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Gewalt gegen Kinder: Der "Kevin-Effekt"

Kevin aus Bremen wurde nur zwei Jahre alt. Er starb, weil Eltern und Behörden versagten. Programme wie "Pro Kind" sollen nun Schwangere in schwierigen Lebenssituationen unterstützen. Beispielsweise mit dem regelmäßigen Besuch von Hebammen oder Sozialarbeitern. Doch die Realität stellt noch viele Hürden.

Von Jan Zier

Kevin aus Bremen war zwei Jahre alt, als er im Oktober 2006 tot im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters aufgefunden wurde. Seit wann er dort lag, wird sich nie mehr so ganz klären lassen. Seine Mutter war drogenkrank. Sie starb, als Kevin ein Jahr alt war. Und er starb in der Obhut des Staates. Vom Sachbearbeiter im Jugendamt bis hinauf zum Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) kannten viele in Bremen seinen Fall. Schon als er noch lebte. Kevin fiel durch ein Netz von Sozialarbeitern. Sein Tod löste eine heftige Debatte über die staatliche Jugendfürsoge in Deutschland aus. Geld dürfe im Zweifelsfall keine Rolle spielen, hatte Böhrnsen seinerzeit verkündet. In der Tat sind bis 2009 knapp 28 Millionen Euro für bessere Standards in Kindertagesheimen und für Angebote zur Betreuung von Säuglingen eingeplant. Die Erziehungsberatung sowie ein Kinder- und Jugendschutztelefon sollen abgesichert und die Betreuung junger Familien ins schwierigen Lebenslagen verbessert werden. Bremen hat als zweites Bundesland verbindliche, flächendeckende Früherkennungsuntersuchungen für alle Kleinkinder vorgeschrieben.

Häufig nichts unternommen

Die Hilfe in akuten Notlagen, sagen Fachleute, hat sich in Bremen in der Tat spürbar verbessert. "Wenn ein solcher Fall bekannt wird, dann passiert auch etwas", sagt der Bremer Kinderarzt Stefan Trapp. Drohten indes keine schweren Verletzungen, werde häufig genug nichts unternommen: "Dann fehlen offensichtlich die Ressourcen". Aus diesem Defizit macht auch die offizielle Politik keinen Hehl - und nennt das "Konzentration auf die Gefahrenabwehr".

Gut 100 Familien erhielten seinerzeit als erste Sofortmaßnahme Hausbesuche, insbesondere solche mit drogenkranken Eltern. Alle mit Ersatzdrogen behandelten Mütter und Väter sollen nun ihre Fähigkeit zur Kinderbetreuung nachweisen müssen. Doch schon hier gibt es Kritik: "Mir ist nicht klar, wie das funktionieren soll", sagt etwa die Familienrichterin Sabine Heinke.

Zugleich gibt es eine spürbare Renaissance von Kinderheimen und stationären Einrichtungen - zulasten ambulanter Angebote. Die Zahl jener Kinder in Bremen, die in Heimen oder in Vollzeitpflege untergebracht worden sind, ist allein von Dezember 2006 bis August 2007 um gut 100 auf 1.165 angewachsen. Die Zahl derer, die von der Familienhilfe betreut werden, stieg im selben Zeitraum von 446 auf 676 an. Rund 30 Anrufe gehen monatlich beim Kinder- und Jugendschutztelefon ein, in etwa der Hälfte aller Fälle, sagt Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD) sind "Eingriffe" nötig.

Der Kevin-Effekt

Experten nennen das den "Kevin-Effekt": Aus der Bevölkerung gehen deutlich mehr Hinweise auf vernachlässigte Kinder ein als früher - gut zwanzig Prozent, so die Schätzungen. Und die Behörden warten nicht mehr so lange ab, ehe sie Kinder aus den so genannten "Problemfamilien" nehmen. Rund 300 Bremer Kinder wurden im vergangenen Jahr in ein Heim gesteckt. Anders formuliert: Trotz der in Bremen allgegenwärtigen Rede vom "Haushaltsnotlageland" trauen sich die Mitarbeiter des Sozialen Dienstes wieder, Hilfsmaßnahmen für bedürftige Familien anzuordnen. Auch wenn das Geld kostet. Der Zustand, dass Sozialarbeiter zuerst auf Budgets schielen, wenn sie Kinder vor sich haben, hat zunächst ein Ende.

Für die Behörden heißt das aber auch: Die Arbeitsbelastung ist weiter angestiegen. Zwar ist in Bremen die Zahl der Amtsvormundschaften, wie es sie auch für Kevin gab, binnen eines Jahres auf 240 auf 99 je Mitarbeiter gesunken. Die Zahl der zu bearbeitenden Fälle ist jedoch gestiegen. Die Zahl der Mitarbeiter im bremischen Sozialdienst hingegen nur um 22. "Eine Entlastung spüren wir nicht", sagt eine Fallmanagerin. In Cottbus bearbeitet ein Sozialarbeiter Experten zufolge rund 170 Fälle, in Berlin sind es gut 150. Und in Bremen waren es schon im Dezember 2006 mehr als 200. Und binnen eines halben Jahres stieg die Zahl noch einmal um rund 100 an. "Es liegt noch einiges im Argen", sagt ein Sozialarbeiter in Bremen, auch wenn sich auch "schon einiges" verbessert habe. Gerade neue Mitarbeiter stünden oft unter dem Druck "bloß keine Fehler" zu machen.

Fehlende Reaktionen

Als problematisch erweist sich nach wie vor auch die Zusammenarbeit mit den Ärzten. Eine Befragung Bremer Mediziner ergab zwar, dass sich der Informationsfluss in den vergangenen Jahren verbessert hat. Aber immer wieder komme es vor, dass Behörden aus den Hinweisen keine Konsequenzen zögen, keine Rückmeldungen gäben. Auch viele Tagesmütter - wie auch Kevin eine hatte - klagten noch im Herbst vergangenen Jahres über fehlende Reaktion auf ihre Beschwerden, über falsche Abrechnungen der Ämter, über monatelang ausbleibende Zahlungen ihrer ohnedies kargen Aufwandsentschädigung.

Zugleich sind alle Beteiligten unsicher, welche Daten sie untereinander austauschen dürfen, sagt ein Abteilungsleiter im Amt für Soziale Dienste in Bremen. "Wir brauchen eine zentrale Datei für alle Sorgenkinder in der Stadt", fordert der Kinderarzt Wolfgang Meinrenken. Bremens Datenschutzbeauftragter Sven Holst warnt indes vor einem "Allround-Familien-Überwachungssystem". Die Sicherheit wäre auch eine trügerische: Alle Experten sind sich einig, dass auch es auch künftig keine Gewähr gibt, dass ein Fall wie der von Kevin sich nicht wiederholt. Auch nicht in Bremen. Nach Angaben der Deutschen Kinderhilfe Direkt sterben pro Woche in Deutschland drei Kinder an Gewalt und Misshandlung.

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