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Gewalt in der Münchner U-Bahn: Schweizer Schläger ohne Reue

Es bleibt ein Rätsel: Wie kann es sein, dass Jugendliche das Zusammenschlagen unschuldiger Menschen als Zeitvertreib ansehen? Die drei Schüler aus der Schweiz, die in einer Münchner U-Bahn-Haltestelle zuschlugen, zeigen bisher keinerlei Reue; sind unbeeindruckt von den schweren Verletzungen eines Opfers. Nur der Vater eines der Schläger ist fassungslos.

Über die Gewalttaten von Schweizer Schülern in München hat sich auch der Vater eines Beteiligten fassungslos gezeigt. Das Ganze sei ein Alptraum, sagte der Vater dem Privatsender "Radio1" in Zürich am Freitag. Er habe keine Erklärung für das, was in der Nacht auf Mittwoch geschehen sei, sagte er. "Man hat das Gefühl, man macht alles richtig. Und dann kommt so ein Hammer."

Das schwer verletzte Opfer, ein 46-jähriger Geschäftsmann, tue ihm unsagbar leid, sagte er weiter. "Ich möchte mich in aller Form entschuldigen und irgendwie helfen, falls das möglich ist." Er habe mit seinem 16-jährigen Sohn nicht mehr gesprochen, seit dieser in U- Haft sei. Die Mutter habe ein kurzes Gespräch mit ihm führen dürfen, in dem er gesagt habe, dass es ihm sehr Leid tue.

Die drei wegen Mordversuchs verhafteten Schüler zeigen dagegen bislang kein Bedauern über ihre auf der Suche nach einem "Kick" begangene Prügelattacke. Bisher hätten sie "keinerlei Reue gezeigt", sagte Polizeisprecher Andreas Ruch am Freitag. "Sie zeigten sich in den ersten Vernehmungen völlig unbeeindruckt." Die Schüler haben die ihnen vorgeworfenen Angriffe teilweise gestanden und sitzen inzwischen im Untersuchungsgefängnis München-Stadelheim.

Wie sich herausgestellt hat, sind die Inhaftierten vorbestraft, auch ein Anti-Agressions-Training hat offenbar nichts bewirkt. Sie mussten in ihrer Heimat unter anderem wegen Angriffen auf Menschen Sozialdienste leisten. Das teilte die Jugendstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich am Freitag mit. Für einen von ihnen sei bereits im vergangenen Herbst eine "deliktorientierte Therapie" angeordnet worden.

Nacheinander waren die Jugendlichen bei einer Klassenreise in München wahllos und brutal auf unbeteiligte Menschen losgegangen. Die Schüler aus Küsnacht bei Zürich hatten in einem Park in der Münchner Innenstadt gefeiert, getrunken und Haschisch geraucht. Gegen 23.30 Uhr schlugen sie einen 46-jährigen Geschäftsmann und anschließend auf dem Weg in ihre Unterkunft einen 27-jährigen Studenten nieder. Der schwer verletzte Geschäftsmann aus Ratingen in Nordrhein-Westfalen ist inzwischen auf dem Weg der Besserung.

"Es geht ihm besser", sagte Polizeisprecher Wolfgang Wenger. Es sei aber unklar, ob der Mann bleibende Schäden davontragen werde. Er hatte mehrere Brüche im Gesicht erlitten, darunter an einer Augenhöhle. Befürchtet werden Folgen für das Auge. Der Student erlitt Blutergüsse und konnte ambulant behandelt werden.

"Die Botschaft ist: Null Toleranz", sagte Wenger. "Wer so etwas macht, wird erwischt." Die mutmaßlichen Täter waren nur gut drei Stunden nach der Tat gefasst worden und hätten nun mit aller Härte des Gesetzes zu rechnen. Auf versuchten Mord stehen nach Jugendstrafrecht bis zu zehn Jahre Haft.

Die Ermittler suchen derzeit drei noch unbekannte Opfer. Die Jugendlichen hatten nach ihrer Festnahme selbst zugegeben, neben dem Geschäftsmann und dem Studenten drei weitere Männer geschlagen zu haben. "Wir wissen noch nicht, wer das ist. Wir hoffen, dass sie sich melden", sagte Wenger. Spekuliert wird, ob es sich bei den Opfern um Obdachlose handelte.

Einer der 16-Jährigen ist slowenischer Staatsangehöriger, die anderen beiden sind Schweizer Staatsangehörige. Ein 15-Jähriger portugiesischer Herkunft und ein 17-Jähriger wurden wieder auf freien Fuß gesetzt. Ob und inwieweit auch sie zur Verantwortung gezogen werden, sollen die Ermittlungen erbringen. Die Zehntklässler der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht waren auf Klassenfahrt in München.

Beschuldigte waren vorbestraft

Einer der drei Beschuldigten war wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs verurteilt, ein zweiter wegen einfacher Körperverletzung, weil er jemandem das Nasenbein gebrochen hatte. Der dritte Jugendliche ist wegen Raubversuchs sowie Faustschlägen und Tritten vorbestraft. Die Strafen lagen zwischen neun Tagen und vier Wochen Sozialdienst. Die Lehrer der in München wegen Mordversuchs inhaftierten Jugendlichen aus dem Kanton Zürich wussten nach Angaben des Jugendstaatsanwalts Marcel Riesen aus Zürich "eher nicht" von den Vorstrafen der Jugendlichen. Die Verurteilungen erfolgten 2008 und Anfang 2009.

In der Schweiz herrscht Entsetzen bei Eltern, Lehrern und Klassenkameraden. "Wir hätten ihm so eine Tat nie zugetraut, er ist ein friedlicher Junge", sagten Schulkollegen über einen der 16-Jährigen zu "20 Minuten Online". Die Familie lebe schon lange in einem Dorf am Zürichsee, er sei nie negativ aufgefallen. "Es ist eine unglaubliche Katastrophe", sagt der Vater dem "Tagesanzeiger.ch/Newsnetz". "Ich stehe unter Schock und weiß nicht, wie es weitergehen soll."

Schweizer entschuldigen sich per Mail für ihre Landsleute

Viele Schweizer reagierten sofort und wandten sich an die Münchner Polizei. "Wir bekommen zahlreiche E-Mails aus der Schweiz, die Schreiber wollen sich für ihre Landsleute entschuldigen", berichtet Wenger. Die Schweizer hofften, dass den Jugendlichen in Deutschland der Prozess gemacht werde - die Gesetze hierzulande seien strenger.

Die Zehntklässler besuchten die Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht und lebten an der "Goldküste" des Zürichsees - dort wohnen viele Reiche. "Goldküste" heißt die Gegend auch, weil dort bis zum späten Abend die Sonne scheint.

Nach bisherigen Angaben hatten die drei offenbar wenig Chancen auf einen Ausbildungsplatz. "Eigentlich ist mein Sohn ganz brav", sagt der betroffene Vater in dem Gespräch mit "Tagesanzeiger.ch/Newsnetz". "So ein Armer, es wird jetzt nie mehr gut werden."

DPA / DPA