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Grausame Haftbedingungen: Dutzende Häftlinge in Venezuela vergiften sich selbst

Um gegen die Haftbedingungen zu protestieren, haben venezolanische Gefangene sich angeblich vergiftet. Beobachter bestreiten diese Darstellung. Die Insassen wären an verunreinigtem Wasser gestorben.

Verwandte der Häftlinge im David Viloria Gefängnis lesen gemeinsam die Lokalnachrichten, während sie warten

Verwandte der Häftlinge im David Viloria Gefängnis lesen gemeinsam die Lokalnachrichten, während sie warten

Aus Protest gegen ihre Haftbedingungen haben in Venezuela nach Regierungsangaben dutzende hungerstreikende Häftlinge einen Giftcocktail getrunken. Mindestens 13 Gefangene seien an der Mischung aus Medikamenten und Alkohol gestorben, erklärte die Regierung. 145 weitere würden wegen Vergiftungen behandelt. Die Aktivistengruppe Venezolanische Beobachtungsstelle für die Gefängnisse (OVP) erklärte dagegen, es seien bis zu 25 Häftlinge gestorben, nachdem sie verseuchtes Wasser getrunken hätten.

Nach Angaben des für den Strafvollzug zuständigen Ministeriums waren die Häftlinge im David-Viloria-Gefängnis im Bundesstaat Lara aus Protest gegen ihre Behandlung in einen Hungerstreik getreten. Am Tag darauf seien sie dann gewaltsam in die Krankenstation eingedrungen und hätten sich mit Medikamenten vergiftet. Laut dem Ministerium schluckten sie unter anderem Antibiotika, Tabletten gegen Epilepsie und Bluthochdruck sowie reinen Alkohol.

OVP widerspricht der Darstellung

Die Menschenrechtsgruppe OVP widersprach der Darstellung der Regierung. Sie erklärte, sie habe im Leichenschauhaus etwa 25 Leichen gezählt. Familienmitglieder hätten berichtet, die Gefangenen seien erkrankt, nachdem sie Wasser getrunken hätten, das ihnen die Wärter gebracht hatten. "Gefangene sind nicht so dumm, Medikamente zu nehmen, ohne das Etikett zu lesen", sagte OVP-Direktor Humberto Prado. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein.

Ein Angehöriger eines Insassen sagte, die Gefangenen seien regelmäßig geschlagen worden, hätten vergammeltes Essen bekommen, nur einmal im Monat Besuch empfangen dürfen und seien gezwungen worden, in überfüllten Zellen zu leben, wo Krätze und andere Krankheiten grassierten. Nach dem Vorfall in der Krankenstation sei der Rest der Häftlinge nackt im Hof aufgereiht worden. In der Strafanstalt waren 3700 Gefangene untergebracht - vier Mal so viele wie vorgesehen.

Verheerende Bedingungen

Die Bedingungen in venezolanischen Gefängnissen gelten als verheerend. Die Haftanstalten sind oft überbelegt, veraltet und verschmutzt. Gewalt ist an der Tagesordnung. Nach Angaben der OVP waren Ende Juni mehr als 55.000 Häftlinge in den Gefängnissen des Landes untergebracht, die eigentlich nur für 19.000 Häftlinge ausgelegt sind. Zwei Drittel von ihnen warten noch auf ihren Prozess. In der ersten Hälfte des Jahres wurden demnach in den Gefängnissen 150 Insassen getötet, 2013 waren es 506 Tote.

Ebenfalls am Mittwoch waren dutzende Schwerverbrecher aus einem Gefängnis nahe der Hauptstadt Caracas ausgebrochen, darunter auch mehrere Mörder. Die Lokalzeitung "La Región" berichtete, die Häftlinge seien durch eine Hintertür entkommen, als sie in ein anderes Gefängnis verlegt werden sollten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft flüchteten insgesamt 41 Gefangene. Das Gefängnis in Los Teques war für 40 Häftlinge ausgelegt, tatsächlich saßen dort 130 Menschen ein.

yps/AFP / AFP