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Gewaltdelikte: Die Kälte des "Samurai-Mörders"

Marco Z. ermordete zwei Frauen, 30 Minuten später absolvierte er die Prüfung für den Motorrad-Führerschein. Dann zerstückelte er die Leichen mit einem Samurai-Schwert. Das Münchner Schwurgericht verurteilte Marco Z. zu lebenslanger Haft. Der stern hat den Prozess beobachtet.

Von Rupp Doinet

Als alles vorbei war, als die beiden jungen Frauen leblos vor ihm in ihrem Blut lagen, nicht mehr "hechelten", wie er später sagte, da wechselte Marco Z., Groß- und Außenhandelskaufmann aus München, zu der Zeit 22 Jahre alt, zuerst die Hosen. Zog die bluttriefende aus und stieg in eine neue Jeans. Dann fuhr er hinüber zur Fahrschule. Er wurde dort schon erwartet.

Etwa 30 Minuten, nachdem Marco Z. im vergangenen Juni seine 20-jährige Lebensgefährtin Kristine M. und deren gleichaltrige Freundin Bilge C. erstochen hatte, saß er auf einem Motorrad und legte die praktische Prüfung für den Führerschein der Klasse A ab. Der Prüfer gratulierte herzlich.

"Kalt, kälter, Marco", schreiben Münchens Zeitungen über den Mann, der nun vor dem Schwurgericht steht. Sie nennen ihn: "Samurai-Mörder". Denn noch am Abend nach der Tat zerstückelte Marco Z. die jungen Frauen mit einem Samurai-Schwert - Geschenk seines Vaters Branko. Marco Z. packte die Teile in insgesamt zwölf Müllsäcke und verteilte sie mit seinem Vater im Umfeld der Autobahn A 8 zwischen München und Salzburg.

Fotos der Toten am Revers

Was die Menschen in München und ganz Bayern über den Doppelmord hinaus entsetzt, nennt die Justiz lapidar das "Nachtatverhalten". So spektakulär und erschreckend es auch erscheint - "es ist eigentlich nicht strafbar", sagt Peter Guttmann, 53, der Anwalt von Marco Z. Und tatsächlich spielt es in dem Verfahren gegen den Angeklagten kaum eine Rolle.

Justizgebäude München, Saal 101 A. Auf dem Terminzettel draußen vor der Tür stehen unter dem Namen des Beklagten nur vier Buchstaben: "MORD". Marco Z. kauert links auf der Anklagebank, als versuche er, in sich selbst zu verkriechen. Starr blickt er auf die Wand gegenüber, wo ein Kreuz hängt, vorbei an den Angehörigen seiner Opfer, die Fotos der Toten am Revers ihrer Jacken tragen. Es ist sehr still in dem großen, fensterlosen Saal. Gespannt hören Gericht und Öffentlichkeit zu, wie Norbert Nedopil, 59, Professor für forensische Psychiatrie, den Menschen Marco Z. beschreibt.

Vier Menschen in einem Körper

Eigentlich spricht der Gutachter über vier verschiedene Menschen - jeder von ihnen Marco Z. Da ist einmal der höfliche, beliebte junge Mann, der ganz gut verdient, "angepasst" ist, einen festen Arbeitsplatz hat und Glück bei den Frauen.

Daneben gebe es die Variante eines Marcos, der bereits acht Vorstrafen hat, darunter Drogenhandel und Körperverletzung - und nun, neben der Mordklage, eine wegen Veruntreuung. Ein Mann, der "Frauen tritt und schlimmeres", der extrem eifersüchtig ist und es nicht verkraftet, verlassen zu werden. Der sich an Freundinnen, die sich von ihm trennten, rächt, sie bedrängt, ihre Autos zerkratzt. Ein "Stalker".

Als dritte Facette nennt der Gutachter einen Mann mit ausgeprägtem "hedonistischen Zug", der eine "unmittelbare Bedarfsbefriedigung" verlangt, möglichst ohne Gegenleistung.

Und schließlich gibt es noch den "Gegenüber-meinem-Vater-bin-ich-ein-kleines-Würstchen"-Marco, wie Norbert Nedopil es formuliert. "Ein unseliges Verhältnis" zwischen Vater und Sohn sei das gewesen, geprägt von Prügeln, Angst, Verhätschelung und gegenseitiger Abhängigkeit.

Tödliche Kettenreaktion

Im Juni 2005 muss es zu einer tödlichen Kettenreaktion in diesem Bündel an Persönlichkeiten gekommen sein. Kristine M. und Marco Z. waren seit einem knappen Jahr ein Paar. Für ihn hatte Kristine ihren früheren Freund Ali I. verlassen, Marco sei "reich", erzählte sie einer Freundin.

"Reich" war Marco, weil er im Jahr 2003 eine Tarnfirma gegründet hatte und über diese fingierte Rechnungen an seinen Arbeitgeber schickte. Marco Z. arbeitete in einem Putzbrunner Zulieferunternehmen für die Autoindustrie. Der gebürtige Kroate war beliebt bei den Kollegen; "Kuraz" nannten sie ihn, "Zipfel" auf Serbokroatisch.

Als Einkäufer und Sachbearbeiter verdiente er rund 1200 Euro netto. Die Begleichung der fiktiven Rechnungen genehmigte er dann eigenhändig und überwies sie auf sein Konto. Aus seinem Job kannte er alle Sicherungen - und wie man sie umgeht.

Unkontrollierte Gewalt und romantische Sonnenuntergänge

Als Marco Kristine M. kennen lernte, wollte er sein betrügerisches Unternehmen gerade schließen, es war ihm "zu heiß" geworden. Angeblich hatte dann aber Kristine M. die Idee, auf ihren Namen eine Firma anzumelden. Das sei unverdächtig und "mich kennt niemand in deinem Betrieb". 131.767,41 Euro hat das Paar bis Juni 2005 "ertrogen", genug für einen gebrauchten Mercedes 420 CL für 38.500 Euro, den Marco für 25.000 Euro umbauen ließ, teure Kleidung, Reisen.

Trotzdem wollte Kristine, die eine Kosmetikschule besuchte, sich von Marco trennen und zu Ali zurück. Sie wohnte zwar noch bei Marco, war mit ihm gerade im Urlaub in Dubai, schlief bei ihm und mit ihm. Aber eine gemeinsame Zukunft - nein. Zu oft hatte sie erlebt, was auch andere Frauen vor ihr mit Marco erlebt haben. Jähe, unkontrollierte Gewalt, extreme Eifersucht, Kontrollzwang. Da genügte es, dass das Handy der Freundin klingelte, und Marco schlug zu. Irgendwann war es auch kein Trost mehr, dass er hinterher besonders lieb sein und mit der soeben Geprügelten ganz romantisch Sonnenuntergänge betrachten konnte.

Gewalt gegen Frauen als legitimes Druckmittel

Gewalt gegen Frauen als legitimes Druckmittel des Mannes, das hatte Marco früh von seinem Vater gelernt. Branko Z., heute 54, bearbeitete zuletzt in einem Garagenkomplex Schrauben für jene Firma, bei der auch Marco beschäftigt war. Der Vater habe "den Jungen schon im Schulalter dazu angehalten", seine Mutter "mit Füßen zu treten, auf sie einzuschlagen, wenn er Streit mit ihr hatte", steht über Branko Z. in den Akten. Marcos Mutter, die mehrmals in Frauenhäuser geflüchtet war, bestätigte das vor dem Richter.

Als ihr Sohn, damals elf, sie einmal gemeinsam mit ihrem Mann schlug, ging sie für immer. Eine Tochter aus einer früheren Beziehung nahm sie mit, Marco blieb bei Branko Z. Erst Jahre später nahm die Mutter wieder Kontakt zu ihrem Sohn auf. Aber jetzt weiß Marco Z., das vertraute er in einem Brief aus der U-Haft der Schwester an, nicht mehr, "was ich zu Mama sagen soll". Die zwölf Jahre ihrer Abwesenheit könne er nie "einfach so vergessen. Ich werde das nie schaffen".

Dass sie sich trennen wolle, hatte Kristine Marco im Dubai-Urlaub gesagt. Er reagierte scheinbar gefasst, man besprach die Modalitäten. Das "ertrogene" Geld wollte man teilen, die Kosten für die Kosmetikschule sollte Marco übernehmen. Eine einvernehmliche Trennung - zu Kristines Bedingungen. Ali Z., den sie in ihre Geschäfte eingeweiht hatte, drohte vorsichtshalber, Marco anzuzeigen, falls der nicht zustimme.

"Der Fehler meines Lebens"

Doch Marco war mit der Trennung ganz und gar nicht einverstanden. Vielmehr war er, wie der psychiatrische Gutachter später dem Gericht erklärte, vom Gefühl zerfressen: "Jemanden wie mich, den kann man doch nicht verlassen". Er hatte auch einen Plan, ihr das zu demonstrieren. Er bat Gloria E., eine Ex-Freundin, Kristine eine SMS zu schicken. Ob Kristine nicht wisse, dass sie, Gloria, und Marco seit langem wieder ein Paar wären und sogar ein gemeinsames Kind hätten?

Marcos Anwalt Peter Guttman hält die "vergiftete" Botschaft für den eigentlichen Auslöser der Katastrophe. Warum Gloria E., die in ihrer Zeit mit Marco selbst Gewalt erlebt hatte, die SMS abgeschickt hat, kann sie vor Gericht nicht sagen. Aber es sei "der Fehler meines Lebens" gewesen.

Für Kristine M., die als Kind viel herumgeschoben wurde, zeitweise in einem Heim lebte, bedeutete die SMS den Einbruch einer Welt, die aus ihrer Sicht allein ihr gehört hatte - die Zeit mit Marco. Unabhängig davon, dass sie sich von Marco trennen wollte, fühlte sie sich rückwirkend betrogen. Noch in der Nacht rief sie Gloria E. an, beschimpfte sie. Sie fühlte sich verraten, verkauft, gedemütigt.

Tuschelnd auf dem Sofa

Gegen halb vier Uhr am Morgen des 22. Juni 2005, es war ihr 20. Geburtstag, rief Kristine M. von Alis Wohnung aus ihre Freundin Bilge C. an. Bilge möge bitte kommen, es gäbe Probleme mit Marco. Eine Stunde später war Bilge, eine fröhliche junge Frau und Kristines Klassenkameradin an der Kosmetikschule, bei ihr. Die beiden verbrachten den Rest der Nacht tuschelnd auf dem Sofa. Kristine wollte Bilge "zur Sicherheit" am nächsten Morgen beim Trennungsgespräch mit Marco um sich haben. Der Wunsch wurde auch für Bilge zum Todesurteil.

Gegen zehn Uhr trafen sich die drei bei Marcos Fahrschule. Unmittelbar davor hatte er die theoretische Prüfung bestanden, in ein, zwei Stunden sollte die Praxis folgen. Vor der Polizei beklagte Marco Z. später, dass Kristine ihm vor all den Leuten eine heftige Szene gemacht habe, peinlich sei das gewesen. Schließlich fuhr man in seine Wohnung, Kristine wollte ihre Sachen ausräumen.

Gloria E. hörte alles

In Marcos Apartment im 6. Stock eines Wohnblocks mit 120 Parteien kam es erneut zum Streit über Gloria E. Per Handy rief Kristine sie an, um sich Marcos Untreue bestätigen zu lassen. Nach dessen Darstellung, und es gibt nur seine Darstellung, haben irgendwann Kristine und Bilge mit Schimpfworten auf ihn eingeschrieen, immer lauter, immer schriller. Da schlug er mit einer Punicaflasche zu. Sie zerbarst auf Kristines Kopf, die sackte zusammen, das Handy fiel zu Boden - immer noch mit Gloria in der Leitung. Den Rest der Flasche hieb Marco Bilge über den Kopf. Er nahm er ein Messer und stach auf Kristine ein. Einer der Stiche traf ihr Herz.

Auch Bilge C. hatte eine tiefe Verletzung an der Schulter. Dennoch gelang es ihr, sich aufzurichten und in den Hausflur zu flüchten. Nach etwa 30 Meter hatte Marco sie eingeholt und zurück in sein Apartment gezerrt. Keine Tür öffnete sich, kein Nachbar schien etwas zu bemerken. In der Wohnung stach Marco Z. weiter auf Bilge ein, bis auch sie kein Lebenszeichen mehr zeigte.

Kristines Handy, mitten in einer großen Blutlache liegend, war immer noch eingeschaltet, 639 Sekunden lang. Und Gloria E. hatte alles gehört: "Schmerzensschreie von Kristine, so wie ich geschrieen habe, wenn er mich geschlagen hat. Den Schrei eines anderen Mädchens. Hallende Schritte, wie in einem Treppenhaus". Danach war es still und die Verbindung wurde unterbrochen. Die Polizei zu rufen, kam Gloria E. nicht in den Sinn.

Müllsäcke, Klebeband und ein Spaten

Was nun folgte, zeigt das Bild eines Mannes, der in der Lage ist, zwei Menschen zu töten - und diesen Akt innerhalb von Minuten so von sich abzuspalten, dass seine Handlungen kühl überlegt bleiben. Denn kurz darauf klingelte bei Marco Z. das Telefon. Die Fahrschule. Der Prüfer warte. Marco versprach, gleich zu kommen.

Doch bevor er die Wohnung verließ, machte er noch einen Kontrollanruf bei Gloria E.: Er hätte Kristine "eine geschmiert", ob sie etwas gehört habe. "Nein", sagte Gloria. Dabei blieb sie auch, als Marco sie am folgenden Tag abholte, mit ihr auf dem Motorrad über einsame Feldwege fuhr, immer wieder stoppte, immer wieder wissen wollte: "Was hast du mitbekommen?". Ihr "Nichts", glaubt die Staatsanwaltschaft heute, hat ihr womöglich das Leben gerettet.

Marco Z. bestand die Fahrprüfung. Danach besorgte er sich Müllsäcke, Klebeband, einen Spaten und einen Fahrradanhänger. Er band seinen Opfern Arme und Beine zusammen, packte sie in die Müllsäcke, lud sie nacheinander auf den Radanhänger. Mit dem Lift fuhr er in die Tiefgarage und wuchtete die Säcke auf die Rückbank seines Mercedes.

Perfekter Verdrängungsmechanismus

"Auch der emotional Kalte", sagte der Psychiater, "geht nicht über so eine Situation hinweg". Bei Marco Z. gelte dieser Erfahrung nicht. Sein Verdrängungsmechanismus funktioniere perfekt. Dieser Mann "ist ein gefühlsmäßiger Analphabet".

Mag ja sein. Mag aber auch sein, dass Marco Z. bei seiner Befragung durch den Psychiater nur den coolsten seiner vier Typen ausgespielt hat. Der Schwester gegenüber zeigt sich ein anderer. Ihr schreibt er, wie "unwahrscheinlich schwer" es ihm falle, über seine Gefühle zu sprechen.

Damals, als die Mutter fortging und seinen weinenden Vater "so kalt" allein ließ, habe er sich geschworen, "ihm nie mit Gefühlssachen" zu kommen. Seit damals, seit er zwölf Jahre alt war, habe er überhaupt alle Gefühle "immer versteckt und nie wirklich gezeigt."

"Bitte, Papi, hilf mir"

Als Marco Z. an diesem Nachmittag seinen Vater anrief und ihm erzählte, was er getan hatte, sagte er wörtlich: "Bitte, Papi, hilf mir". Brasko Z. kam sofort. Strich mit dem Sohn Wände und Türen neu, fuhr mit ihm und den Leichen in seine kleine Werkstatt in Putzbrunn.

Von Brasko Z., der vor Gericht die Aussage verweigert, sei auch der Vorschlag gekommen, die beiden toten Frauen zu zerstückeln. "Da musst du durch", habe er gesagt und seinem Sohn zusätzlich zum Samurai-Schwert einen Hammer gereicht. Die Säcke luden sie später ins Auto und fuhren los. Der Vater saß am Steuer, der Sohn verteilte die Müllbeutel.

Zwei Tage später entdeckte eine Frau bei Ruhpolding eine kleine Mülltüte mit einer menschlichen Hand am Straßenrand. Die Polizei forderte Leichensuchhunde an, Hundertschaften der Polizei wurden alarmiert. In langen Ketten durchstreiften die Beamten tagelang das Gelände, fanden einen Rumpf, einen Kopf, eine weitere Hand. Alles wurde bis heute nicht gefunden, obwohl die Staatsanwaltschaft sogar die Müllverbrennung in München zeitweise stoppen ließ.

Marco und Branko Z. wurden am 27. Juni kurz nach sieben Uhr morgens von einer Polizeistreife auf einem Autobahnparkplatz bei Rosenheim verhaftet. Die Staatsanwaltschaft wirft Marco Z. Mord in zwei Fällen vor. Dem Vater sei aus juristischer Sicht nichts vorzuwerfen. Es ist nach deutschem Recht nicht verboten, einem nahen Verwandten bei der Vertuschung einer Straftat zu helfen. Das Landratsamt Ebersberg hat Branko Z. dennoch einen Bußgeldbescheid über 225,60 Euro geschickt. Wegen Verstoßes gegen das "Bestattungsgesetz".

Am Dienstag verurteilte das Schwurgericht München Marco Z. zu lebenslanger Haft. Sein Anwalt will Revision einlegen.