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Gladbecker Geiseldrama: "Wir waren im Rausch"

Es war einer der umstrittensten Momente der deutschen Pressegeschichte: Der Journalist Udo Röbel steigt am 18. August 1988 in Köln zu den Geiselnehmern von Gladbeck ins Auto. 20 Jahre später erinnert er sich im stern.de-Interview an diesen Tag. Röbel erzählt, warum er eingestiegen ist und sich der Fall Gladbeck wiederholen könnte.

Herr Röbel, das dreitägige Geiseldrama von Gladbeck jährt sich zum 20. Mal. Sie als Reporter sind damals in Köln zu den Gangstern ins Auto gestiegen. Was denken Sie heute, wenn Sie Gladbeck hören?

Es kommt alter Schmerz hoch. Es ist eine Last, die ich eigentlich innerlich weggelegt habe. Ich denke nur daran, wenn ich - wie jetzt zum Jahrestag - darauf angesprochen und erinnert werde.

Wie wurden Sie damals vom Journalisten zum Akteur?

Am ersten Tag wusste ich, dass in Gladbeck in einer Bank Geiseln genommen wurden. Mit diesem Wissensstand bin ich nachmittags aus der Redaktion gegangen. Was abends und am nächsten Tag passiert ist, habe ich nicht mitbekommen, denn ich hatte frei und war froh, mal einen Tag nichts von der Welt zu hören. Am Donnerstag, dem dritten Tag der Geiselnahme, habe ich morgens früh Tennis gespielt. Erst dann habe ich in der Cafeteria des Tenniscenters im TV gesehen, was mittlerweile alles passiert war. Und mein erster Gedanke war: Heute müssen wir uns um eine Schlagzeile keine Sorgen zu machen. Ich bin um halb zehn in die Redaktion gefahren. Der Redaktionsbote sagte mir dann, dass die Geiselnehmer unten direkt vor unserer Tür stehen. Ich bin sofort runter und da parkte das Geisel-Auto tatsächlich mitten in der Fußgängerzone von Köln.

Welches Bild hat sich Ihnen geboten?

Ich war einer der ersten vor Ort. Die Geiselnehmer hatten sich gerade an einer Imbissbude Kaffee geholt. Die ersten Geschäfte machten auf, die wenigen Passanten haben aber noch nicht gemerkt, was sich dort abspielte. Erst nach einigen Minuten traten weitere Kollegen und Fotografen ans Auto.

Wie war der erste Kontakt mit den Entführern, was haben Sie zu ihnen gesagt?

Es war eine völlig ungewohnte Situation. Ich habe mich erstmal vorgestellt und die beiden Männer gefragt, was sie hier machen, was sie jetzt vorhaben. Genauer weiß ich es nicht mehr, denn irgendwann wurden die Gespräche völlig sinnentleert. Ich habe dann auch nicht ständig neue Fragen gestellt, sondern vor allem meinen Platz am Auto verteidigt. Aber jeder Kollege, der neu hinzukam, hat dieselben Fragen gestellt. Es war wie in einer Endlosschleife. Uns Journalisten wurde hinterher vorgeworfen, wir seien in diesem Moment zu kumpelhaft mit den Gangstern umgegangen. Diese Kritik ist zwar richtig. Aber wir haben schließlich mit zwei Männern gesprochen, die mit Pistolen und Geiseln in einem Auto sitzen und schon jemanden umgebracht hatten. Mit so jemandem kann man kein moral-ethisches Gespräch über ihr Verhalten führen.

Entschuldigt das das Vorgehen von Ihnen und Ihren Kollegen?

Nein. Natürlich war unser Verhalten schon obszön kumpelhaft und anbiedernd. Aber ich habe auch nach einem Ausweg gesucht. Ich habe die Geiselnehmer gefragt, was man denn tun könnte, um diese Situation irgendwie zu entschärfen. Ich habe sie gefragt, ob sie für die beiden Mädchen eine Austauschgeisel akzeptieren würden....

....Sie haben einen Bischoff ins Gespräch gebracht...

....was die Geiselnehmer auch akzeptieren wollten. Ich habe meinen Kollegen dann gesagt, dies der Polizei mitzuteilen. Die Rückmeldung der Polizei war: Es werde eine Antwort geben. Doch die kam leider nie.

Sahen Sie noch eine andere Möglichkeit, den beiden Geiseln zu helfen?

Ich erinnere mich daran, wie die Pistole auf dem Schoß von Rösner lag, als ich keine 30 Zentimeter vor ihm in der Autotür kniete. Ich habe mir mehrmals überlegt, was passieren würde, wenn ich mir jetzt diese Pistole einfach schnappen würde. Aber hinten saß ja noch Degowski und hielt Silke Bischoff die Pistole an den Kopf.

Sie waren sich der Gefahr also bewusst. Trotzdem standen Sie mitten in Kölns Innenstadt neben diesen gefährlichen Gangstern. Hat da die Gier nach der Story über die Angst gesiegt?

Die ganze Situation hatte rauschhafte Züge. Das war plötzlich die größte Story deines Lebens. Zudem war mir relativ schnell klar, dass wir Journalisten nicht bedroht sind, da die beiden Geiselnehmer offensichtlich genau die Bühne suchten, die wir ihnen boten. Angst war also nie da. Im Nachhinein muss ich sagen: Welch große Selbstüberschätzung! Denn wie schnell die Situation eskalieren konnte, hat man dann ja gesehen. (Anm der Red.: Bei der Geiselnahme wurden zwei Menschen erschossen.)

Doch in Köln lief alles friedlich ab, Verbrecher, Journalisten und Passanten plaudern in der Fußgängerzone. Was für eine Stimmung herrschte dort?

Es war vollkommen bizzar. Da saßen zwei Mädchen mit einem Gangster auf dem Rücksitz, Silke Bischoff hatte eine Pistole unter dem Kinn. Vorne saß der andere Gangster, spielte mit seiner Pistole, trank gemütlich einen Kaffee und genoss die Show. Es war für sie die große Bühne, das große Spektakel.

Hätten Sie und Ihre Kollegen dieses Spektakel nicht beenden müssen und die Polizei ihre Arbeit machen lassen?

Wie gesagt, wir waren alle nur noch im Rausch. Es hat keiner mehr nachgedacht. Aber die Situation in Köln war auch die logische Konsequenz dessen, was vorher passiert ist. In den Tagen davor hat das ZDF ein Live-Interview mit Rösner gesendet, bei dem sich der Gangster vor laufender Kamera die Pistole in den Mund schob. Bei dem Stopp des Geisel-Busses in Grundbergsee haben Journalisten die Leiche des 14-jährigen Emanuele di Giorgi weggebracht. Warum sollten sich die Journalisten in Köln anders verhalten? Aber eins ist klar: Das ist keine Entschuldigung für unser Tun.

Es wurde aber damals kein einziges Mal unter den Journalisten darüber gesprochen, den Tatort zu verlassen?

Nein. Aber es war auch keine Polizei da, die uns zurückgedrängt hätte. Es war polizeifreier Raum.

Ein Ort ohne Recht und Moral?

Jeder Journalist hat versucht, sich ans Auto zu drängen oder seinen Platz zu verteidigen. Es kamen immer mehr Schaulustige hinzu und haben sich um das Auto gedrängt. Irgendwann wurde es Rösner zu bedrohlich. Er ist aus dem Auto gestiegen und hat die Pistole in die Menge gehalten. Als die Leute zurückwichen, sah er, dass wohl die Polizei inzwischen die Poller in der Fußgängerzone hochgezogen hatte, wohl um die Geiselnehmer an der Weiterfahrt zu hindern. In diesem Moment ist die Situation gekippt.

Inwiefern?

Rösner herrschte mich plötzlich an: Sorg dafür, dass die Poller wieder runterkommen! Was ich dann auch den Umstehenden zugerufen habe. Irgendwer hat dann tatsächlich auch den Fluchtweg wieder freigemacht. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war ich endgültig Teil dieses Geschehens. Und erst recht, als Rösner mich dann auch noch fragte, ob ich sie zur nächsten Autobahnauffahrt bringen könnte.

Warum haben Sie dieser Bitte entsprochen und sind ins Auto gestiegen?

Da war natürlich die Geilheit auf die Story. Aber plötzlich hatte ich auch so etwas wie Verantwortung für die Situation: Was passiert, wenn ich jetzt nein sage. Nehmen Sie mich dann auch als Geisel? Geraten Sie in Panik? Was passiert mit den Mädchen? Rösner hatte nämlich gesagt, dass der Degowski gleich durchdreht und ich sie deshalb an die Autobahn bringen müsste.

Was lief in den rund 45 Minuten im Auto ab?

Eigentlich nichts. Im Detail möchte ich mich dazu aber nicht äußern. Denn das ist das, was ich mir noch heute persönlich am meisten vorwerfe, dass ich dann auch noch versucht habe, die letzten Minuten von Silke Bischoff journalistisch auszuschlachten. Ich habe den Artikel, den ich damals über diese Fahrt geschrieben habe, nie wieder gelesen.

Es gab nach dem Ende des Geiseldramas gegen Sie ein Ermittlungsverfahren. Sie wurden zum Sündenbock. Zu Recht?

Sicher. Und Ich bin Profi genug um zu wissen, wie Medien funktionieren. Wir brauchen immer einen Prügelknaben. Meine Fahrt im Geiselauto war spektakulär und zwangsläufig wurde ich für diese Rolle ausgesucht. Das sind die Gesetze der Medien, dass muss man akzeptieren.

Aber damals muss es für Sie doch eine neue und ziemlich unschöne Erfahrung gewesen sein, selber in die Mühlen der Medien zu geraten.

Ja klar, das war ein schmerzhaftes Erlebnis. Ich habe selbst mal mitbekommen, wie es ist, wenn man sich nicht zur Wehr setzen kann. Denn ich musste damals auf juristischen Rat hin schweigen, solange das Ermittlungsverfahren läuft. Und da die Rollen verteilt waren - hier der böse Polizist, hier der böse Journalist - wäre sowieso alles, was ich gesagt hätte, ungehört geblieben.

Wie haben diese Erlebnisse den Menschen und Boulevard-Journalisten Röbel geprägt?

Ich war danach in bestimmten Situationen vielleicht etwas milder und habe entschieden, auch mal auf ein Foto zu verzichten oder eine Person nur mit Augenblende zu zeigen. Aber ich habe sicher nicht bei jeder journalistischen Entscheidung an Gladbeck gedacht.

Sie haben anscheinend aus diesem Fall gelernt. Gilt das für die gesamte Branche oder könnte sich Gladbeck wiederholen?

Nein, es kann nicht mehr passieren. Schon allein deshalb, weil auch die Polizei dazugelernt hat. Sie würde nie mehr Journalisten so nah an agierende Gangster lassen Aber auch die Medien haben ihre Lektion gelernt. Die Botschaft von Gladbeck lautet: Journalisten dürfen Grenzen nicht überschreiten, in dem sie selber zu Akteuren werden.

Und diese Botschaft ist Ihrer Meinung nach überall in Deutschland angekommen?

Ja und nein. Die professionellen Medien haben dazugelernt. Aber unsere Medienwelt hat sich seit damals dramatisch verändert. Heute gibt das Internet jedem die Möglichkeit, selbst Fotos und Berichte zu veröffentlichen. Purer exzessiver Voyeurismus ist heute schon überall im Netz zu sehen. Nur diskutiert man darüber kaum noch. Und wenn es 1997 schon ein Internet wie heute gegeben hätte, wären die Fotos der toten Lady Di garantiert binnen Stunden irgendwo im World Wide Web zu sehen gewesen. Insofern glaube ich schon, dass wir ein neues Gladbeck erleben werden - ein Gladbeck im Internet.

Interview: Malte Arnsperger