Hakenkreuz-Prozess Mittweida Von der Heldin zur Angeklagten


Aus der "Heldin von Mittweida" ist eine Angeklagte geworden. Ein Prozess soll klären, ob die 18-Jährige tatsächlich im November 2007 in der sächsischen Kleinstadt von Neonazis ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt bekam, oder ob sie den Überfall schlicht erfunden hat. Am Freitag könnte ein Urteil fallen.
von Lars Radau

Bernd Vogel holt tief Luft. Eigentlich will sich der Chemnitzer Oberstaatsanwalt nicht offiziell zum Fall Rebecca K. äußern. Zum einen, weil die Öffentlichkeit beim Prozess gegen die 18-Jährige vor dem Amtsgericht Hainichen ohnehin ausgeschlossen ist. Denn als sich das bundesweit als "Hakenkreuzfall" bekannt gewordene Geschehen abspielte, war die dunkelhaarige junge Frau noch minderjährig. Zum anderen, weil der Fall politisch und menschlich heikel ist.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Rebecca K. gelogen hat, als sie am 12. November 2007 bei der Polizei in Mittweida einen Neonazi-Überfall anzeigte. Damals erklärte sie, sie sei bereits neun Tage zuvor beim Versuch, einem bedrängten Aussiedlerkind zu Hilfe zu eilen, von vier offenbar der rechtsextremen Szene zuzuordnenden Jugendlichen zu Boden gerissen worden. Drei hätten sie festgehalten, während der vierte ihr mit einem skalpellartigen Gegenstand ein fünf Zentimeter großes Hakenkreuz in die Hüfte geritzt habe.

"Heldin von Mittweida"

Für die Öffentlichkeit war Rebecca K. zunächst die "Heldin von Mittweida", einer Stadt, die als ehemaliger Aktionsschwerpunkt der mittlerweile verbotenen Neonazi-Organisation "Sturm 34" ohnehin ein Image-Problem hat. Für ihr "beherztes Eingreifen" verlieh ihr das Berliner Bündnis für Demokratie und Toleranz, eine vom Bundesinnen- und Bundesjustizministerium ins Leben gerufene Initiative gegen rechte Gewalt, noch im Februar 2008 einen Ehrenpreis für Zivilcourage. Es gehe vor allem darum, "Zivilcourage zu loben, und nicht um die Frage, ob das Mädchen sich diese Verletzung, von der immer wieder die Rede ist, selbst beigebracht hat", betonte Rebeccas Laudatorin Cornelie Sonntag-Wolgast, ehemalige parlamentarische Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, am Rande der Veranstaltung.

Der politische Streit war zu diesem Zeitpunkt längst im Gange. Denn die Staatsanwaltschaft hatte bereits Ermittlungen gegen die junge Frau aufgenommen, weil sich trotz hoher ausgelobter Belohnungen und diverser Appelle hochrangiger sächsischer Politiker außer dem mutmaßlich bedrängten Aussiedlerkind keine Zeugen für das Geschehen fanden. In Presseerklärungen und auf einschlägigen Internetseiten machten derweil sowohl die rechtsextreme NPD als auch Neonazi-Kameradschaften in triumphierendem Tonfall gegen den "neuen Fall von System- und Medienhetze" mobil.

Anwalt ist von Unschuld überzeugt

Auch deshalb geht Vogel "fast sicher" davon aus, dass die Auseinandersetzung auch weitergeht, wenn die Hainicher Jugendrichterin Anne Mertens morgen ein Urteil fällt. "So oder so wird das Verfahren in die nächste Instanz gehen." Keiner der Beteiligten kann ohne Gesichtsverlust wirklich zurück - weder die Staatsanwälte noch das Bündnis für Demokratie und Toleranz, noch Rebecca K. und ihr Anwalt Axel Schweppe. Während Bündnis-Sprecherin Nina Lippmann kurz angebunden betont, bis zu einem "rechtskräftigen, endgültigen Urteil" werde es "keinen Kommentar zu der Angelegenheit" mehr geben, ist Schweppe im Gespräch mit stern.de um so auskunftsfreudiger. Der Chemnitzer Strafrechtler ist von der Unschuld seiner Mandantin überzeugt - und übt deutliche Kritik am Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel, auf dessen Gutachten sich die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Rebecca K. im Wesentlichen stützt.

Der Chef der Hamburger Gerichtsmedizin habe sich erst aufgrund des Medienechos zum "Hakenkreuzfall" als Experte für selbst beigebrachte Verletzungen ins Spiel gebracht - und sei prompt als Sachverständiger beauftragt worden. Sein aus dem Prozess durchgesickertes Fazit, das eine "Fremdbeibringung" von Rebeccas Verletzungen "eher auszuschließen" sei, habe Püschel zudem "ausschließlich auf Basis von Fotos" getroffen.

Verletzung oder Selbstverletzung

Die indes reichen Experten wie Püschel in der Regel schon: Selbst beigebrachte Verletzungen, erläutert ein Fachkollege der Universität Leipzig, erkenne man oft daran, dass sie an für die eigenen Hände leicht zugänglichen Körperpartien lägen, etwa an Armen, Beinen oder im Gesicht. Nicht selten blieben wirklich schmerzempfindliche Regionen ausgespart, zudem seien Ritz- oder Schnittverletzungen oft auffallend gerade gezogen und nicht wirklich tief. "In der Regel handelt es sich eher um einen seelischen Hilfeschrei als um eine ernsthafte Verletzung", sagt der Leipziger Mediziner. Wie Gutachter Püschel den Fall Rebecca K. im Detail einschätzt, bleibt indes außerhalb des Gerichtssaales unbeantwortet: Der Hamburger Professor ist zurzeit im Ausland und für Nachfragen nicht erreichbar.

Anwalt Schweppe schließt eine Selbstverletzung und einen dafür ursächlichen "psychopathologischen Hintergrund" bei seiner Mandantin jedenfalls kategorisch aus. "Das ist ein toughes Mädchen", betont Schweppe, das mit dem "erheblichen Druck", unter dem es seit Monaten stehe, gut klarkomme. Abgesehen davon, dass er sich als Laie auch "kein Motiv" vorstellen könne, eine solche Geschichte zu erfinden, habe ohnehin bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung zu gelten.

Das betont auch Mittweidas stellvertretender Oberbürgermeister Ralf Schreiber. Gleichwohl macht man sich im Rathaus durchaus Gedanken, welche Auswirkungen es haben könnte, wenn Rebecca K. schuldig gesprochen wird. "Das wäre noch einmal verheerend für die Stadt", sagt Schreiber, "weil den Rechtsextremen damit noch einmal in die Hände gespielt würde". Eine Klärung, betont Schreiber, sei aber so oder so "dringend geboten". Und holt seinerseits tief Luft.


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