HOME

Gutachter im Kachelmann-Prozess: Wahrheitsforscher ohne Gewähr

Im Prozess gegen Jörg Kachelmann wird heute das Video der Aussage des vermeintlichen Opfers gezeigt. Es ist eine wichtige Grundlage für die Arbeit der Gutachter. Sie sollen ergründen, ob die Frau die Wahrheit sagt. Wie machen sie das eigentlich?

Von Malte Arnsperger

Bei Pinocchio wäre es ganz einfach: Sobald der kleine Holzkamerad die Unwahrheit sagt, wächst seine Nase. Als Zeuge vor Gericht wäre der berühmte Lügner ein Traum für jeden Richter. Denn obwohl sich viele Menschen beim Lügen verraten, etwa durch einen roten Kopf oder steigende Nervosität, ziehen Richter oft Experten zu Rate, um die Glaubwürdigkeit von Zeugen beurteilen zu können. Besonders dann, wenn das Schicksal des Angeklagten von einer einzigen Aussage abhängt. Doch selbst erfahrenen Wissenschaftlern fällt die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge manchmal sehr schwer. Wie im Fall Kachelmann.

Bundesgerichtshof legte Standards fest

Silvia May* behauptet, ihr damaliger Liebhaber, der Wettermoderator Jörg Kachelmann, habe sie in der Nacht zum 9. Februar 2010 in ihrer Wohnung in Schwetzingen vergewaltigt. Kachelmann bestreitet den Vorwurf. Aussage steht gegen Aussage. Die Psychologin Luise Greuel hatte sich im Auftrag der Mannheimer Staatsanwaltschaft mehrere Stunden lang mit der 37-jährigen May unterhalten, Akten gewälzt und ihr Ergebnis auf 126 Seiten ausgebreitet. Gutachterin Greuel, die wohl im Februar vor Gericht aussagen wird, kommt zu dem Schluss, sie könne mit ihren Methoden einen Erlebnisgehalt von Mays Aussage nicht bestätigen. Ein eindeutiges Votum? Wohl nicht, denn Luise Greuel schränkt ein, im günstigsten Fall müsse man von einer "Es-ist-nicht-klar"-Situation ausgehen.

Klaus Fiedler kennt die Methodik, mit der sich Luise Greuel auf Wahrheitssuche gemacht hat. Schließlich hat der Psychologie-Professor aus Heidelberg dem Bundesgerichtshof (BGH) geholfen, im Jahr 1999 in einem Grundsatzurteil Standards für Glaubwürdigkeitsgutachten festzulegen. Fiedler hat sich also intensiv damit beschäftigt, wie es gelingen kann, einen Zeugen beim Lügen zu ertappen. Doch der für seine Arbeit für den BGH preisgekrönte Fiedler räumt im Gespräch mit stern.de ein: "Auch wir Gutachter können die Wahrheit nicht mit ausschließlicher Sicherheit feststellen. Wir können nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Richter am Ende richtig entscheidet."

Unwahrheit ist nicht gleich Lüge

Die Hauptursache dieser Unsicherheit: Man hat es mit Menschen zu tun. Die sind - wie jeder weiß - fehlbar und das aus verschiedenen Gründen. So ist es wichtig zu unterscheiden, dass nicht jede Unwahrheit auch gleich eine vorsätzliche Lüge ist. Oft schildern Zeugen einen Sachverhalt falsch, weil sie sich nicht mehr gut erinnern. Oder weil ihnen eine dritte Person solange die Unwahrheit eingeredet hat, bis sie selbst davon überzeugt sind. Oder weil sich Phantasiewelt und reale Welt noch überschneiden können, wie bei jüngeren Kindern.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf prüft ein Gutachter die Aussage des Zeugen. Dabei geht es nur darum, die für das Gericht relevante Erzählung zu analysieren, nicht dem Menschen generell Glaubwürdigkeit zu attestieren. Der BGH weist in seinem Urteil von 1999 auf diese Besonderheit hin: "Gegenstand einer aussagepsychologischen Begutachtung ist nicht die Frage nach einer allgemeinen Glaubwürdigkeit des Untersuchten im Sinne einer dauerhaften personalen Eigenschaft."

Die Wissenschaftler starten mit der sogenannten Nullhypothese, erklärt Klaus Fiedler. "So wie man davon ausgeht, dass der Angeklagte unschuldig ist und man ihn überführen muss, nimmt man an, die Aussage eines Zeugen ist unwahr. Der Gutachter muss nun versuchen nachzuweisen, dass die Angaben wahr sind." Zunächst stellt der Experte unterschiedliche Hypothesen auf. Eine davon ist die "Phantasie-Hypothese". Der Sachverständige überprüft, ob der Zeuge seine Aussage frei erfunden haben könnte. Dazu klopft er sie auf inhaltliche Merkmale ab. Der BGH legt fest: "Ergibt seine Prüfstrategie, dass die Unwahrhypothese mit den erhobenen Fakten nicht mehr in Übereinstimmung stehen kann, so wird sie verworfen, und es gilt dann die Alternativhypothese, dass es sich um eine wahre Aussage handelt."

19 Kriterien für die Prüfung

Fiedlers Kollegen Max Steller und Günther Köhnken – Letzterer wird im Kachelmann-Prozess von der Verteidigung aufgeboten - haben dafür 19 Merkmale festgelegt: So schauen die Gutachter unter anderem auf die logische Konsistenz einer Aussage, sie suchen nach der Schilderung nebensächlicher Einzelheiten. Weitere sogenannte "Realkennzeichen" sind auch, ob ein Zeuge sich spontan verbessert oder sich gar selber teilweise belastet. Dahinter steht die Überlegung, dass ein Lügner versucht, glaubwürdig zu erscheinen. Der BGH: "Daher besteht die begründete Erwartung, dass bewusst falsche Aussagen nur in geringem Ausmaß Selbstkorrekturen und -belastungen sowie das Zugeben von Erinnerungslücken enthalten."

Die einzelnen 19 Kriterien für sich genommen korrespondieren allerdings "mehr schlecht als Recht mit der Wahrheit", sagt der Psychologe Klaus Fiedler. "Zusammengenommen ergibt sich aber ein wirksames Verfahren." Trotzdem habe die Methode einige Schwachpunkte. Schon die "Nullhypothesen-Prüfung" sei einseitig, da man nur nach "Symptomen der Wahrheit" suche. "Zudem gibt es auch keine Grenzen, wie viele der 19 Merkmale erfüllt sein müssen, damit man von einer wahren Aussage sprechen kann", sagt Fiedler. "Es gibt eine Menge Probleme bei einem solchen Gutachten. Mir tun die Richter leid, denn sie müssen letztlich die Entscheidung treffen."

Andrea Titz, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, weiß um die schwierige Aufgabe von Richtern: "Jeder Richter ist sich bewusst, dass die Gefahr besteht, eine falsche Entscheidung zu treffen." Doch die Juristin hält wenig davon, diese Gefahr stets durch Glaubwürdigkeitsgutachten zu minimieren. "In manchen Regionen mag es anders sein, aber in der mir bekannten bayerischen Praxis spielen sie eine untergeordnete Rolle. Richter bedienen sich der Gutachter hier in der Regel nur bei besonderen Umständen, zum Beispiel bei kindlichen oder psychisch kranken Zeugen." Denn schließlich sei es die ureigene Aufgabe eines Richters, sich selber ein Urteil über die Zeugen zu bilden. "Diese Aufgabe darf er grundsätzlich nicht auf andere abwälzen. Zudem kann auch ein Sachverständiger nicht mit Sicherheit sagen, ob eine Person die Wahrheit sagt."

Gutachter auch für Kachelmann

Dass die Richter sich selbst ein Bild machen müssen, sieht auch Alexander Ignor so, der Rechtsanwalt und Strafrechtsprofessor aus Berlin. Trotzdem gebe es immer mehr Glaubwürdigkeitsgutachten. Die Aussagepsychologie sei aber "keine exakte Wissenschaft im Sinne der Naturwissenschaften, sondern nimmt Bewertungen vor, die man ihrerseits kritisch bewerten muss", meint der Vorsitzende des Strafrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer. "Der BGH verlangt, dass die Richter wissenschaftliche Erkenntnisse, auch die der Aussagepsychologie, hinzuziehen. Mein Eindruck ist, viele Richter haben die Sorge, dass ihre Urteile keinen Bestand haben, wenn sie keinen Gutachter zu Rate ziehen."

Diese Gefahr besteht im Fall Kachelmann nicht. Das Gericht lässt sogar den zweiten Augenzeugen des Geschehens, nämlich Kachelmann selbst, begutachten. Doch der Psychiater und Psychotherapeut Harmut Pleines hat eine ganz besonders schwere Aufgabe: Da der Angeklagte nicht mit ihm redet, muss Pleines anhand von Akten und von Kachelmanns wortlosen Auftritte vor Gericht urteilen. Da hätte er es mit Pinocchio leichter.

*Name von der Redaktion geändert

  • Malte Arnsperger