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Germanwings-Absturz: Schwester erfunden - Trittbrettfahrerin bekommt Bewährungsstrafe

Lauthals beweinte Sandra C. nach dem Germanwings-Absturz ihre Zwillingsschwester und flog mehrmals zum Unglücksort - auf Kosten der Lufthansa. Nur dass es gar keine Zwillingsschwester gab. Ein Gericht verurteilte die Trittbrettfahrerin nun zu einer Bewährungsstrafe. 

Von Nina Poelchau

Angehörige der Opfer trauern in der Nähe des Absturzortes der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen

Angehörige der Opfer trauern in der Nähe des Absturzortes der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im März 2015 mischte sich unter die verzweifelten Angehörigen auch eine Katastrophen-Trittbrettfahrerin. Sandra C. aus Höxter gab sich als Verwandte einer der Toten aus und erschlich sich Flüge, Nächte im Hotel und eine Menge Mitleid. 

Das Kölner wollte wegen Betruges gegen Sandra C. verhandeln – die 35-Jährige erschien aber nicht, sondern schickte kurzfristig aus einem Krankenhaus ein ärztliches Attest. Daraufhin entschloss sich das Gericht zum Strafbefehl ohne weitere Verhandlung: ein Jahr Haft, ausgesetzt zur Bewährung.

150 Menschen waren beim Absturz der Germanwings-Maschine tödlich verunglückt, Pilot Andreas Lubitz hatte das Flugzeug absichtlich in die Felsen gesteuert. Die wollte sich damals so unbürokratisch wie möglich verhalten. Die Airline verzichtete auf Nachprüfungen – und ermöglichte denen, die sagten, sie seien Angehörige, ohne viel Papierkram Flüge zum Unglücksort, sie bezahlte alle Übernachtungskosten und sorgte für psychologische Unterstützung. Sandra C. war mit niemandem verwandt, aber trotzdem mit dabei.

Die erfundene Zwillingsschwester

Die damals 34-Jährige hatte sich nach dem Absturz der Maschine in einem Internetforum zu Wort gemeldet, in dem sich Menschen aus Haltern am See zutiefst betroffen austauschten. Aus der Stadt stammten 16 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und zwei Lehrerinnen, die mit der Unglücksmaschine geflogen waren. Die Frau aus schrieb dort, ihre Zwillingschwester sei unter den Opfern. Sie wurde mit Anteilnahme überschüttet. Ein junger Mann bot sogar an, sie zum Unglücksort zu begleiten.

Zweimal flog sie nach Le Vernet in . Einmal alleine. Dann zusammen mit dem 22 Jahre alten Bekannten aus dem Forum. Ihre damals zehn und zwölf Jahre alten Töchter flogen ebenfalls mit. Die Frau hatte sich nach der ersten Reise ein großes Tattoo in den Nacken stechen lassen. Zu sehen sind der Name "Anke" (unter den Verunglückten hatte es keine Anke gegeben), eine Trauerschleife, die Flugnummer und die exakte Uhrzeit der Katastrophe: "10:53".

In Le Vernet sank sie auf die Knie und weinte, sprach mit Psychologen, erzählte den einen Opfer-Angehörigen, ihre eineiige Zwillingsschwester sei tot, anderen, es handele sich bei ihrer Verwandten um ihre Cousine, einer Lehrerin aus Haltern am See. Sie schmückte ihre Geschichte mit vielen Details aus. Ihre Zwillingsschwester sei sonst immer unpünktlich gewesen, erzählte sie zum Beispiel. Die Anke habe öfter mal eine Bahn oder ein Flugzeug verpasst. Genau diesmal nicht. Wie tragisch das doch sei. Auch am Unglücksort wurde sie mit Beileid überschüttet.

Kosten in Höhe von 16.000 Euro

Ihr Begleiter erzählt, dass er sich mit der Frau in Le Vernet ein Doppelzimmer teilen musste und dass er sie ziemlich merkwürdig fand. Sie sei meistens sehr barsch zu ihm gewesen. Sie habe, erinnert er sich, von ihm gefordert, dass er ihre Hand hielt, bis sie einschlief. Den Rest der Nacht habe er in einem Sessel verbringen müssen. Dem Mann kam auch dies wunderlich vor: Sandra C. habe kein Foto von ihrer Schwester dabei gehabt. Und ihre beiden Kinder wussten rein gar nichts von ihrer Tante. Er schob das auf die extremen Umstände dieser Situation.

Völlig abstrus kam Sandra C. dem Vater einer der beiden verunglückten Lehrerinnen vor. Eine Cousine namens Sandra aus Höxter gab es nicht in seiner Familie. Und keine der Lehrerinnen hieß Anke. Der Mann erzählte einem der psychologischen Betreuer von seinen Beobachtungen. Ein Mitarbeiter der Lufthansa forschte schließlich nach. Es stellte sich heraus: Sandra C. hatte mit dem Unglück keinerlei persönliche Verbindung.

Der Lufthansa sind durch die Reisen der Frau und ihrer Begleiter nach eigenen Angaben Kosten in Höhe von 16.000 Euro entstanden. Die Fluggesellschaft hat nun die Möglichkeit, zivilrechtlich gegen sie vorzugehen, um das Geld zurückzuholen. Ob sie das tut, ist noch offen, die Fluggesellschaft hat sich dazu nicht geäußert. Nils Schawaller, der Anwalt von Sandra C., hält es für unwahrscheinlich, dass es dazu noch kommen wird. "Die wollen vermutlich nicht nochmal Staub aufwirbeln. Dann würde in diesem Zusammenhang ja wieder ausführlich über das Unglück berichtet", sagt er.

Keine Aufmerksamkeit als Betrügerin, bitte!

Noch ist die Trittbrettfahrerin von Le Vernet im Krankenhaus, warum weiß auch ihr Anwalt nicht. Schawaller sagt, seine Mandantin habe per E-Mail mit "Ich bin froh, dass es vorbei ist" auf die Frage geantwortet, ob sie bereit sei, die Strafe zu akzeptieren. Zwei Wochen hat Sandra C. seit Dienstag Zeit, sich das zu überlegen. Wenn sie den Strafbefehl ablehnt, kommt es zu einem nächsten Verhandlungstermin.

Nils Schawaller, der Anwalt von Sandra C.

Nils Schawaller, der Anwalt von Sandra C.

Schawaller geht davon aus, dass seine Mandantin die Strafe offiziell akzeptieren wird. Schließlich sei sie verhältnismäßig niedrig ausgefallen, da das Gericht bei der Bemessung ein "fiktives Geständnis" einkalkuliert habe. Selbst wenn die Frau in einer Verhandlung versuchen würde, psychische Probleme geltend zu machen oder Unzurechnungsfähigkeit damals, im Frühjahr 2015, würde das für sie keineswegs sicher eine geringere Strafe bedeuten, sagt Schawaller. Dann müssten erst mal psychologische Gutachten erstellt werden. "Im besten Fall bekommt sie dann ein, zwei Monate weniger", sagt Schawaller. Er hat seiner Mandantin deshalb klar empfohlen, den Strafbefehl zu akzeptieren.

So sehr sie die Aufmerksamkeit als angebliches Opfer gemocht hat, auf die Aufmerksamkeit als Betrügerin legt Sandra C. offenbar keinen Wert. Sie sei froh, sagt ihr Anwalt, dass sie den Medien entkommen ist.