Germany's Most Wanted Der Terroranschlag in der Disco


Als im April 1986 eine Bombe in der Berliner Diskothek "La Belle" explodiert, verlieren drei Menschen ihr Leben - unter ihnen zwei US-Soldaten. Die letzte Folge der stern.de-Serie "Germany's most wanted" zeigt, warum man an die mutmaßlichen Täter in Libyen nicht herankommt.
Von Christian Parth

Es ist eine Samstagnacht, der 5. April 1986. Auf der Tanzfläche der Discothek "La Belle" in Berlin-Friedenau tanzen die Partygäste zu Funk-Rhythmen. Um 1:45 Uhr legt der DJ den Song "Will we ever learn" auf. Vier Minuten später gibt es einen berstenden Knall. Der Boden reißt auf, einige Gäste stürzen durch das Loch hinab in den Keller, 30 Menschen werden schwer verletzt, drei kostet der Anschlag das Leben. 250 Trommelfelle reißen. Zwei Tote sind Angehörige der US-Armee. Es war die Lieblingsdisco der in Berlin stationierten US-Soldaten. Nermin Haney, die dritte Tote, ist Verkäuferin in einer Videothek im Wedding. Sie war erst eine Viertelstunde im "La Belle", als die auf der Toilette deponierten 1,7 Kilogramm Sprengstoff zünden.

Der Verantwortliche für den Anschlag war für die US-Regierung schnell ausgemacht: der libysche Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi. Das Verhältnis zwischen den beiden Nationen war schon länger gespannt. Im März 1986 hatten die amerikanischen Streitkräfte angeblich zwei libysche Patrouillenboote im Golf von Sirte vor der libyschen Küste versenkt. Neun Tage nach dem Anschlag auf die Berliner Discothek schickte der damalige US-Präsident Ronald Reagan als Akt der Vergeltung Flieger nach Tripolis und Bengasi. Beim Bombardement der beiden Städte starben 39 Zivilisten, darunter auch eine angebliche Adoptivtochter Gaddafis.

Der Geheimdienst der DDR war im Bilde

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter konnte indes erst nach dem Fall der Berliner Mauer beginnen. Die Öffnung der Stasi-Akten gab Aufschluss über Planung und Ausführung der Tat. Der Geheimdienst der DDR, so sollte sich herausstellen, war voll im Bilde. Aus den Unterlagen ging hervor, dass die libysche Repräsentanz in Ost-Berlin die Schaltzentrale für das Attentat gewesen ist. Dort saß zu jener Zeit unter anderem Ali Ibrahim Keshlaf. Der Geheimdienstmitarbeiter hatte in seiner Amtszeit das "Volksbüro der Sozialistischen Libyschen Arabischen Volksjamahiriya" zu einem regelrechten Terrorzentrum ausgebaut und sich vor Prozessbeginn 1997 rechtzeitig wieder aus dem Staub gemacht. Noch immer gehört er zu den meistgesuchten Personen in Deutschland, wie auf der Fahndungsliste des BKA im Internet zu lesen ist.

Allerdings steht er dort nicht alleine. Neben seinem alten Schwarz-Weiß-Foto finden sich drei weitere Porträts: Mohamed Abdallah Said Rashid, Elamin Abdallah Elamin und Musbah Al Abani. Für Hinweise auf die Ergreifung des Quartettes haben die Behörden eine Belohnung in Höhe von 76.693,78 Euro ausgesetzt, die umgerechnete Summe von ehemals 150.000 Mark. Die vier Gesuchten gelten als die eigentlichen Drahtzieher des Anschlags in West-Berlin.

Den Ermittlungen zufolge sollen Keshlaf und Elamin den Anschlagsort ausgewählt und die ausführenden Täter instruiert haben. Al Abani soll als Botschaftsangehöriger den Sprengstoff im Diplomatengepäck nach Berlin transportiert und Said Rashid indes die Aktion koordiniert haben. Sein Name soll auch unter den Funksprüchen gestanden haben, die zwischen Tripolis und Ost-Berlin gesendet und von der amerikanischen "National Security Agency" (NSA) abgefangen und entschlüsselt wurden. Nach dem Anschlag soll auch die Botschaft "Gute Arbeit" über den Äther gejagt worden sein.

"Alle Aussagen waren perfekt einstudiert"

Allerdings gab es für die deutsche Justiz nie eine wirkliche Möglichkeit, der Terroristen habhaft zu werden. Vier Jahre dauerte der Prozess vor dem Berliner Landgericht. Im Jahre 2001 wurden vier Täter verurteilt. Darunter die Hauptangeklagte Verena Chanaa, die den Sprengstoff in der Disco deponiert hatte. Die deutsche Frau des ebenfalls später verurteilten Ali Chanaa musste wegen dreifachen Mordes für 14 Jahre ins Gefängnis. Ihr Mann kam mit zwölf Jahren davon. Der Bundesgerichthof bestätigte später, "dass nicht die eigentlichen Haupttäter vor Gericht standen".

Dabei war ein deutscher Staatsanwalt ihnen so nah. Denn die lybische Regierung begann, sich während der Verhandlung zumindest vordergründig kooperativ zu zeigen. Im Jahre 2000 durfte der damals leitende Berliner Staatsanwalt Detlev Mehlis nach Tripolis reisen, um die vier noch heute vom BKA gesuchten Täter zu vernehmen. "Alles wurde ganz unauffällig abgewickelt, freundlich aber zurückhaltend", sagte Mehlis stern.de. "Sie waren offenbar alle gut vorbereitet." Mehlis war nicht autorisiert, selbst Fragen zu stellen. Was er wissen wollte, musste er zuvor mit den örtlichen Behörden absprechen. Vier Tage verbrachte er in der libyschen Hauptstadt, ohne nennenswerte Ergebnisse. "Alle Aussagen waren perfekt einstudiert, letztlich wurde alles abgestritten", sagte Mehlis. "Aber mehr habe ich auch nicht erwartet." Er könne sich noch sehr gut an Said Rashid erinnern. "Er hatte angeblich von nichts Kenntnis, beschwerte sich aber bitterlich darüber, dass er aufgrund des Haftbefehls Libyen nicht verlassen und auf Reisen gehen könne."

Mehlis glaubt nicht mehr ernsthaft daran, dass die vier gesuchten Verdächtigen jemals gefasst werden. Doch abseits der Fahndung hat der Anschlag auf die Disco erst kürzlich einmal mehr die Schlagzeilen beherrscht. Um die festgefahrenen Verhandlungen über die Entschädigungsleistungen Libyens an die Opfer des Attentats wieder in Gang zu bringen, soll die Bundesregierung bei der Ausbildung libyscher Sicherheitskräfte geholfen haben, wurde berichtet. Der ehemalige BND-Chef und jetzige Staatssekretär im Bundesinnenministerium August Hannig sagte dazu: "Bei so vielen deutschen Wüstentouristen brauchen wir eine ordentlich ausgebildete Polizei in Libyen." Was Hannig wohl meinte: Das sei günstiger als eine aufwendige Befreiung gekidnappter Touristen.


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