HOME

Nach Großeinsatz in Halle: Die Polizei hat noch Schlimmeres verhindert – sie musste sich aber auch kritischen Fragen stellen

Sie konnten das Schlimme in Halle nicht verhindern, aber offenbar noch Schlimmeres: Den Einsatzkräften der Polizei ist es rund 90 Minuten nach dem ersten Mord gelungen, den Todesschützen zu stoppen. Doch es gibt auch kritische Fragen an die Behörden. Die gaben nun erste Antworten.

Polizei in Halle

Die Polizei war mit einem Großaufgebot in Halle vor Ort

Getty Images

Der Staat zeigte seine Zähne: Schwerbewaffnete Beamte zogen in Halle und Umgebung auf, darunter auch Spezialkräfte von Bundes- und Landespolizei. Gebäude wurden durchkämmt, Bahnhöfe kontrolliert, Grenzkontrollen verstärkt. Es waren Hubschrauber zu sehen, Panzerwagen, Maschinenpistolen. Die Polizeibeamten in Sachsen-Anhalt und in den umliegenden Bundesländern wurde in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Sie verhinderten womöglich noch weitaus Schlimmeres – und waren offenkundig auch auf weitaus Schlimmeres eingestellt. Vielfach wurde die Arbeit der Polizisten nach den bangen Stunden von Halle/Saale gewürdigt.

Aber – und auch das gehört zu der Geschichte eines solchen Tages – es gibt auch Kritik an der Arbeit der Sicherheitsbehörden. Die lauteste kam vom Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Warum wurde die Synagoge in Halle nicht geschützt?

Mehr als 50 Menschen feierten in dem Gotteshaus am Mittwoch Jom Kippur, den höchsten Feiertag im Judentum. Geschützt waren sie nur durch die Türen. Dem späteren Doppelmörder gelang es selbst mit Sprengmitteln und Waffengewalt nicht, sich Zugang zu dem Gebäude zu verschaffen. Dass er es überhaupt probieren konnte, wirft Fragen auf. 

Nach Attacke von Halle: Zentralrat der Juden äußert sich schockiert – und übt Kritik

"Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös", stellte Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden fest. "Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt." Nur glückliche Umstände hätten ein Massaker verhindert, sagte Schuster. 

Dass jüdische Einrichtungen zum bevorzugten Ziel von rechtsextremistisch oder islamistisch motivierten Gewalttätern gehören, ist die traurige Wahrheit. Und dass viele Synagogen, jüdische Gemeinden oder Schulen daher von der Polizei bewacht werden, daher leider Realität in Deutschland. Es gehöre zur "Staatsräson" der Bundesrepublik mit ihrer Geschichte, den Juden ihre Religionsausübung zu ermöglichen, erklärte auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) nach dem Anschlag.

Doch während landauf, landab, ob in Berlin oder Hamburg, schwer bewaffnete Beamte vor jüdischen Einrichtungen patrouillieren, gab es in Halle niemanden, der den Wahnsinn gleich zu Beginn stoppen konnte. Nicht einmal bei der Chanukka-Feier, dem Jüdischen Lichterfest, mit mehreren hundert Menschen gebe es Polizei, "obwohl ich bitte, dass sie kommen", erklärte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki.

Der israelische Historiker Erfraim Zuroff sagte der Nachrichtenagentur DPA in Bezug auf die Sicherheit in Deutschland. "Die Richtlinien sind die richtigen Richtlinien, es wird bewaffneter Schutz für jüdische Einrichtungen angeboten, Synagogen in Deutschland haben üblicherweise Polizeischutz."

Warum nicht in Halle? Sachsens Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) verwies auf die regelmäßig erstellte Gefährdungsanalyse der Sicherheitsbehörden. Es habe keine Hinweise auf einen geplanten Mordanschlag gegeben, auch sei die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Halle gering.

Gemeindemitglieder schilderten stern-Reportern, dass bis vor etwa einem Jahr am wenige Meter entfernten Wasserturm sowie direkt vor der jüdischen Gemeinde ein Polizeiauto gestanden habe. "Seitdem werden wir nicht mehr geschützt."

Aufgrund der Gefährdungsanalyse habe die Polizei auf eine permanente oder temporäre Bewachung der Synagoge verzichtet, auch am Mittwoch, sagte Stahlknecht. Der Bereich sei "bestreift" worden. Eine fatale Fehleinschätzung. Nach dem Anschlag von Halle seien die Sicherheitsvorkehrungen an jüdischen Einrichtungen in Sachsen-Anhalt massiv erhöht worden, so Stahlknecht weiter. Zukünftig sollen bundeseinheitliche Regelungen zum Schutz jüdischer Einrichtungen gelten. Zentralratsvorsitzender Schuster begrüßte die Maßnahmen und sagte: "Es hilft niemandem, jetzt zurückzuschauen. Wir müssen nach vorne blicken."

Warum stoppte die Polizei den Täter nicht früher?

Den ersten Menschen, eine Frau, ermordete der Täter rund zwei Minuten nachdem er begann, sich an der Synagoge zu schaffen zu machen. Es muss dem Radioprogramm im Auto des Schützen zufolge etwa 12 Uhr gewesen sein.

Hinter den Mauern des jüdischen Gotteshauses bekamen die Menschen mit, dass etwas vor ihrer Tür passierte, hörten Schüsse. Max Privorozki war einer dieser Menschen. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle der "Stuttgarter Zeitung". Die Türen hätten aber standgehalten. Die Menschen in der Synagoge seien sehr geschockt gewesen. "Wir haben die Türen von innen verbarrikadiert und auf die Polizei gewartet." Doch: "Die waren zu spät vor Ort", sagte Privorozki in einem Video, das vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus auf Twitter veröffentlicht wurde. Mindestens zehn Minuten hätte die Polizei gebraucht, nachdem er sie angerufen und einen "bewaffneten Anschlag gegen die Synagoge" gemeldet habe.


Innenminister Stahlknecht skizzierte den Ablauf auf einer Pressekonferenz in Halle: Dem CDU-Politiker zufolge ging der erste Notruf aus der Synagoge um 12.04 Uhr bei der Polizei ein. Sieben Minuten später seien die ersten Einsatzkräfte vor Ort gewesen. Er wisse: "In Todesangst kommen einem sieben Minuten wie sieben Wochen vor." Der Täter war zu diesem Zeitpunkt schon am rund 600 Meter entfernten Döner-Imbiss in der Ludwig-Wucherer-Straße und erschoss einen Mann. Dass es bis dahin nicht noch mehr Todesopfer gab, ist allein der fehlenden Treffsicherheit des Schützen und den Ladehemmungen seiner Waffe zu verdanken. Mehrfach zielte er während seiner Mordtour auf Passanten. Polizeisirenen sind auf dem Video, das der antisemitische Doppelmörder anfertigte, zunächst nicht zu hören.

Auf der Ludwig-Wucherer-Straße traf er erstmals auf die Polizei. Ein Streifenwagen stand quer auf der Straße, vielleicht einhundert Meter vom Fahrzeug des Täters entfernt. Er suchte hinter seinem Auto Schutz, feuerte auf die Beamten, die schossen zurück.

Mit einer Verletzung am Hals und seinem Auto mit mindestens einem zerschossenen Reifen gelang dem Schützen die Flucht. Nach Darstellung des Direktors der Polizeidirektion Halle, Mario Schwan, nahmen die Beamten die Verfolgung auf, verloren den silberfarbenen Golf jedoch aus den Augen. Er schaffte es raus aus der Großstadt, klaute sich in Wiedersdorf ein Auto. In Queis, rund zehn Kilometer von Halle entfernt, konnten Einsatzkräfte nach Zeugenhinweisen die Verfolgung wieder aufnehmen. Um 13.36 Uhr nahm ihn die Polizei nach einer Verfolgungsjagd über die Autobahn 9 und die Bundesstraße 91 fest – rund anderthalb Stunden nachdem der Terror von Halle begonnen hatte. 

Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde blieben indes in ihrer Synagoge zurück, offenbar über Stunden. "Da waren Hunderte Polizisten, aber es herrschte das reinste Chaos, es gab gar keine Kommunikation zwischen denen. Die kannten das Gelände auch überhaupt nicht", schilderte Eli G. dem stern. Sie habe den Beamten einen Weg über die Mauer gezeigt, sie seien hinübergeklettert, "kamen nach wenigen Minuten aber zurück." Die Gemeindemitglieder habe die Polizei alleine im Gebäude der Synagoge zurückgelassen.

Warum informierte die Polizei so zurückhaltend?

Um 12.48 Uhr gab es die erste Warnung der Bevölkerung durch die Polizeiinspektion Halle: "Nach ersten Erkenntnissen wurden Personen getötet. Wir fahnden mit Hochdruck. Täter flüchtig. Bitte bleiben Sie in ihren Wohnungen oder suchen Sie sichere Orte auf", twitterten die Beamten, stundenlang musste die Öffentlichkeit danach von weiteren Tätern ausgehen, um 18.16 Uhr gab die Polizei dann via Twitter vorsichtige Entwarnung.

Aber nicht nur für die Bewohner von Halle war es schwer, an gesicherte Informationen zu gelangen, auch für Journalisten: Die Pressestelle der Polizei Halle beantwortete am Telefon überhaupt keine Fragen mehr, nachdem der Generalbundesanwalt in Karlsruhe die Ermittlungen übernommen hatte. Auch die stern-Reporter vor Ort berichten von dieser Erfahrung: Auskünfte gab es keine.

Die zuständigen Pressesprecher des Generalbundesanwalts erteilten mit Blick auf die "laufenden Ermittlungen" Fragen nach dem konkreten Geschehen in Halle stets eine Absage. So konnten sich wilde Spekulationen und Gerüchte unwidersprochen verbreiten. Die Bevölkerung wurde lange im Unklaren gelassen und zusätzlich verunsichert. Details zur Lage in Halle gab es erst einen Tag später.

Tödliche Schüsse in Halle an der Saale : So erlebten Augenzeugen und Anwohner die Gewalttat

Klar ist: Wie jeder Einsatz, wird auch jener vom Mittwoch intensiv nachbereitet werden. Das Training von Amoklagen oder Terrorszenarien gehört ohnehin bei den Bundes- und Landespolizeien zum regelmäßigen Programm. Die Experten der Sicherheitsbehörden werden sich die Strategie, mit der sie in Halle vorgingen, genau anschauen und ihre Schlüsse ziehen.

Die Polizei stand am Mittwoch lange vor dem Problem, nicht zu wissen, mit wie vielen Tätern sie es zu tun hat. Auch die Beamten mussten sich erst einmal sortieren, rund zwei Dutzend Notrufe gingen ein, die Lage war unübersichtlich, die Hintergründe der beiden Morde waren lange unklar.

Hinterher weiß man immer mehr – auch das gehört zu der Geschichte eines solchen Tages.

Quellen: Stuttgarter Zeitung, Polizeiinspektion Halle, Nachrichtenagentur DPA