wir dieses freiwillige Angebot nur dann aufrechterhalten, wenn ausgeschlossen ist, dass ebendiese Leistungen nicht gegen uns verwendet werden", erklärte die Lufthansa in einer Stellungnahme im vergangenen Dezember.

Finanzielle Entschädigung sei zu gering

Unzufrieden zeigen sich die Hinterbliebenen auch mit der Entschädigung des Konzerns.  

"Dass wir infolge Ihrer Verweigerungshaltung auf Ansprüche nach dem Opferentschädigungsgesetz verwiesen sind, macht die Sache noch schlimmer. Sie wissen, dass dieses Gesetz eigentlich für Fälle gemacht worden ist, in denen der Täter unbekannt oder zahlungsunfähig ist und deshalb der Staat zugunsten des Opfers einspringt. Dass Ihr Unternehmen eine faire Entschädigung und sogar die Übernahme von Therapiekosten verweigert, belegt eine erschreckende Einstellung zu der Verpflichtung, eine effektive medizinische Überwachung der für Sie tätigen Piloten sicherzustellen: Es ist Ihr Unternehmen und nicht der Steuerzahler, der die Verantwortung hierfür trägt und in der Wahrnehmung dieser Verantwortung versagt hat."

Für Todesopfer hatte die Lufthansa jeweils 25.000 Euro bezahlt, nahe Angehörige sollten jeweils 10.000 Euro für erlittene Schmerzen bekommen. 

"Allein die Grabpflege während unserer restlichen mutmaßlichen Lebenszeit übersteigt den Betrag, den Sie als Entschädigung für unser Leid anbieten, um ein Mehrfaches. Wir empfinden Ihre kompromisslose und starre Haltung als demütigend."

Radner, der Vater eines Opfers, berichtete im stern-Interview von verweigerten Zahlungen. "Meine Tochter, die ja Opernsängerin war, war bei einer Agentur unter Vertrag, die ihr noch Auftritte für Gagen von rund 170.000 Euro vermittelt hatte. Doch dann starb Maria bei dem Absturz. Trotzdem bestand die Agentur auf die Provision von 17.000 Euro, die wir dann auch bezahlen mussten, weil die Lufthansa sich weigerte", so Radner. Darüber hinaus habe man das Haus seiner Tochter verkaufen müssen. "Meine Tochter und ihr Lebensgefährte hatten für den Hauskauf einen Kredit aufgenommen. Da das Darlehen nach ihrem Tod nicht mehr bedient, sondern durch den Hausverkauf abgelöst wurde, verlangte die Bank Vorfälligkeitszinsen von 15.000 Euro. Auch die mussten wir selbst bezahlen, weil die Lufthansa darin keinen direkten Schaden des Absturzes sah."

Angehörige, die nicht unmittelbar mit den Opfern verwandt sind, müssen laut Hinterbliebenen-Anwalt Giemulla ein ärztliches Attest vorlegen, um ihre psychische Belastung durch den Verlust nachzuweisen. Darüber hinaus seien für diese Gruppe, etwa die Großeltern, Belege nötig, die einen regelmäßigen Kontakt zu dem Opfer beweisen. so der Anwalt zum stern. Im Brief schreiben die Hinterbliebenen:

"Mit Ihrer Strategie des Mürbemachens und der Drohungen haben Sie viele Hinterbliebene dazu gebracht aufzugeben. Viele haben unterschrieben, um neben der schweren Trauerarbeit nicht länger Kraft in solche zusätzlich traumatisierenden Auseinandersetzungen stecken zu müssen – und nicht etwa deshalb, weil sie Ihren Umgang mit der Katastrophe als angemessen empfinden. Was Sie für sich als Erfolg verbuchen können, empfinden die Betroffenen als rücksichtslose und kalte Strategie."

Die Lufthansa schweigt zu den Vorwürfen

Die Hinterbliebenen appellieren nun an die moralische Verantwortung der Lufthansa AG.

"Sehr geehrter Herr Spohr, im ersten Jahr nach der Katastrophe waren wir betäubt vom Schmerz. Seit dem zweiten Jahr suchen wir einen Weg, mit diesem unermesslichen Verlust irgendwie zu leben. Wir fordern Sie auf, uns dabei zu helfen! Unsere Katastrophe sollte gleichermaßen auch Ihre Katastrophe sein! Stimmen Sie unseren berechtigten Wünschen nach Anerkennung der moralischen Schuld, das Ihr Unternehmen auf sich geladen hat, zu! Orientieren Sie die Entschädigungsleistungen zumindest an dem neuen Hinterbliebenengeldgesetz! Sichern Sie uns Ihre Hilfe auch weiterhin zu. Der dritte Jahrestag gibt dazu eine geeignete Gelegenheit."

Das neue Hinterbliebenengesetz könnte den Betroffenen eine Entschädigung von 30.000 bis 60.000 Euro bringen, erläutert Giemulla dem stern. Könnte: Eine Summe sei in dem Gesetz nicht festgeschrieben, im Gesetzgebungsverfahren wurden diese Summen aber genannt. Sie könnten daher als Richtwert für den zuständigen Richter fungieren, dem das Urteil letztlich überlassen wäre.

"Allerdings mussten wir mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass eine ausdrückliche Regelung in das Gesetz aufgenommen wurde, durch die dessen Anwendbarkeit auf die Germanwings-Katastrophe ausgeschlossen wird."

Derzeit bemühe man sich, so Giemulla, dass die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf die eingestellten Ermittlungen wieder aufnimmt. Dafür erwäge man einen Klageerzwingungsantrag, so der Hinterbliebenen-Anwalt zum stern. Derweil habe man beim Landgericht Essen gegen die Flugschule des Piloten geklagt. Eine Erwiderung, also eine Erklärung der Gegenseite, wird in den nächsten Tagen erwartet.

Auf Nachfrage des stern bestätigt die Lufthansa AG lediglich, dass der Brief den Verantwortlichen bekannt sei. "Darüber hinaus werden wir uns nicht öffentlich dazu äußern", sagte ein Sprecher von Europas größtem Luftfahrtkonzern. Nach Angaben des Hinterbliebenen-Anwalts Elmar Giemulla habe es bisher weder eine offizielle noch eine inoffizielle Antwort von Carsten Spohr gegeben.

Animation des Germanwings-Absturzes

 Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.