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Gewalt in Rio de Janeiro: Der "Krieg" an der Copacabana

Rauch und Ascheberge an der Copacabana: Die Bewohner selbst sprechen schon von "Krieg". Bei Straßenschlachten in Brasiliens Touristenviertel stirbt 50 Tage vor der Fußball-WM ein Mann.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Nach dem Tod eines Tänzers sind an der Copacabana Straßenschlachten zwischen Polizisten und Demonstranten ausgebrochen. Die Einsatzkräfte gehen mit scharfer Munition vor. Ein Mann wurde bereits getötet.

Nach dem Tod eines Tänzers sind an der Copacabana Straßenschlachten zwischen Polizisten und Demonstranten ausgebrochen. Die Einsatzkräfte gehen mit scharfer Munition vor. Ein Mann wurde bereits getötet.

Douglas Rafael da Silva Pereira war 26 und Tänzer. Er hatte eine Tochter, 4 Jahre, und einige Auftritte in der Show "Esquenta" bei Brasiliens größtem Sender TV Globo. Er galt als fröhlicher, hilfsbereiter Kerl. Einmal war er mit Drogen erwischt worden.

Sein letzter Eintrag bei Facebook lautete: "Frieden und Liebe in allen Favelas von Rio de Janeiro."

Nun ist "DG", wie Freunde ihn nannten, tot - nach einem Streit mit Polizisten um ein geklautes Motorrad. Die Polizei sagt, er sei nach einer Verfolgungsjagd gestürzt. Der Sender TV Globo berichtet, das Opfer wurde von einer Kugel getroffen und fiel danach zehn Meter in die Tiefe.

Schüsse und Explosionen die ganze Nacht lang

Als die Nachricht sich verbreitet, gegen 17.30 Uhr am Dienstag, beginnt der "Krieg" in der Favela Pavao-Pavaozinho an der #link;50-tage-vor-wm-start-strassenschlachten-an-der-copacabana-2105273;Copacabana#. Krieg ist der Begriff, den die Bewohner selber wählen. "Das sind Szenen wie man sie sonst nur aus dem Irak kennt", sagt die Rentnerin Lúcia Salles, 70.

Die Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Bewohnern dauern die ganze Nacht. Bewohner der Favela errichten Barrikaden und zünden sie an - Einkaufswagen, Autos, Abfallberge. Sie steigen von den Hügeln herab, mit großen Steinen in den Händen. Die Polizei fährt mit gepanzerten Wagen vor und liefert sich Schlachten mit den Jugendlichen. Die ganze Nacht lang hallen Schüsse und Bombenexplosionen durch die Zona Sul, die Touristenzone von Rio de Janeiro. Ein 27-jähriger Mann wird erschossen.

"Man denkt, die Gewalt spielt sich weit entfernt ab"

In den Häusereingängen der Hotels verstecken sich Bewohner und Touristen. Straßen werden gesperrt, die wichtige Avenida Nossa Senhora de Copacabana, auch der Autotunnel Sa Freire Alvim. "Es ging alles sehr schnell", erzählt der Anwohner Marcos Quintes. "Ich saß in einem Restaurant. Plötzlich sagt der Besitzer: 'Die Favela kommt runter. Wir schließen.' Ich flüchtete dann in ein Hotel, wo der Inhaber panisch schrie: Kein Tourist verlässt das Hotel. Alle drin bleiben."

Eine Touristin aus Schweden sagt: "Man hört so einiges aus Rio, aber ich hätte mir nicht vorstellen können, dass das hier passiert, an der Copacabana. Man denkt, die Gewalt spielt sich weit entfernt in den Favelas ab."

Brennende Reifen und Müllberge liegen auf den Straßen Rio de Janeiros umher. Menschen flüchten vor der Gewalt zwischen Demonstranten und Polizisten.

Brennende Reifen und Müllberge liegen auf den Straßen Rio de Janeiros umher. Menschen flüchten vor der Gewalt zwischen Demonstranten und Polizisten.

Pittbull kam vom Freigang nicht zurück

Die Favela Pavao-Pavaozinho mit ihren 10.000 Einwohnern liegt gleich oberhalb der berühmten Stadtteile Ipanema und Copacabana. Sie gehörte zu den ersten, die Teil des Befriedungsprogramms wurden, schon 2009. Polizisten übernahmen damals die Kontrolle in den von Drogenbanden kontrollierten Gebieten.

Doch seitdem der inhaftierte Drogenboss Adauto do Nascimento Goncalves, genannt Pitbull, von einem Freigang im Juni nicht zurückkehrte, verstärken sich die Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden und der Polizei. Vor drei Wochen brachen Proteste aus, nachdem zwei Männer in der Favela erschossen wurden, einer davon wohl ein Dealer. Auch im März kam es schon zu Schusswechseln zwischen Militärpolizisten und Dealern.

In 50 Tagen beginnt die WM

Am Morgen nach den Tumulten herrscht nun gespannte Ruhe an der Copacabana. Hin und wieder ist noch ein Schuss zu hören. Mehrere Trümmerberge säumen den Eingang zur Favela. Rauch steigt auf aus den Aschebergen verbrannten Mülls. Es ist Feiertag in Rio, der Tag des heiligen St. Georg. In genau 50 Tagen beginnt die WM.