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Getöteter Drogenboss Pimenta: Playboy und der Drogenkrieg von Rio

Seine Attacken waren filmreif, er war so gefürchtet wie kein anderer Drogenboss: Celso Pinheiro Pimenta alias "Playboy" terrorisierte Rio de Janeiro jahrelang, jetzt tötete ihn die Polizei. Doch sein Tod ist nur ein Etappensieg.

Von Julia Jaroschewski, Rio de Janeiro

Die Policia Civil fahndete auf ihrer Website nach Celso Pinheiro Pimenta alias "Playboy"

Die Policia Civil fahndete auf ihrer Website nach Celso Pinheiro Pimenta alias "Playboy"

Er war der Bad Boy unter Rios Gangstern: Mit nur 33 Jahren kommandierte Celso Pinheiro Pimenta alias "Playboy" mehrere Favelas in Rio de Janeiro, hatte Hunderte Mann unter sich und befehligte ein Spezialkommando, das Transporte überfiel. Er war brutal und skrupellos. Ende Dezember 2014 ließ er über Nacht zweihundert von der Stadt beschlagnahmte Motorräder von seinen Drogensoldaten rauben. In einem öffentlichen Schwimmbad filmten sich Männer seiner Gang, wie sie ihre Sturmgewehre in die Luft streckten, während sie sich im türkisfarbenen Pool erfrischten - als Machtdemonstration, während der Boss ganz oben auf der Fahndungsliste stand.

Playboy war gefürchtet wie kein anderer, nicht nur bei den rivalisierenden Banden. In einer von der Stadt gebauten Sozialsiedlung, die unter dem staatlichen Programm "Minha Casa, minha Vida" lief, installierte er kurzerhand seine eigene Herrschaft. Er warf die von der Stadt ausgewählten 80 bedürftigen Familien aus ihren Wohnungen und vergab sie an Personen, die ihm passten. Diese mussten Schutzgelder und überhöhte Preise für illegal angezapfte Stromleitungen zahlen, die Playboy von seinen Männern legen ließ. In dem von Zäunen umgebenen Gelände der Sozialbauten betrieb er einen eigenen Drogenmarkt. Und die Stadt schaute wie bei fast allen seiner Aktionen machtlos zu. Seine Drogengang A.D.A, "Amigos dos Amigos" (Freunde von Freunden), erweiterte ihr Gebiet unter seiner Herrschaft – mit brutalen Überfällen, Morden an unliebsamen Polizisten und gegnerischen Drogengangstern.

Ein Jahr vor Olympa steht Rio vor einem Sicherheitsdesaster

Playboy wurde zur urbanen Legende – und zum Symbol der staatlichen Machtlosigkeit. Für Rio de Janeiro entwickelte sich seine zunehmende Popularität zum enormen Problem. Denn ein Jahr vor den Olympischen Spielen steht die Stadt vor einem Sicherheitsdesaster. In vielen Armenvierteln sind Schießereien an der Tagesordnung, auch Überfälle in Bussen und U-Bahnen steigen an.

Im kommenden Jahr werden Tausende internationale Gäste Rio besuchen, doch die Lage ist angespannter als zuvor. Zur Fußball-WM 2014 patrouillierten Hunderte Polizisten an Stränden und  in den von Touristen beliebten Vierteln. Neben wenigen Ausnahmen verlief das Fußballfest recht glimpflich. Doch kaum war die WM vorbei, machten Serien von Überfällen Schlagzeilen.

Die Jagd auf Playboy war deswegen für die brasilianische Polizei auch Öffentlichkeitsarbeit vor den Olympischen Spielen. 50.000 Reais, etwa 12.500 Euro Kopfgeld, waren zuletzt auf Hinweise ausgesetzt, die zu seiner Verhaftung führen – das höchste Kopfgeld, dass jemals auf einen Kriminellen in Rio de Janeiro ausgesetzt worden war.

Pimenta und seine Drogengang A.D.A. "Amigos dos Amigos" (Freunde von Freunden) posierten gerne martialisch in den sozialen Netzwerken

Pimenta und seine Drogengang A.D.A. "Amigos dos Amigos" (Freunde von Freunden) posierten gerne martialisch in den sozialen Netzwerken

Ein einziges Interview gab Playboy im Februar, indem er dem Magazin Veja gestand, er verliere die Lust am Verbrecherleben und denke daran aufzuhören. Im Bandenmilieu habe er sowieso alles erreicht. Dafür forderte er aber Straffreiheit von der Regierung. "Denn sonst sterbe ich oder komme ins Gefängnis", sagte er. Zu einem Deal kam es nicht mehr. Anfang August stürmten Spezialeinheiten die Favela Morro da Pedreira, in der Playboy sich verschanzte, und erschossen ihn – angeblich im Gefecht.

Kaum einer der Favelabewohner hatte daran geglaubt, dass der Gangster tatsächlich gestellt werden könnte, denn sein Netzwerk an korrupten Polizisten war groß. Er bestach sie mit Gold, Geld und Waffen, sein privater Fahrer soll ein ehemaliger Polizist gewesen sein. So entwischte Playboy regelmäßig bei Polizei-Operationen, immer wussten er und seine Bodyguards vor einem Einsatz Bescheid. Eine Ausnahme gab es: Im vergangenen Jahr setzten Polizisten den wegen Raub, Drogenhandel und Mord zu fast 16 Jahren verurteilten Playboy fest, ließen ihn dann aber für Geld, ein paar Kilo Goldketten und zwei AK-47-Sturmgewehre gehen.

Sohn eines Kioskbesitzers wird zum meistgesuchten Drogenboss

Ermöglicht hatte ihm sein ungewöhnlicher Aufstieg also auch die Korruption der Polizei. Celso Pinheiro Pimenta war nicht wie die anderen Drogenbosse in der Favela aufgewachsen. Der Sohn einer Hausfrau und eines Kioskbesitzers ging auf eine private christliche Schule im Stadteil Laranjeiras – einem Viertel der Mittelschicht. Er interessierte sich früh fürs kriminelle Geschäft, wurde als Minderjähriger zweimal bei Überfällen erwischt. Er handelte erst mit Drogen, dann mit Waffen, und organisierte Überfälle. Seine Karriere begann er mit dem Diebstahl von elf Gewehren aus einer Polizeistation, die er an eine Drogenbande verkaufte. Als diese nicht genug zahlen wollte, hinterging er seinen Boss, wechselte die Bande und stieg rasant auf.

Aus dem weißen, gesättigten Mittelschichtsjungen, der kiffte und die Schule schwänzte, wurde Rios meistgesuchter Drogenboss. Bilder von dem Mann mit den markanten buschigen Augenbrauen hingen in jeder Polizeistation oder flimmerten über die Bildschirme der Bevölkerung. Für Nachwuchsgangster wurde er zum brutalen Vorbild und zum Fernsehstar.

In den sozialen Netzwerken präsentierte Playboy sich so, wie sich alle Mitglieder der Drogengangs gerne zeigen: mit Frauen, Autos, Motorrädern und Waffen. Er hatte einen Hang zum Protz - und zum Spielen. Sein Geld investierte er neben Motorrädern und Autos in vergoldete Ketten, deren Anhänger einer bekannten, brasilianischen Comicfigur nachempfunden sind: "Menino Maluquinho", einem weißen Jungen mit verrückten Ideen. Playboy ließ sich einen echten Goldjungen mit Gewehr in der Hand schmieden.

Hingerichtet, damit er nicht auspackt?

Kurz nach dem Tod des Gangsters kursierten die ersten Fotos von der Polizei-Operation in den sozialen Netzwerken. In der Wohnung seiner 14-jährigen Freundin wurde Playboy mit wenigen Schüssen niedergestreckt. Acht Männer hatte er als private Bodyguards vor der Tür platziert, die sich nach kurzen Schusswechseln auffällig schnell aus dem Staub machten. Keiner von ihnen wurde verletzt oder festgenommen. Die Aktion schien sorgfältig geplant gewesen zu sein.

Manche Favelabewohner vermuten, der gefürchtete Drogenboss sei hingerichtet worden, damit er nicht die Namen seiner geschmierten Kontakte bei der Polizei verraten könne. Playboy selbst ahnte sein Ende voraus: "Soweit ich weiß, will die Polizei mich nicht festnehmen, sie will mich töten", hatte er im Interview im Februar gesagt.

Es ist nicht die Polizei, die in Rios Favelas den Frieden garantiert. Die mehr als 1200 Armenviertel Rios sind fest in der Hand von Drogengangs - hier Mitglieder der A.D.A

Es ist nicht die Polizei, die in Rios Favelas den Frieden garantiert. Die mehr als 1200 Armenviertel Rios sind fest in der Hand von Drogengangs - hier Mitglieder der A.D.A

Die Polizei verkauft den Mord als großen Coup im Kampf gegen die Gewalt und die Herrschaft der Drogenbanden. Tatsächlich nahmen die Spezialkräfte vier weitere hohe Mitglieder einer rivalisierenden Gang fest. Einen Tag später erschossen sie den potentiellen Nachfolger Playboys. Es sind Exekutionen, die nun die Macht der Polizei demonstrieren sollen.

Doch der Tod von Playboy ist nur ein Etappensieg. Verbündete drohten nach dem Tod des Bosses mit Vergeltungsschlägen, 400 Polizisten besetzten die Favela Morro da Pedreira, um Aktionen der Drogengang vorzubeugen. Doch trotz der massiven Polizeipräsenz befand sich die Armensiedlung 48 Stunden später im Ausnahmezustand: Läden und Schulen mussten schließen, Tausende von Schülern zu Hause bleiben.

Ein aussichtsloser Kampf

Es ist nicht die Polizei, die in Rios Favelas den Frieden garantiert. Die mehr als 1200 Armenviertel Rios sind fest in der Hand von Drogengangs. Selbst in den knapp 200 Favelas, in denen die sogenannte Befriedungspolizei UPP dauerhaft präsent ist, erobern die Gangs ihr Terrain zurück. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Rio ist die Gewalt in vielen Favelas auf einem Höchststand. In den Armenvierteln in der Nordzone der Stadt finden fast tägliche Schießereien statt, bei der oft Unbeteiligte sterben.

Kaum noch jemand glaubt, dass die Besetzung der Favelas positive Veränderungen bringt. Darunter leidet die Bevölkerung, die im Kreuzfeuer von Polizei und Banden leben muss. Die Hoffnung der Bewohner, die Besetzung der UPP würde Fortschritt und Verbesserung bringen, ist enttäuscht worden. Heute demonstrieren viele für einen Abzug der Polizei aus ihren Gebieten. "Fora UPP", "Weg mit der UPP", steht auf vielen Hauswänden.

"Der Kampf gegen die Drogen funktioniert nicht", gibt selbst Rios Innensenator José Beltrame zu. "Playboy ist ein weiterer toter Krimineller – aber in kurzer Zeit wird ein anderer an seiner Stelle sein."

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