Germany's Most Wanted Das Blutbad des Pizzabäckers


Organisierte Kriminalität ist auch ein deutsches Problem - das bewies spätestens Giovanni Strangio mit dem Blutbad in Duisburg. In der vierten Folge der Serie "Germany's most wanted" porträtiert stern.de einen Pizzabäcker, der die Angst vor der Mafia nach Deutschland brachte.
Von Christian Parth

Im Internet sieht alles noch so aus, wie es war. Umarmt von zwei Kellnern grinst Giovanni Strangio auf einem Foto freundlich in die Kamera. Pasta und Pizza aus dem Holzofen ließ der Kalabrese aus Siderno bis zum 14. August 2007 in Kaarst bei Düsseldorf in "gemütlichem Ambiente" servieren, in "Toni´s Pizza", "klein aber fein". Zwei Tage darauf war Giovanni nicht mehr da. Einen geschriebenen Zettel hängte er an den Eingang: "Wir haben vom 16. bis 30. August Urlaub." Zurückgekehrt ist er nicht mehr. Strangio ist auf der Flucht, weil er in Duisburg gemeinsam mit einem Komplizen sechs Menschen getötet hat. Insgesamt mehr als 70 Projektile feuerten sie aus ihren Berettas durch die Duisburger Nacht. Die Opfer wurden von den Kugeln, Kaliber neun Millimeter, regelrecht durchsiebt.

Das Blutbad in Duisburg vom 15. August 2007 vor der Edel-Pizzeria "Da Bruno" am Hauptbahnhof hatte ganz Deutschland aufgeschreckt. Es herrschte Furcht, dass die italienische Mafia in Person von Giovanni Strangio in dieser Nacht gegen zwei Uhr ein Tabu gebrochen hatte. Und dass sie es in Zukunft immer häufiger tun wird: Jagen und Töten außerhalb der eigenen Region, der eigenen Grenzen, aber so brutal und blutig wie im eigenen Land.

Blutbad war ein Racheakt

Doch bei den Morden von Duisburg geht es nicht allein um die Vormachtstellung innerhalb der 'Ndrangheta, der Mafia Kalabriens, die mit Kokain, Geldwäsche und Prostitution jährlich rund 44 Milliarden Euro umsetzt. Das Blutbad war offenbar ein Racheakt, Resultat einer Familienfehde, die seit Jahren tobt zwischen den Clans Strangio-Nirta und Pelle-Vottari in der Region Kalabrien. Der Legende nach hatte alles ganz harmlos begonnen, am 11. Februar 1991, mit einem Karnevalsscherz.

Jugendliche beider Familien warfen Eier aufeinander, es kam zu Handgreiflichkeiten, und wenige Tage später lagen zwei Männer tot auf der Straße. Danach kehrte ein wenig Ruhe ein - bis zum Weihnachtsfest 2006. Damals wurde Maria Strangio im Beisein ihres kleinen Sohnes auf offener Straße erschossen. Maria war die Frau des kalabrischen Mafiabosses Giovanni Nirta. Der mutmaßliche Schütze war Marco Marmo, einer der sechs Toten von Duisburg und Angehöriger des Clans Pelle-Vottari.

Giuseppe Nirta bestellt "zwei Stille"

Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass der Clan Strangio-Nirta schon kurz darauf mit den Planungen für eine Vergeltungsaktion begonnen hat. Bei der Beerdigung von Maria Strangio tauchte auch ihr Verwandter auf, der nun gesuchte Giovanni Strangio. Er trug eine Waffe bei sich, wurde noch vor Ort von der Polizei festgenommen, ins Gefängnis gesteckt und kurz darauf wieder freigelassen. Strangios mutmaßlicher Komplize Giuseppe Nirta kontaktierte unterdessen seinen in Hagen lebenden Bruder und bestellte laut Telefonüberwachung neben Rauschgift auch "zwei Stille", der Code für zwei Pistolen. Auch Nirta war den Behörden längst bekannt. Nach Informationen des "Focus" saß er Ende der 1990er Jahre in Deutschland in U-Haft.

Wie sich jetzt herausstellte, hat Strangio die Tat selbst angekündigt. Einige Wochen vor dem Blutbad von Duisburg saß Strangio in Italien noch hinter Schloss und Riegel. Allerdings hatte er keine Scheu, einen Vertrauten in Kaarst in seine Pläne einzuweihen. "Was meinst Du, arbeiten die Jungs weiter im Tonis, wenn etwas geschieht, oder reisen sie ab?" schrieb Strangio nach Recherchen des "Focus" in einem Brief. "In wenigen Tagen müssen sie mich in den Hausarrest entlassen, ich hoffe, dass sie mich bald hochfahren lassen." Alles läuft nach Plan. Am 8. August trifft Strangio tatsächlich in Deutschland ein.

Blutbad an besonderem Tag

Strangio und Nirta hatten sich für ihren Racheakt einen ganz besonderen Tag ausgesucht. Der 15. August 2007 war Mariä Himmelfahrt, einer der heiligsten Feiertage Italiens. Gemeinsam machten sich in einem angemieteten schwarzen Renault Clio mit Hamburger Kennzeichen auf nach Duisburg. Zu dieser Zeit saßen Marco Marmo und fünf weitere Männer im "Da Bruno" am Duisburger Hauptbahnhof. Sie feierten den 18. Geburtstag von Tommaso-Francesco Venturi. Das Fest könnte allerdings auch eine Art mafiöser Initiationsritus für den jungen Italiener gewesen sein. Er galt als kommender Ehrenmann, bereit, größere Aufgaben zu übernehmen. Gegen zwei Uhr nachts verließen sie das Restaurant. Vermutlich zwangen Strangio und Nirta die sechs Männer, sich auf ihre beiden Wagen aufzuteilen, um sie danach regelrecht hinzurichten.

Der italienische Antimafia-Staatsanwalt Pietro Grasso sagt, dass die Tat selbst für die als skrupellos geltende 'Ndrangheta ungewöhnlich und eine "absolute Neuheit" sei. Ein Blutbad dieser Art habe es im Ausland nie gegeben. Trotzdem sparen die Italiener nicht an Kritik, wenn es um die Wahrnehmung der Mafia durch deutsche Behörden geht. Die römische Anti-Mafia-Behörde etwa hält das deutsche System für verbesserungswürdig, weil Staatsanwälte nicht präventiv und nur in ihrer eigenen Stadt ermitteln könnten. Die mafiöse Durchdringung der Wirtschaft erfordere jedoch mehr Aktivität.

Deutschland gilt als Rückzugsgebiet der 'Ndrangheta

Noch immer ist umstritten, wie aktiv die Mafia in Deutschland wirklich ist. Viele der beiden Clan-Familien haben sich etwa im Ruhrpott und in Thüringen niedergelassen, hauptsächlich aber weil sie wohl auf der Flucht vor der blutigen Fehde waren. Auch gilt Deutschland als Rückzugsgebiet für die 'Ndrangheta. Experten zufolge werden Auftragskiller in Restaurants als Pizzabäcker oder Kellner "zwischengeparkt". Solange hantieren sie mit Thunfisch oder entkorken in weißem Hemd und schwarzer Hose Chianti-Flaschen. Einer soeben erschienenen Studie des römischen Forschungsinstituts Eurispes zufolge hält die 'Ndrangheta inzwischen das europäische Monopol auf Kokain. Der Rest der Einnahmen stammt aus Waffenhandel, Prostitution, Erpressung und Zinswucher.

Nach der Tat von Duisburg gab es zahlreiche Festnahmen. Zuletzt schlug die italienische Polizei Ende Mai zu. In San Luca, am Fuße des Aspromonte, ging ihnen ein dicker Fisch ins Netz: Der 68-jährige Clan-Chef Giuseppe Nirta. Bei seiner Verhaftung leistete er keinen Widerstand, sondern vermittelte vielmehr den Eindruck, als sei eine lustige Schnitzeljagd nun zu Ende. Dem Einsatzleiter sagte er: "Glückwunsch an Sie und Ihre Carabinieri." Die Schlinge zieht sich zu, aber von Giovanni Strangio fehlt jede Spur.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker