HOME

Geständnisse der Pokerräuber: Es fehlen 242 000 Euro Beute

Fast so schnell wie der Überfall auf das internationale Pokerturnier am 6. März in Berlin ablief, kamen die Geständnisse der Angeklagten im Berliner Landgericht. Doch entscheidende Frage sind offen: Wo ist die Beute geblieben, wer gab den Auftrag?

Schreiend stürmten die maskierten Männer mit Machete und Schreckschusspistole ins Berliner Luxushotel Grand Hyatt. Doch die erhoffte Millionenbeute holten sie nicht beim spektakulären Überfall auf das internationale Pokerturnier am 6. März. Gleich zum Prozessauftakt legten drei der vier Angeklagten am Montag vor dem Berliner Landgericht Geständnisse ab. Das vierte Geständnis soll am Donnerstag verlesen werden. Die vier Männer türkischer und arabischer Herkunft im Alter von 19 bis 21 Jahren müssen sich wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung vor einer Jugendstrafkammer verantworten. Zwei mutmaßliche Drahtzieher, gegen die bereits Anklage erhoben wurde, bekommen einen extra Prozess.

Offen blieb auch nach den Geständnissen, wo der Großteil des erbeuteten Geldes von knapp 242 000 Euro geblieben ist. Nur 4000 Euro wurden zurückgegeben. Bei dem Turnier am Potsdamer Platz ging es um eine Million Euro, auch Ex-Tennisstar Boris Becker und die Autorin Charlotte Roche spielten mit.

Im Handgemenge mit Wachleuten, die Tritte und Schläge abbekamen, blieb ein Großteil des Geldes zurück. Hektisch stopften es sich die Räuber laut Anklage in Hosentaschen und eine Laptoptasche, bevor sie flüchteten. Ursprünglich soll es einen anderen Plan gegeben haben, wie aus den Erklärungen deutlich wurde. Die Männer wollten sich die Geldtasche mit den Tageseinnahmen schnappen, wenn sie von Sicherheitsleuten in die gegenüberliegende Spielbank gebracht würde.

Doch dann kam es anders. Per Handy soll ein 31-Jähriger das Signal zum Losschlagen gegeben haben. Der Mann, der als sechster Verdächtiger Ende Mai gefasst wurde, soll selbst an einem der Pokertische gesessen haben. Er habe ausgekundschaftet, dass die Startgelder offen gezählt wurden und die Wachleute unbewaffnet waren. Er soll einen 29-jährigen Libanese beauftragt haben, die Sache zu organisieren. Dieser soll auch das Fluchtauto gefahren und das Quartett zuvor in einem Schnellimbiss-Restaurant eingewiesen haben.

Der schmächtige Kronzeuge, der sich eine Woche nach dem Überfall gestellt und seine Komplizen verraten hatte, erschien am Montag in kurzen Hosen. Über seinen Anwalt erklärte der 21-Jährige, die Anklage sei zutreffend. Er habe, bewaffnet mit der Schreckschusspistole, das Bargeld aus dem gerade geöffneten Tresor in einem Vorraum genommen und sei dann von einem Wachmann angegriffen worden. Dadurch habe er die Geldtasche verloren.

Ihm sei erst später klar geworden, worauf er sich eingelassen habe, sagte sein Anwalt. Er habe das enthemmende Schmerzmittel Tilidin eingenommen, so der Deutsch-Türke laut der Erklärung. Nach der Flucht habe jeder der Vier 40 000 Euro bekommen. Das Geld sei in einer Tiefgarage auf der Motorhaube des Fluchtautos verteilt worden.

Nachfragen des Richters beantwortete er nicht. "Am liebsten wäre mir, Sie würden hier mit einer dicken Plastiktüte ankommen", sagte Richter Helmut Schweckendieck. Der 21-Jährige soll vor dem Überfall mit seinem Auto zum Treffen in dem Fastfood-Restaurant vorgefahren sein. Pech für ihn: Ein Zeuge hatte sich laut Gericht das Nummernschild gemerkt.

In dem Geständnis des 19-jährigen Angeklagten, das ebenfalls verlesen wurde, erklärte der Freizeitboxer, er habe eigentlich nicht mitmachen wollen, er habe sich getrieben gefühlt. Er war nach dem Überfall zunächst nach Libanon geflüchtet, hatte sich dann aber gestellt. Er habe am Ausgang gestanden und nicht mitbekommen, wie das Geld rausgeholt wurde. Er bereue seine Tat sehr und wolle sich bei den Mitarbeitern des Turniers entschuldigen.

Das dilettantische Quartett hatte jede Menge Spuren hinterlassen, auch von Überwachungskameras wurde es gefilmt. Der 21-Jährige trug nicht mal Handschuhe, weil er sich nach Aussage eines Komplizen "nicht mit den gelben Gummihandschuhen lächerlich machen wollte". Seine Kumpels hatten ihn befreit, als ihn ein zwei Meter großer Sicherheitsmann im Schwitzkasten festhielt.

Ein 20-jähriger Angeklagter, der erst zu Jahresbeginn aus dem Gefängnis gekommen und nach dem Pokerraub in die Türkei geflüchtet war, bevor er sich stellte, legte sein Geständnis selbst ab. Er nuschelte, er habe sich überreden lassen, mitzumachen. Er habe nur 5000 Euro von der Beute bekommen. Der Onkel seines 19-jährigen mitangeklagten Kumpels habe sie verteilt. "War es das?", fragte der junge Mann den Richter, als ihm die Nachfragen offensichtlich zu viel wurden.

Jutta Schütz und Cornelia Herold, DPA / DPA