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Großbritanniens Hauptstadt nach den Unruhen Es hat sich etwas verändert in London


Nach drei Tagen voller Gewalt ist London nicht mehr so wie es vorher war. stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs hat aufgespürt, wie sich das Lebensgefühl in der Metropole verändert hat.

Ruhig ist es in London im Moment, was nicht heißt, dass es still geworden ist in den vergangenen Tagen. Polizei-Helikopter fliegen weiter über meiner Wohnung in Kentish Town, Nordlondon. Sirenen dudeln, oft zu zweit oder dritt. Lange Reihen von Polizei-Transportern fahren durch das Viertel.

Es haben in meiner Straße keine Autos gebrannt während der Unruhen. Auch Scheiben gingen nicht zu Bruch. Doch an der U-Bahn-Station Chalk Farm ganz in der Nähe wurden ein kleines Taxi-Unternehmen geplündert und ein großer Fahrradladen. In den vergangenen Tagen wurde neue Ware angeliefert. Die Fenster von Evans Cycle sind mit Brettern vernagelt. Doch das Geschäft hat wieder geöffnet.

Und ich frage mich: Wie lange werden die neuen Fahrräder im Laden bleiben? Was, wenn sich wieder eine Gruppe von ein paar Dutzend Gewaltbereiten überlegt, dass sie neue BMX-Räder brauchen? Und was ist, wenn solche Typen mal schauen wollen, was sich hinter den Haustüren verbirgt in den Wohnstraßen verbirgt, hinter meiner zum Beispiel - wie viele Laptops, Flachbildschirme oder Spielkonsolen?

Die Selbstverständlichkeit ist verschwunden

Es hat sich etwas verändert in London. Oder vielleicht auch nur bei mir. Die Selbstverständlichkeit ist verschwunden, dass diese Stadt eine überwiegend friedliche ist. Mir war natürlich bewusst, dass diese Prämisse nie für alle Stadtteile Londons galt. Schließlich bin ich Journalistin. Ich habe recherchiert, warum sich in Londons Süden und Osten immer wieder Teenager gegenseitig umbringen, 28 im Jahre 2008, 19 im vergangenen Jahr. Ich habe mit Jugendlichen gesprochen, denen alles egal ist. Die ihren Vater nicht kennen, aber dafür blind ihren "elders" gehorchen, den älteren Gang-Mitgliedern, die sie ausschicken als Drogenkuriere. Und die rauben und prügeln in ihren "endz", ihrem Kiez, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Und weil ein Junge in dieser seltsamen Welt nur Täter sein kann, wenn er nicht Opfer sein will.

Und nach diesen Interviews bin ich nach Hause gegangen, nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt, und habe nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass diese 16-Jährigen mitsamt ihren Messern bei mir sehr viel bessere Beute machen könnten als unter den Kindern ihrer Nachbarschaft, die sie sonst abziehen.

Die Gewalt blieb in den Abendnachrichten

Ich war nicht naiv. Vor den Unruhen war dies der Normalzustand der meisten Londoner: Wir wussten, dass es Probleme gab in Peckham und Lewisham, in Haringey und Teilen von Hackney. Aber sie betrafen uns nicht. Die Gewalt blieb in London stets dort, wo sie in den Abendnachrichten zu sehen war: zwischen den hässlichen Wohnblocks der Sozialbauviertel. Und dass auch, wenn diese Sozialbauviertel nur hinter der nächsten großen Durchgangsstraße lagen.

In den vergangenen Tagen erfuhr ich, dass in einer Nachbarstraße in diesem Jahr zwei Jugendliche durch Messerstiche verletzt wurden. Die Gewalttaten hatte es nicht über eine Notiz in der kleinen Lokalzeitung hinaus geschafft. Noch nie zuvor hatte ich von der "Queen’s Crescent Gang" gehört, die notorisch sei für ihre Rücksichtslosigkeit. Sie soll während der Unruhen am vergangenen Wochenende plündernd durch meine Nachbarschaft gezogen sein.

Die Post liegt plötzlich im Gang-Gebiet

Und so sehe ich plötzlich Zivilbeamte in meiner Wohnstraße, geschützt mit stichsicheren Westen über ihren Jeanshemden, die Jugendliche festhalten und sie nach der Herkunft ihrer Fahrräder befragen. Und ich frage mich: Soll ich noch zu meiner Post gehen, die - wie ich jetzt weiß - mitten im Gang-Gebiet liegt? Oder doch lieber in die größere Post-Stelle in der Innenstadt? Werden die Gewaltbereiten jetzt wieder in ihren Vierteln bleiben, wo wir sie bis vor einigen Tagen einfach ignorieren konnten? Oder werden sie den Rest von London erkunden, den sie als großen Supermarkt für sich entdeckt haben? Und was passiert, wenn es nicht mehr 16.000 Polizisten in Bereitschaft auf Londons Straßen gibt - wie zur Zeit noch -, sondern nur die gerade 3000 wie an den Tagen, die wir zuvor normal genannt haben?

Die Anarchie in London ist seit drei Tagen beendet. Aber die Gewalt ist geblieben.

Cornelia Fuchs, London

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