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Geständnis im Doppelmord von Bodenfelde: "Kingjany" wollte mehr als nur quatschen

Jan O. hat gestanden, doch klar ist damit nichts. Ist der Doppelmörder von Bodenfelde, der sich im Netz "Kingjany" nennt, ein eiskalter Killer oder ein Opfer seiner selbst?

Von Manuela Pfohl

Er steht da mit seinem blassen runden Jungsgesicht in einer viel zu großen Lederjacke in irgendeinem Flur. Einen Arm hat er um die Schultern eines Teenagers gelegt, der eher verkrampft ins Nichts lächelt. Jan O. hingegen schaut direkt und fast schon provozierend in die Kamera. Zwei Finger seiner linken Hand zum "Chekker"-Gruß: "Ich bin cool, Mann" oder so. Wann das Foto aufgenommen wurde, ist nicht ersichtlich. Aber es muss Jan O. gefallen haben, denn er hat es auf seine Seite in einem sozialen Netzwerk gestellt, als er sich auf die Suche nach dem Glück machte und glaubte, er könne es finden, wenn er sein Profil vor schwarzem Hintergrund und unter einem Totenkopf präsentiert. Und zwar als "Kingjany, männlich, 25, WELTSTADT USLAR, Deutschland".

Seit Freitag hat sein Profil im ganz realen Leben eine Charakterisierung dazu bekommen: Jan O. ist nun auch ein Doppelmörder. "Er hat gestanden, die 14-jährige Nina und den 13-jährigen Tobias aus Bodenfelde in Niedersachsen ermordet zu haben", heißt es in einer Erklärung der Göttinger Staatsanwaltschaft. Staatsanwalt Hans-Hugo Heimgärtner: "Jan O. hat die 14 Jahre alte Nina aus sexuellen Motiven umgebracht. Der 26-Jährige machte in seinem Geständnis umfassende Angaben zum Motiv für die Tat. Das Mädchen habe seine Annäherungsversuche abgewehrt, habe Jan O. ausgesagt. Er habe das Schreien von Nina verhindern wollen. Tobias habe er dann Tage später ermordet, um die erste Tat zu vertuschen. Der Junge sei in der Nähe des Ortes gewesen, wo Ninas Leiche lag. In dieser Situation habe Jan O. sich entdeckt gefühlt und deswegen Tobias umgebracht."

Keiner interessiert sich für Jan O.

Als die Beamten ihn am Montagabend am Bahnhof in Bodenfelde festnehmen und gefesselt abführen, hat Jan O. eine Jacke über den Kopf gezogen. Als Schutz vor den Kameras der Journalisten und vielleicht auch als Schutz vor den Neugierigen, die sich entsetzt zuraunen: "Ist er das?" Jan O. will nicht gesehen werden. Er hat der Welt nichts zu sagen, er will nur schnell weg.

Möglicherweise, so vermutet ein Psychiater Tage später, sei der 26-Jährige unheilbar psychisch krank. Nur was heißt das? Ist Jan O. ein eiskalter Killer oder ein außer Kontrolle geratenes Opfer seiner eigenen kranken Phantasie?

Wer ist "Kingjany", der "Chekker"? 240 Besucher hat seine Seite seit dem 20. Mai 2009 registriert. Eine magere Ausbeute. Es hat offenbar kaum jemanden interessiert, dass Kingjany "Freundschaft, Beziehung und Partnerschaften" suchte. Dass er sich als Single vorstellte, der auf "weiblich" steht und als Beruf wahlweise "Rentner" oder "stolzer Arbeitslohser" angab, mit den Interessen: "ficken, bumsen, blassen".

Hat keiner ihn ernst genommen von den 20 Freunden, die die Seite aufzählt? Haben sie ihn für einen Spinner gehalten, der nicht mal richtig schreiben kann und dennoch "Business Kontakte" sucht. Haben sie sich nicht über die Minibildchen gewundert, mit denen er seine Seite schmückte. Bildchen von Mädchen am Strand, von Mädchen im Pool und von Mädchen mit kurzen Röckchen, die scheu die Hände im Schoß falten? Hat keiner gemerkt, dass Jan O. eine tickende emotionale Zeitbombe war, die jederzeit explodieren kann?

Der "King" ist nur ein Loser

Die Wohnung, in der Jan O. lebte, liegt in einem schmucklosen, etwas verwohnten Mehrfamilienhaus am Rande von Uslar. Einer der Briefkästen ist tief eingedrückt: "Jan wenn du nicht rauskommst...", ist mit Filzstift daraufgekritzelt. Die Nachbarn kennen den jungen Mann nach eigenen Angaben allenfalls vom Sehen. Ein im Nebenhaus wohnender Arbeiter beschreibt ihn als "einen ruhigen Jungen, bei dem man nie an Gewalttätigkeit gedacht hat". Jan O. sei oft mit schlechten Schuhen und kaputter Jacke herumgelaufen, sagt der Nachbar. Er habe ihm schon Kleidung schenken wollen.

Dass er eine Drogentherapie hinter sich hatte, die im vergangenen Winter endete, habe Jan O. offen erzählt. Die christliche Therapieeinrichtung "Neues Land" im Dorf Amelith, in der Jan O. ein Jahr lang lebte, ist in einer ehemaligen Pension untergebracht. Seit in der Öffentlichkeit bekannt ist, dass Jan O. der Mörder hier zur Therapie war, muss der Leiter der Einrichtung, Eberhard Ruß, ein Interview nach dem anderen geben. Er berichtet: "Jan O. hatte schon den Willen, aus den Drogen auszusteigen." Allerdings sei der junge Mann mit schwieriger Vergangenheit nach Amelith gekommen. Mental sei der damals 24-Jährige noch auf dem Niveau eines Jugendlichen gewesen. Ruß attestiert ihm eine "Reifeverzögerung".

Jan O. ist auf der Suche

Sein Vater winkt ab. Sein Sohn sei "unberechenbar" gewesen, ein "schwieriger Fall", ein "Schulverweigerer". Und Jan O´s Mutter erklärt: "Ich will seine Taten nicht entschuldigen, aber mein Sohn ist auch ein Opfer." In der Ehe sei Gewalt Alltag gewesen, Jan habe häufiger mit ansehen müssen, wie sein Vater die Mutter schlug. Ein verlorener Sohn, der nie einen Beruf lernte, statt dessen aber im Oktober 2007 vom Landgericht Lüneburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft wegen zahlreicher schwerer Diebstähle verurteilt wird.

Ein Loser eben, der nichts kapiert und schon wieder kurz vor einer erneuten Einweisung in eine Entziehungsklinik stand. Denn in den Wochen vor den beiden Morden habe der 26-Jährige wiederholt gegen Bewährungsauflagen verstoßen, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lüneburg. Die Justiz habe deshalb bereits beschlossen, Jan O. wieder in einer Entziehungsklinik unterzubringen.

Machte sich Jan O. deshalb im Netz zum "King"? Suchte er deshalb in allen möglichen sozialen Netzwerken bei vor allem sehr jungen Mädchen emotionale Befriedigung, oder das, was er dafür hielt? Stand er unter Druck, sich selbst endlich beweisen zu müssen, dass er, der Sonderschüler, der Null-Chekker, alles im Griff hat? Oder war er statt dessen schon auf der Suche nach einem Opfer, das er töten kann?

Am 14. Juni 2009 um 18.40 Uhr sitzt Jan O. am Computer. Er schreibt: "Welches Girly will mehr als nur quwatschen?" Zwei Tage später, am Dienstag, den 16. Juni 2009, versucht er es noch einmal. Morgens um 8.12 Uhr gibt er ein: "suche girls zwischen 10 und 14". Dann meldet er sich mehr als ein Jahr lang nicht mehr. Hatte er gefunden, was er suchte? Und womöglich schon einmal gemordet, bevor er Nina und Tobias tötete? "Wir prüfen derzeit, ob es in der Vergangenheit Vermisstenfälle oder andere Straftaten mit einer Verbindung zu ihm gibt", bestätigt ein Polizeisprecher.

Keine Antwort

Am 15. Juli 2010 verzeichnet seine Seite einen letzten Eintrag: "hatt ein girly zwischen 10 und 16 intresse zu chaten und vielleicht mehr bitte melden". Es ist morgens um 5.46 Uhr. Jan O. bekommt keine Antwort.

Lauert er deshalb vier Monate später der 14-jährigen Nina auf? Will er endlich haben, was er nie kriegen konnte? Will er einfach nur sehen, wie es ist, endlich einmal die Macht zu haben, und sei es um den Preis eines Lebens? Hat er das Mädchen deshalb so lange würgen können, bis sie nicht mehr atmete? Hat er deshalb kein Mitgefühl gespürt, als der 13-jährige Tobias unter der Last der brutalen Messerstiche zusammenbrach? Hat er womöglich deshalb statt Empathie nur Mordlust empfunden, wie es die Polizei vermutet? Und - entlastet ihn das?