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Großbritannien Sie entdeckt verstörende Fotos von sich bei ihrem Vater. Dann tötet sie ihn - und schweigt zwölf Jahre

Die Ermittler am Ort des Verbrechens in Reddish, einem Vorort in der Nähe von Manchester.
Die Ermittler am Ort des Verbrechens in Reddish, einem Vorort in der Nähe von Manchester.
© Peter Byrne / PA Wire / Picture Alliance
Kenneth Coombes soll seine Tochter über Jahre immer wieder vergewaltigt und anstößige Bilder von ihr aufgenommen haben. Mehr als 40 Jahre später tötet die Tochter ihren Vater und lässt seine Leiche verschwinden. Sie schweigt jahrelang. Dann wird der Druck zu groß.

Es ist ein alltäglicher Ort, an dem sich all der Schrecken entlädt, der sich bei Barbara Coombes über Jahre angestaut hat. Die 51-Jährige gärtnert im Januar 2006 auf dem Grundstück ihres Vaters, das sich in Reddish, einem Vorort von Manchester befindet. Anschließend geht sie aus dem Garten zurück ins Esszimmer und entdeckt auf dem Tisch eine Box. Als sie diese öffnet, stockt ihr der Atem: Die Kiste ist voller kinderpornographischer Fotos. Und einige der Bilder zeigen sie als kleines Mädchen.

Während sie durch die Fotos blättert, kommt alles wieder hoch: Wie ihr Vater sie jahrzehntelang missbrauchte, sie unterdrückte und Hunderte Male vergewaltigte. Auf den Bildern in der Box sind noch andere Kinder zu erkennen, und sie ahnt: Sie war nicht das einzige Opfer ihres Vaters. In dem Moment erscheint "eine schwarze Wolke" über ihr, wie sie später sagt. Coombes verliert die Fassung und greift zur Schaufel, mit der sie eben noch den Garten umgegraben hatte.

Im Wohnzimmer trifft sie auf ihren 87-jährigen Vater, Kenneth Coombes, und schlägt ihn auf den Hinterkopf. Anschließend schlägt sie noch einmal zu. Dann nimmt sie die scharfe Seite der Schaufel, schneidet ihm die Kehle durch und schaut zu, wie er verblutet, berichtet "Evening News". Es ist ein Gewaltverbrechen, von dem niemand etwas mitbekommt. Denn Coombes schweigt. Zwölf Jahre lang.

Erst am 7. Januar dieses Jahres geht die mittlerweile 63-jährige Frau in eine Polizeistation in Stockport und gibt zu, ihren Vater getötet zu haben. An diesem Mittwoch wurde sie zu neun Jahren Haft verurteilt.

Ein Mann verschwindet - und keiner fragt nach

Zwei Tage nach dem Geständnis entdecken die Polizeibeamten die Leiche von Kenneth Coombes. Sie wurde direkt im Vorgarten des Hauses vergraben, in dem Barbara Coombes noch mehr als ein Jahrzehnt lang wohnte.

Über die Tat hat sie nie gesprochen, nicht einmal mit ihren engsten Angehörigen. Denen erzählte sie nur, ihr Vater sei plötzlich verstorben und das Krankenhaus habe sich um die Bestattung gekümmert, schreibt die "Washington Post". Sie spinnt ein Netz aus Lügen: Dem Bruder schreibt sie in einem Brief, der Vater sei an einer Herzattacke gestorben. Seine Arzttermine sagt sie ab. Ihrer Tochter nimmt sie die Zweifel, in dem sie behauptet, ihr Großvater hätte das ganze Gewese um eine Beerdigung nicht gewollt. Den Nachbarn, die ihn kaum kannten, kommt es vor, als wäre der alte Mann einfach weggezogen.

Sie erschleicht sind mehr als 200.000 Euro

Um keine schlafenden Hunde zu wecken, verschweigt Coombes den Todesfall gegenüber den Behörden. Und so laufen die Pensionen und Zuschüsse immer weiter. Über die letzten zwölf Jahre erhält sie so mehr als 180.000 Pfund, umgerechnet sind das mehr als 200.000 Euro.

Vielleicht hätte Coombes das Verbrechen auch nie zugegeben, wenn sich das Netz um sie herum nicht immer enger gezogen hätte. Die Hausverwaltung wird misstrauisch, möchte den Weltkriegs-Veteranen sehen. Immer wieder wird sie abgewimmelt. Einmal behauptet Coombes sogar, ihr Vater - der zu diesem Zeitpunkt 99 Jahre alt sein müsste - sei in einem buddhistischen Zentrum in Manchester. Für den 8. Januar wird schließlich ein Termin vereinbart, an dem die Hausverwaltung den Rentner sehen möchte. Einen Tag vorher stellt sich Coombes schließlich der Polizei, berichtet die "BBC".

Entblößt im "Fotografie-Club"

Vor Gericht plädiert ihr Anwalt auf nicht schuldig. Coombes sei das Opfer eines jahrzehntelangen Missbrauchs. Hunderte Male wurde sie dem "Guardian" zufolge von ihrem Vater vergewaltigt. Er könnte sogar der Vater ihres ersten Kindes sein, das kurz nach der Geburt verstarb, sagte ihr Anwalt.

Als sie zwischen sechs und neun Jahre alt war, nahm ihr Vater sie mit zu einem Fotografie-Club. Dort wurde sie gezwungen, sich auszuziehen und ihre Genitalien zu entblößen, während andere Männer ihre Kamera auf sie richteten. Selbst als sie 50 Jahre alt war, berührte ihr Vater sie noch unsittlich an den Brüsten. Mehrfach habe sie in ihrer Jugend versucht, sich das Leben zu nehmen.

Mord oder Totschlag?

Mehr als 40 Jahre mentaler, physischer und sexueller Missbrauch wiegen schwer. Doch das erklärt vielleicht das Verbrechen, rechtfertigt es jedoch nicht, meint zumindest der Richter, Timothy King. Die Tötung von Kenneth Coombes sei keine Selbstverteidigung, wie es die Verteidigung behaupte, erklärte er im Prozess. Hätten die Umstände sie nicht zu dem Geständnis gezwungen, davon ist der Richter überzeugt, hätte die 63-Jährige noch länger geschwiegen. Am Ende verurteilte er sie zwar nicht wegen Mordes, aber wegen Totschlags zu neun Jahren Haft. Die verminderte Zurechnungsfähigkeit wirkte sich strafmildernd aus.

Bis zum Schluss "zeigte Coombes absolut keine Reue und verweigerte jedem die Möglichkeit, Lebewohl zu sagen, während Kenneth in seinem eigenen Garten begraben wurde, nur wenige Meter entfernt von ihrem Schlafzimmer-Fenster", sagte Duncan Thorpe, einer der leitenden Polizeibeamten in einem Statement. "Obwohl sie jahrelang jemandem hätte erzählen können, was passiert ist, kam sie nur aus der Deckung, als sie keine andere Wahl hatte", so Thorpe.

cf

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