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Gewalt gegen Kinder: "Keine Fragen, keine Kosten, keine Polizei"

Immer wieder werden Babys nach der Geburt von ihren Müttern getötet. Zu den Einrichtungen, die solch Unheil abwenden helfen, gehören das Projekt "Findelbaby" und die Mutter-Kind-Häuser in Satrup. Sie ebnen Schwangeren oder jungen Müttern den Weg aus Verzweiflung und Isolation.

Von Tonio Postel

Neun Monate lang hatte das Verdrängen funktioniert, hatte niemand Romy Wunderlich's Zustand bemerkt. Ein Zustand, der für die Allermeisten Segen bedeutet, für manche aber Fluch. Ihren wachsenden Babybauch suchte die zierliche Frau unter weiter Kleidung zu verstecken und wenn es sein musste, drehte sie sich vor neugierigen Blicken weg.

Erst nach fünf Stunden quälenden Wehen allein zu Hause wählte die 23-Jährige im vergangenen Oktober die Findelbaby-Notrufnummer. "Die sagten mir, dass ich sofort ins Krankenhaus muss", sagt die Berlinerin mit den großen grünen Augen. Während sie in einem lichtdurchfluteten Raum in Satrup erzählt, kullern ihr immer wieder Tränen aus den Augen.

Rettung in höchster Not

Ein Rettungswagen holte sie damals ab, es war Rettung in höchster Not: Romy hatte schon viel Blut verloren. "Hätte ich alleine zu Hause entbunden, wäre ich verblutet", weiß sie heute. Drei Wochen lang musste sie im Krankenhaus bleiben. Danach ist Romy Wunderlich beim Projekt "Findelbaby" in Satrup in Schleswig-Holstein untergekommen.

Ziel der Einrichtung ist es, Frauen zu begleiten und so zu beraten, dass sie eine Entscheidung treffen, mit der sie leben können. Sogar, wenn sie ihr Baby einfach nur loswerden wollen. An der Landstraße über plattes schleswig-holsteinisches Land, zwischen zart blühenden Feldern und grünenden Wäldern, trifft man auf einen schmalen Wegweiser mit der Aufschrift "Babyklappe". Schnörkellose weiße Lettern auf blauem Untergrund. Er wirkt wie ein gewöhnliches Straßenschild.

Idyll mit herzlicher Ausstrahlung

Doch wer die Adresse Satrupholm 1 erreicht, dem erschließt sich alles andere als eine Abfertigungsanlage für kleinste menschliche Lebewesen. Nämlich ein Idyll mit herzlicher Ausstrahlung. Am Ende des mit Kieselsteinen bedeckten Weges leuchtet ein sonnenblumen-gelbes Herrenhaus. Daneben steht eine alte Scheune, gegenüber ein rotes Backsteinhaus. Auf dem Rasen sitzen drei Mütter mit ihren Kindern in der Sonne.

Hier auf dem Land, 20 Kilometer südwestlich von Flensburg, sollen jene Frauen ihr Kind annehmen lernen, denen ihr eigenes Fleisch und Blut fremd geblieben ist, warum auch immer. Etwa im Mutter-Kind-Haus, das seine Räume im Backstein-Bau hat. Im Rahmen der Jugendhilfe erfahren sie unter Anleitung, wie sie den Alltag gemeinsam bewältigen können. Es sind Mütter, die traumatische Kindheitserlebnisse, Psychosen oder Borderline-Störungen, also eine Art gespaltene Persönlichkeit, im Gepäck haben. Und dann noch ein Kind.

Umrahmt von Sternen und Herzen

Im weiß gehaltenen Raum der "Schwangeren Konfliktberatung" empfängt üblicherweise ein Psychiater zu Gesprächen, auf einer rosa-weiß gepunkteten Wolldecke liegt eine maßstabsgetreue Plastikpuppe. Daneben, auf einem Metallgestell am Fenster, thront ein kleines Bettchen, auf dem eine Wärmedecke liegt, umrahmt von mit Sternen und Herzen bemalten, durchsichtigen Plexiglaswänden. So also sieht eine Babyklappe aus, ein schwenkbares, helles Holzbrett.

Auch ein Stempelkissen liegt auf der Decke. "Da kann die Mutter einen Fuß- oder Fingerabdruck vom Baby auf Papier zur Erinnerung machen und mitnehmen", sagt Leila Moysich, die Projektleiterin von Findelbaby. Hinter dem Holzbrett klebt hinter Klarsichtfolie ein Papier: "Brief an die Mutter" steht darauf. Darin werden der Verzweifelten die Hilfsmöglichkeiten und Alternativen erläutert. Und zwar: "Keine Fragen, keine Kosten, keine Polizei". "Sobald ein Kind dort abgelegt wird", erläutert Romy, "gibt es ein Signal auf dem Diensthandy und im Raum der Kinderbetreuung springt ein Licht von grün auf rot." Das Handy ist Moysichs Hauptarbeitsinstrument.

Kein Kind mehr ausgesetzt

Insgesamt gibt es etwa 90 Babyklappen im ganzen Land, doch sie reichen längst nicht aus, sagt Moysich. Wieviele Babys in Deutschland ausgesetzt werden, hat keine Statistik erfasst; Leila Moysich geht von "etwa 20" im Jahr aus. Seit es das Projekt Findelbaby gibt, sei in Hamburg in sieben Jahren aber kein einziges Kind mehr ausgesetzt worden, sagt Moysich nicht ohne Stolz.

32 Babys sind in den acht Jahren seit der Gründung Mitte 1999 in den drei Babyklappen in Hamburg und Satrup abgegeben worden. Doch auch die Babyklappen im Hamburger Raum konnten in acht Jahren nicht den Tod von drei weiteren Babys verhindern.

Romy Wunderlich kam nicht auf solche Gedanken. Sie brachte einen 2100 Gramm leichten und 46 Zentimeter kleinen Wicht auf die Welt. Normal wären etwa 52 Zentimeter bei knapp 4000 Gramm. "Das passiert häufig, weil die Mütter den Kindern keinen Platz lassen", sagt Leila Moysich, im mit viel hellem Holz eingerichteten Besprechungszimmer. "Die machen kein stolzes Hohlkreuz, sondern binden den Bauch neun Monate lang ab", sagt die große Frau mit dem freundlichen wie bestimmten Auftreten.

Anonyme Entbindung erlaubt

Zu dieser Zeit wusste Romy längst noch nicht, ob sie ihr Kind behalten soll. Der Kindsvater hatte erklärt, ein weiteres Kind komme für ihn nicht infrage.

Frauen, die sich wie Romy noch nicht im Klaren darüber sind, ob sie ihr Kind behalten wollen, können es auch bei rund 100 Familien in der Region unterbringen. Die ehrenamtlich arbeitenden Familien, die Findelbaby inzwischen in der Kartei hat, kümmern sich maximal acht Wochen um das Baby. Dann muss sich die Mutter entschieden haben, ob das anonym geborene Kind nach Hause kommt oder eine Heimat in der Fremde findet.

Dass anonyme Geburten in Deutschland möglich sind, ist keine Selbstverständlichkeit; denn bei der Geburt im Krankenhaus werden die persönlichen Daten und der Eintrag ins Geburtenregister verlangt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied in einem Urteil in Frankreich jedoch, das eine Mutter auch anonym entbinden darf.

Pionierarbeit in Deutschland

Das Diakonissen-Krankenhaus in Flensburg leistete Pionierarbeit in Deutschland. Auch bei den anonymen Geburten stehen Leila Moysich und ihr Team den Frauen zur Seite. Das ist eine Bedingung der Krankenhäuser, eine weitere ist, dass die Kosten übernommen werden; für eine gewöhnliche Geburt fallen etwa 2000, für einen Kaiserschnitt 7000 bis 8000 Euro an.

"Eine Frau, die ihr Kind ausgetragen hat, verdient größten Respekt", heißt es auf der Homepage von Findelbaby. "Auch, wenn sie danach für ihr Kind unerkannt bleiben will." Beim Gang durch das Backsteinhaus mit den vielen, hohen Fenstern ahnt man, dass das Konzept aufgehen kann. Die Atmosphäre ist freundlich, selten skeptisch, wie Leila Moysich befürchtete: "Viele Frauen hier haben kein gutes Verhältnis zu Männern", stellt sie im Garten vor den Räumen der Kinderbetreuung fest, die 24-Stunden geöffnet hat.

150 Geburten miterlebt

Die Kinder in den bunten Anoraks kommen auch aus Nationen wie den Philippinen, aus Ghana oder der Dominikanischen Republik. Heute schaukeln und rutschen sie, sie backen Kuchen im Sandkasten oder fegen auf Plastikautos umher und kreischen und glucksen um die Wette. "Heeeeeeey", ruft Leila Moysich, breitet die Arme aus und reckt eines von ihnen mit einem strahlenden Lachen in die Höhe. Sie investiert sehr viel Kraft und Energie in das Projekt, vielleicht auch, weil Moysich keine eigenen Kinder hat. 150 Geburten hat sie bislang miterlebt, und "manchmal kannte ich die Frauen erst seit eineinhalb Stunden."

Insgesamt arbeiten hier 25 Betreuerinnen, darunter auch Köchinnen, Krankenschwestern, Pädagoginnen oder Ergotherapeutinnen, die für 27 Frauen tägliche Lebenshilfe leisten: Ämtergänge, Arztbesuche, Telefonate, der Umgang mit Geld, die Frauen bekommen 20 Euro Taschengeld. Dazu Kleidung, Kindersitze, Kinderwagen und vieles mehr umsonst.

Erst Windeln, dann Kippen kaufen

Finanziert wird das Projekt durch Geld- und Sachspenden. Ohne das Engagement vieler Ehrenamtlicher könnte es sich kaum tragen. Bis auf den Zivildienstleistenden und den Hausmeister arbeiten auf dem Hof ausschließlich Frauen. "Vielen muss man klarmachen, dass sie zuerst Nahrung und Windeln und erst danach Kippen kaufen", erläutert Leila Moysich in einer Frauen- WG. Sie lernen auch, dem Tag eine feste Struktur zu geben, die sich stets am Kind orientiert: "Viele leben in den Tag hinein und würden ihrem Kind nachmittags um fünf noch nichts zu essen geben."

Deshalb lernen sie neben dem Umgang mit Geld auch das Kochen. In Satrup wird jeden Tag um zwölf, und abends beim "Kinderabendbrot", gemeinsam gegessen. Selbst Ausflüge in den Wald oder bei schlechtem Wetter zum Indoor-Spielplatz machen die Frauen nicht selbständig. Damit die Familien häufiger an die Luft gehen, werden zwei große "Angeliter-Sattelschweine" gehalten, die gerade neugierig aus ihrem Gehege lunsen. Ein Hase, ein Vogel und ein Hund, bieten Abwechslung.

Heute, sechs Monate nach der Geburt von Sophie, ist Romy Wunderlichs Welt wieder in Ordnung. Ihr Freund und ihre Familie akzeptieren das Mädchen, in zwei Wochen möchten sie wieder nach Hause zurückkehren. Ihre Schwiegereltern haben Romy versprochen, sich ab und an um die Kleine zu kümmern: "Ich kann sogar öfter ins Kino gehen, wenn ich will." Wenn alles gut geht.