Haft für Drogenarzt Ein Trip ohne Wiederkehr

Einige der Opfer sollen noch berauscht vom LSD im Krankenwagen gesungen haben
Einige der Opfer sollen noch berauscht vom LSD im Krankenwagen gesungen haben
© Colourbox
Ein Arzt und Psychotherapeut behandelte seine Patienten jahrelang mit Drogen. Er ist beliebt. Doch während einer Sitzung verabreicht er eine Überdosis, zwei Menschen sterben. Ein bedauerlicher Unfall oder eine vorsätzliche Tat? Das Gericht fand eine eindeutige Antwort.
Von Uta Eisenhardt

In seiner Kehle sitzt ein Kloß. Garik Reiser* trinkt einen Schluck Wasser und räuspert sich: "Es tut mir leid. Das wollte ich nicht." Mit halberstickter Stimme fügt er hinzu: "Ich bin auch kein Opfer." Es sind die letzten Worte vor der Verkündung des Urteils über den Arzt und Psychotherapeuten, der wohl immer geahnt hat, dass er die Psycholyse, eine wissenschaftlich nicht anerkannte Therapieform, die Traumen drogenunterstützt behandelt, eines Tages vor Gericht verteidigen muss.

Zu einer Patientin soll er gesagt haben, der Weg, den er gefunden habe, sei gefährlich. In einer Sitzung verzichtete er deshalb auf Drogen, er fürchtete, die Polizei könne bei ihm auftauchen. Im Fall der Fälle sollten sich die Patienten auf den Boden legen und die pupillengeweiteten Augen mit der Bemerkung schließen: Wir meditieren!

Auf die "Reise" gehen

Dieses Szenario erfüllte sich nicht, es kam schlimmer. Im vergangenen September starben zwei seiner Patienten an einer Überdosis MDMA, Hauptbestandteil von Ecstasy. Der 51-Jährige Familienvater steht vor dem Berliner Landgericht wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie gefährlicher Körperverletzung und solcher mit Todesfolge.

Nervös hält der große, hagere Glatzkopf die schmalen Hände über Mund und Kinn. Er lauscht angespannt, wie das Gericht die Scherben seines Lebens seziert. Vor über zehn Jahren ließ er sich bei dem Schweizer Arzt Samuel Widmer in Psycholyse ausbilden, was so viel wie "Seele lösen" heißt.

2005 eröffnete er in seinem Wohnhaus, das in einer gediegenen Villengegend liegt, seine Praxis. Die Patienten, die aus der Mitte der Gesellschaft stammten, fanden ihn auf Empfehlung, sogar eine Klinik überwies. Reiser war ein beliebter Therapeut, der die Nähe zu seinen Klienten suchte, sie duzte und in dessen Gruppen eine liebevolle Atmosphäre mit viel Körperkontakt herrschte. "Auf die Reise gehen" hieß es, wenn man intern über die Drogensitzungen sprach.

Die zwanzigfache Dosis

Vor jener Septembersitzung will der Arzt LSD genommen haben: "Um aufmerksamer zu sein für die besondere Arbeit." Er begrüßte seine Gäste mit Musik. Nach einer Befindlichkeitsrunde wollte er ihre Suche im Unterbewussten mit der legalen Substanz Neocor unterstützen, die würde "den Geist öffnen". Drei Patienten verzichteten. Die übrigen neun sollten vor dem Konsum ihrer gefüllten Kapseln überlegen, was sie erreichen wollen.

In der zweiten Runde entschieden sich sieben Patienten für das "Herz öffnende" MDMA, einer wählte nochmals Neocor. In seinem Arbeitszimmer wog Reiser das feine, weiße Pulver ab. Er sagt: "Die Menge erschien mir etwas größer, als ich es erwartet hatte." Er habe seine Brille aufgesetzt und wog erneut: "Es war ähnlich viel. Trotzdem verließ ich mich auf die Waage." Nach den Schätzungen eines Toxikologen erhielten die Teilnehmer wohl zehn- bis zwanzigmal mehr als jene 100 bis 120mg, die als vermeintlich verträglich gelten.

"Das wurde immer schlimmer"

Mit Wasser nahmen sie das bittere Pulver in kleinen Schlucken zu sich. "Es war eine feierliche Stimmung", erinnert sich eine Teilnehmerin. Plötzlich aber zitterten die Berauschten und klapperten mit den Zähnen. Sie schwitzen, rissen sich die Kleider vom Leib. Einige rollten mit den Augen, verzerrten ihre Gesichter. "Das war schrecklich, das wurde immer schlimmer", erinnert sich die Zeugin, die keine Drogen nimmt.

Der Therapeut sagte: "Es ist alles gut!", "Bleibt bei euch!", "Lasst es zu!" und "Das ist das Böse in der Welt!" Ein Frührentner lag bäuchlings und verkrampft auf dem Boden, er schnaufte und schlug mit den Armen. Dabei kippte auch die Schüssel um, in die sich eine Frau erbrochen hatte. Der Arzt spritzte ihm Valium, der Patient wurde ruhig. Man glaubte, er würde schlafen, bis Reisers Frau und Assistentin ihn umdrehte und dessen dunkelblau angelaufenes Gesicht bemerkte. Sofort begann der Arzt mit der Wiederbelebung und sagte: "Alle raus hier!" Er habe der Gruppe den Anblick des Sterbenden ersparen wollen. Seine Frau rief den Notarzt: Ein alkoholkranker Patient sei nach Medikamentengabe umgekippt.

Die Teilnehmer stützten den später verstorbenen Studenten sowie einen weiteren Schwervergifteten und legten sie in verschiedene Zimmer. Die Bitte des Arztes, ob die Gesunden sein Haus mit den Vergifteten verlassen könnten, lehnten die Befragten ab. Sicher wollte Reiser damit die Entdeckung der Drogentherapie verhindern, doch beweist allein diese Frage keinen Mordversuch an dem Studenten, von dem die Anklage zunächst ausging.

Vergiftete sangen im Krankenwagen Lieder

Zwanzig Minuten mühte sich die Notärztin um den Frührentner, dann gab sie auf. Multiorganversagen ist das lapidare Wort für die Katastrophe, die sich im Körper des Vergifteten ereignete: Die Droge, so der Rechtsmediziner, führt dazu, "dass sämtliche Systeme des Körpers verrückt spielen." Es kommt zu einer Überhitzung des Körpers, massiven Blutgerinnungsstörungen, Muskelauflösung und Wassereinlagerungen in lebenswichtigen Organen.

Während die Notärztin den Totenschein ausfüllte, wurde sie zu dem 28-jährigen Studenten gerufen. Nun stutzten die Sanitäter und ärgerten sich über den wortkargen Arzt und dessen Frau. Als ein dritter Hilferuf erscholl, durchsuchten sie das Haus und stießen auf weitere Vergiftete, von denen einige so euphorisch waren, dass sie im Krankenwagen Lieder sangen.

Am Abend, den Reiser bereits in Haft verbrachte, starb der Student. Der dritte Schwervergiftete erwachte Tage später aus seinem Koma - es ist der Mann, der das MDMA an den Arzt lieferte. Dem Kraftfahrer, Meditationslehrer und selbsternannten Therapeuten droht jetzt ein Strafverfahren - ebenso Reisers Frau.

Patienten als Kindermädchen

Wie viel Schuld trägt der Angeklagte? Nicht nur Verteidigung und Staatsanwaltschaft schwanken zwischen Fahrlässigkeit und Vorsatz, zwischen drei und acht Jahren Haft, zwischen partiellem und lebenslänglichem Berufsverbot. Auch die Patienten sind uneins. Die Drogenerfahrenen unter ihnen sagen, jeder habe von Ecstasy, LSD, Pilzen und der damit verbundenen Gefahr gewusst.

Doch einige Patienten kamen erstmals durch den Psychotherapeuten mit Drogen in Kontakt und wollen die Wahrheit über die "Substanzen", "Mittel" oder gar "Medikamente" genannten Stoffe nur geahnt haben. Sie hätten dem Mediziner vertraut und keine Angst vor einer Überdosis gehabt. Eine Patientin glaubte gar: "Er ist Arzt, er könnte mir helfen."

Dabei hatte sich Reiser nur wenig um die körperliche Konstitution seiner Patienten geschert, zur Anamnese genügte ihm eine Fragebogen. Schon allein das sei kunstfehlerhaft, meint ein ärztlicher Gutachter: Der Angeklagte habe nicht differenziert therapiert, seine Diagnosen seien fragwürdig gewesen. Besonders entsetzte den Gutachter, dass Reiser den alkohol-, also suchtkranken Frührentner mit Drogen behandelte. Überdies verstoße es gegen die ärztliche Ethik, Patienten etwa als Kindermädchen und Heizungsmonteur anzuheuern, wie im Hause Reiser geschehen.

"Sie sind kein Berufskrimineller"

Das Gericht urteilt auf vier Jahre und neun Monate Haft, auf deren Antritt er in Freiheit warten darf. Das Geschehen sei tragisch, aber kein Unglück. Reiser darf sich nie wieder mit einer Praxis niederlassen, eine Tätigkeit an einem Krankenhaus verbieten ihm die Richter nicht. Der Arzt habe gegen seine Garantenstellung verstoßen, als er seine Patienten einem vermeidbaren Risiko aussetzte. Zwar trifft diese ein Mitverschulden, sie können aber keine Verantwortung dafür übernehmen. "Sie hatten die Tatherrschaft, Sie haben die Drogen besorgt, abgewogen und das Pulver gesehen. Die Patienten haben es nur verbraucht", argumentiert der Vorsitzende.

Die Klienten willigten auch nicht in die Körperverletzung ein, denn Reiser erstellte mit ihnen weder einen Behandlungsplan, noch besprach er Risiken und mögliche Alternativen. Es reiche nicht, Bücher und Broschüren anzubieten. Der Arzt hätte den Patienten vor allem die Unberechenbarkeit von Ecstasy erläutern müssen, für das es keine unbedenkliche Dosis gebe: "Das ist die Crux der Substanz", zitiert der Richter den toxikologischen Gutachter. Der Vorsitzende glaubt Reiser seine Reue, hält ihm sein frühes Geständnis und seine Rettungsbemühungen zugute. "Sie sind kein Berufskrimineller", sagt er dem Angeklagten. Der scheint über das Urteil sichtlich erleichtert, ganz im Gegensatz zu seiner Mutter, die mit verweinten Augen den Saal verlässt.

* Namen von der Redaktion geändert


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