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stern-Gespräch

Gladbecker Geiseldrama: Mutter von Silke Bischoff: "Meine Tochter hätte überleben können"

Ihre Tochter starb beim Gladbecker Geiseldrama 1988: Im stern spricht die Mutter von Silke Bischoff über die Mörder ihres Kindes und das Versagen der Polizei.

Mutter des Gladbecker Geiselopfers im stern-Interview

Silke Bischoff, gespielt von der Schauspielerin Zsá Zsá Inci Bürkle (l.) im Film "Gladbeck" (ARD, 7. und 8 März, jeweils um 20.15 Uhr). Rechts: Karin R., Mutter der ermordeten Silke Bischoff. Die Bremerin wohnt immer noch in der Nähe des Orts, an dem ihre Tochter entführt wurde

Berlin, die Produktionsfirma Ziegler Film. Karin R., 71, hat den Spielfilm gesehen, bevor er im Fernsehen läuft. "Gladbeck" zeigt das Schicksal ihrer 18-jährigen Tochter Silke Bischoff, die 1988 bei der Geiselnahme erschossen wurde. Bilder, wie sie bedrückender für eine Mutter kaum sein können.

Hatten Sie Angst, sich diesen Film anzusehen?

Mir war etwas mulmig, aber Angst hatte ich nicht. Der Film hat mich auch nicht heruntergedrückt oder deprimiert. Ich bin gut damit klargekommen. Es war ja alles so, wie ich es in Erinnerung hatte.

Gilt das auch für Ihre Tochter?

Die war so etwas von echt. Ich dachte: Da ist meine Silke wieder. Mein Kind.

War das nicht schmerzhaft?

Es gab natürlich Momente, die mich sehr berührt haben. Wie das kleine achtjährige italienische Mädchen ihren erschossenen Bruder im Arm hält. Da habe ich sehr geschluckt. Und natürlich die Szenen, in denen der Degowski meiner Tochter die Pistole an den Hals presst.

Dieses Bild wurde zum Symbolfoto des Geiseldramas.

Die Journalisten haben das mitinszeniert. Die haben ja Interviews mit den Verbrechern gemacht. Die haben dem Degowski gesagt: Mach mal so. Halt die Pistole so. Ist gut für die Bilder. Das muss schlimm gewesen sein für meine Tochter. Doch Silke war tapfer. Sehr tapfer. Ich hätte das nicht geschafft. Anfangs hatte ich Albträume wegen dieses Bilds. Heute kann ich damit umgehen. Der Schmerz bleibt, aber ich schaue nicht mehr weg.

Am Dienstag, dem 16. August 1988, überfielen Degowski und Rösner die Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Es folgte eine 54-stündige Flucht, bei der die Täter immer wieder Geiseln nahmen. Wann hörten Sie davon?

Erst am Donnerstagmorgen. Ich wusch gerade mein Auto, da kam die Nachricht im Autoradio: Zwei Verbrecher haben in Bremen am Vorabend einen Linienbus mit 30 Fahrgästen entführt.

Zu den Geiseln gehörte Ihre Tochter, die mit ihrer Bekannten Ines Voitle im Bus saß.

Das wusste ich da noch nicht. Sonst wäre ich gleich hingelaufen und hätte versucht, meinem Kind zu helfen. Doch wir vermissten Silke ja gar nicht. Sie war 18 und hatte einen festen Freund. Wir dachten, sie würde bei ihm übernachten.

Wann erfuhren Sie, dass Ihre Tochter betroffen war?

Mein Vater rief mich Donnerstagvormittag an. Er hatte ein Bild von Silke im "Weser-Kurier" gesehen. Darauf war sie im Bus mit einigen der anderen Geiseln zu sehen. Mein Vater sagte: Die haben Silke entführt.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe sofort bei der Polizei angerufen, aber die sagten nur: Das kann ja jeder behaupten, dass er die Mutter von Silke Bischoff ist.

Man glaubte Ihnen nicht?

Die haben mich abgewiesen. Mein Vater bekam schließlich eine Auskunft. Ein Polizist versprach ihm: Herr Bischoff, wir sorgen dafür, dass Ihrer Enkelin nichts passiert.

Drei Menschen auf der Rückbank eines Autos: In der Mitte sitzt Dieter Degowski und hält Silke Bischoff eine Waffe an den Kopf

Die Täter stiegen in ein anderes Auto um. Als Geiseln nahmen sie Silke und Ines Voitle mit. Am 18. August kam es auf der A 3 zu einer Schießerei zwischen der Polizei und den Entführern. Auf das Auto, in dem Ihre Tochter saß, wurden 62 Kugeln abgefeuert. Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?

Eine Freundin hatte mich zu meinen Eltern gefahren. Da war ich schon der Ohnmacht nahe. Wir warteten verzweifelt auf eine Nachricht. Dann rief jemand von der Polizei an und fragte, welche Kleidung Silke tragen würde. Es habe einen Zugriff gegeben. Von den Geiseln sei eine leicht, eine schwer verletzt. Die Schwerverletzte trage eine Jeans. Da schöpften wir Hoffnung, denn Silke hatte einen Rock getragen. Wir wussten nicht, dass Rösners Freundin Marion Löblich, die sich mit auf der Flucht befand, Silke eine Jeans gegeben hatte, weil sie so gefroren hatte.

Ihre Tochter starb während der missglückten Rettungsaktion durch einen Schuss von Rösner. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich sah aus dem Fenster einen Mann auf unser Haus zukommen. Ganz in Schwarz gekleidet, eine Aktentasche unterm Arm. Da habe ich gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es war ein Seelsorger der Polizei. Er hat uns Silkes Tod mitgeteilt. Der Boden ging weg. Ich sah alles nur noch verschwommen. Ein Notarzt kam und gab mir Beruhigungstabletten.

Wie wurde Ihnen danach geholfen?

Man riet mir, eine Therapie oder eine Kur zu machen, aber das wollte ich alles nicht. Das hätte keinen Zweck gehabt. Eher hätte ich eine Pistole gebraucht. Ich musste mich aber schnell wieder aufrichten, um meinen Eltern beizustehen. Mein Vater hat Silke so geliebt. Meine Eltern brauchten mich.

Der Prozess gegen Rösner und Degowski in Essen endete 1991 nach 109 Verhandlungstagen. Waren Sie dort?

Ja, aber nur zur Prozesseröffnung. Den ganzen Trubel, die Presse, das konnte ich nicht ertragen. Ich war nur einmal dort.

Aber Sie wollten den Tätern gegenübertreten?

Ich wollte ihnen in die Augen gucken. Sehen, ob sie was fühlen. Wie die reagieren, wenn sie mich sehen. Die saßen in so einer Sicherheitsglaskabine. Ich habe nur ein Grienen in ihren Gesichtern wahrgenommen. Ich habe ihren Blick gesucht, aber die haben gar nicht zu mir herübergeschaut.

Haben Sie das Urteil als gerecht empfunden?

Lebenslänglich, bei Rösner mit Sicherungsverwahrung. Ja, das Urteil war korrekt.

Degowski und Rösner waren vielfach vorbestraft, zwei Kleinkriminelle, die immer stärker abdrifteten. Degowski wurde verminderte Intelligenz attestiert. Ändert der Hintergrund der Täter Ihre Sicht auf deren Schuld?

Das waren kleingeistige Menschen aus schlechten Elternhäusern. Aber das ist keine Entschuldigung für schlechte Taten. Auch wer es nicht so gut hat in seiner Kindheit, der kann danach streben, es besser zu machen als seine Eltern. Für mich waren das Bestien.

Degowski und Rösner sagten, sie würden Ihre Tat bereuen.

Lächerlich! Wenn man Menschen umbringt, kann man hinterher immer sagen, dass man es bereut. Das zählt für mich nicht. Entschuldigt wird nichts. Kein Stück.

Rösner soll sich ein Bild Ihrer Tochter in seine Zelle gehängt haben.

Wie bitte? Warum tut er das?

Vielleicht ist es seine Art, mit seinem Verbrechen umzugehen. Das Bild als Buße.

Das ist nicht hinnehmbar.

Während Rösner in Haft bleibt, darf Degowski seinen Lebensabend in Freiheit verbringen. Von ihm gehe keine Gefahr mehr aus, sagen Gutachter. Wie geht es Ihnen damit, dass er freigelassen wurde?

Das interessiert mich nicht, warum soll ich mich ärgern. Wenn Gutachten das feststellen, nehme ich das so hin.

Es gibt ein Foto, das Degowski beim Freigang auf einer Parkbank zeigt.

Das kenne ich nicht. Ich will nicht wissen, wie er heute aussieht. Ich habe mit Wut und Rachegelüsten abgeschlossen.

Aber ein Ende der Schuld gibt es nicht für Sie?

Die haben doch Pistolen in die Hand genommen, um Menschen zu töten. Nein, für diese Schuld gibt es kein Ende.

Untersuchungsausschüsse beschäftigten sich mit dem Vorgehen der Polizei im Gladbecker Geiseldrama. Trägt der Staat eine Mitverantwortung am Tod Ihrer Tochter?

Ja, Silke hätte überleben können. Die haben ja Krieg gespielt. Mein Vater ist daran zerbrochen. Er war selbst einmal Polizist. Er wollte ein Eingeständnis der verantwortlichen Politiker und der Polizeiführung, dass grobe Fehler gemacht wurden. Er schrieb unzählige Briefe. An Herbert Schnoor. An Johannes Rau. An Franz Josef Strauß. Doch es hieß immer nur, alles sei korrekt abgelaufen. Mein Vater starb zwei Jahre später. Als er auf der Intensivstation lag, nicht mehr sprechen konnte, da kritzelte er noch den Namen "Schnoor" auf ein Blatt Papier.

Herbert Schnoor war damals Innenminister von Nordrhein-Westfalen.

Er ist ein absoluter Versager. Schreiben Sie das bitte genau so! Das ist mir wichtig. Schnoor hat sich nicht richtig um die Geiselnahme gekümmert. Die Polizei hat ja nur zugeguckt, als die Gangster aus der Bank raus sind und aus Gladbeck weggefahren sind. Und später wurde auf der Autobahn ohne Rücksicht auf das Leben der Geiseln zugeschlagen. Dabei stand kurz hinter der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz eine Sondereinheit der GSG 9 bereit. Aber Schnoor war es wichtiger, die Geiselnahme in seinem Bundesland zu beenden. Man hätte das unblutig zu Ende bringen können.

Der SEK-Einsatzleiter bestätigte später, dass es mehrere Möglichkeiten gegeben habe, die Geiselnahme durch Scharfschützen ohne Gefährdung der Geiseln zu beenden.

Ich bin mir sicher, dass auch meine Tochter dachte, sie würde überleben. Sie war so gefasst. Journalisten haben sie ja interviewt. Silke hat immer wieder gesagt: Keine Polizei! Und der Rösner hat gedroht: Wenn doch, dann stirbt die Silke. Das mussten die doch beherzigen!

Wo sind Sie hin mit Ihrer Wut?

Eine Zeit lang habe ich damit den damaligen Einsatzleiter in Bremen traktiert. Den habe ich immer wieder privat angerufen und beschimpft – um zwei oder drei Uhr morgens. Das war richtig Telefonterror. Aber es hat mir Luft verschafft. Er hat sich das alles angehört, hat nicht aufgelegt.

Wie geht es Ihnen heute?

Die ersten Jahre nach Silkes Tod habe ich nur Schwarz getragen. Ich musste mich wieder finden, aber langsam bin ich aus dem Loch herausgekrabbelt. So konnte es ja nicht weitergehen. Ich bin stolz darauf, wie ich das hinbekommen habe und das Leben wieder schätzen kann. Mir hat auch das Malen geholfen. Immer nachts habe ich mich hingesetzt. Ich habe ein Porträt von Silke gezeichnet, nach einer Fotovorlage.

Karin R. holt ihr Smartphone aus der Tasche. Sie zeigt ein Porträtbild ihrer Tochter, darauf trägt Silke Bischoff die Haare dunkel. Erst am Tag vor der Geiselnahme hatte sie sich die Haare hellblond färben lassen.

Wissen Sie, für mich ist sie nicht weg. Sie ist immer bei mir. Und wenn ich an ihrem Grab bin, spreche ich mit ihr. Beim Abschied sage ich: Tschüss, Silke, bis bald. Und wenn ich manchmal noch am Grab weine, dann nicht aus Trauer, sondern aus Dankbarkeit dafür, dass das Bild meiner Tochter für mich lebendig ist. Es sind Freudentränen.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(