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Hamburg: "Hochaggressiv" und "dringend tatverdächtig" - mutmaßlicher Kindsmörder weiter auf der Flucht

Der Mord an einer Zweijährigen sorgt für Entsetzen. Und er wirft viele Fragen auf: Was wusste das Jugendamt von der Familie? Warum wurde der mutmaßliche Täter nicht abgeschoben? Und weshalb fahndet die Polizei nicht mit einem Foto?

Noch in der Nacht zu Dienstag sicherten Ermittler Spuren, inzwischen stehen Teddybären und Blumen vor dem Mehrfamilienhaus

Noch in der Nacht zu Dienstag sicherten Ermittler in Hamburg Spuren, inzwischen stehen Teddybären und Blumen vor dem Mehrfamilienhaus

Vor dem tristen Plattenbau im Hamburg-Neuwiedenthal stehen eine Handvoll Kerzen im Nieselregen, Passanten haben Plüschteddys abgelegt. Die Trauer und das Entsetzen in dem Stadtteil im Süden der Hansestadt sind weiter groß, nachdem Polizeibeamte am Montagabend die Leiche eines zweijährigen Mädchens in einer der Erdgeschosswohnungen entdeckten - vermutlich brutal ermordet vom eigenen Vater.

In der Nachbarschaft herrscht Fassungslosigkeit angesichts der bestialischen Tat, wenngleich viele Anwohner sagen, dass mit dem Tatverdächtigen Sohail A. schon länger etwas nicht zu stimmen schien: Der 33-jährige sei ein Tyrann und hochaggressiv aufgetreten, sagt Nachbarin Fatma K. Hinter der Wohnungstür der Familie sei es häufig laut gewesen. "Die Kinder haben immer geheult", sagte sie Reportern des Norddeutschen Rundfunks. "Die Kinder durften nicht mit anderen spielen", erklärten andere Nachbarn. Andere Anwohner aus Neuwiedenthal berichten laut "Hamburger Morgenpost" von häufigen Streits zwischen Sohail A. und seiner Ehefrau und Mutter des Mädchens. Er habe seine Frau abschotten wollen, sie habe nicht einmal andere Menschen grüßen dürfen.

Sohail A. war in Hamburg polizeibekannt

Die Schilderungen decken sich mit den Erfahrungen der Hamburger Polizei mit dem Pakistaner. Häufiger rückten die Beamten zu dem Plattenbau unweit des S-Bahnhofs aus, wegen häuslicher Gewalt. Auch dem Jugendamt im Bezirk Hamburg-Harburg war die Familie bekannt. Mitarbeiter untersuchten zwei Fälle wegen Kindeswohlgefährdung, so eine Sprecherin. Der Verdacht habe sich jedoch nicht bestätigt und man habe eine Betreuung für die Familie organisiert, sagte sie dem NDR.

Ob es sich um eine Fehleinschätzung handelte, das ist eine der offenen Fragen nach dem bestialischen Mord an dem kleinen Mädchen. In den vergangenen Jahren hatte es in Hamburg diverse Fälle von getöteten Kindern gegeben, in den Schlampereien in den Jugendämtern eine Rolle spielten.

Am Montagabend kam die Ehefrau des mutmaßlichen Mörders auf die Polizeiwache um Anzeige wegen Bedrohung zu erstatten. Ihr zweites Kind hatte sie in der Zwischenzeit anderweitig untergebracht. Beamte fuhren daraufhin zu der gemeinsamen Wohnung, um den Mann wegzuweisen. Dabei machten sie ihre grausige Entdeckung.

Bislang kein Fahndungsfoto veröffentlicht

Jugendamt und Polizei sind nicht die einzigen Behörden, die sich mit Sohail L. beschäftigten, auch die Ausländerbehörden hatten ihn auf dem Zettel. Der 33-jährige Pakistaner kam Ende 2011 nach Hessen und beantragte dort erfolglos Asyl und hätte bereits 2012 zurück in seine Heimat gemusst. Laut "Morgenpost"-Bericht fehlte unter anderem der Pass des Mannes, er wurde fortan geduldet. Nach seiner Heirat und der Geburt der beiden Kinder habe er demnach im Februar 2017 erneut einen Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung gestellt, ohne Erfolg. Zuletzt sei der Flüchtige juristisch gegen dessen Ablehnung vorgegangen.

Jetzt ist er verschwunden: Sohail L. ist trotz Großfahndung - unter anderem mit Spürhunden - seit fast 48 Stunden auf der Flucht. Laut Polizei ist er "dringend tatverdächtig". Die Öffentlichkeit bleibt bei der Suche dennoch außen vor. Ein Foto des mutmaßlichen Mörders wollen die Ermittler vorerst nicht veröffentlichen: "Die Fahndung läuft auf Hochtouren. Eine Öffentlichkeitsfahndung ist erst dann zulässig, wenn alle anderen Mittel zur Ergreifung des Täters ausgeschöpft sind", sagte Oberstaatsanwältin Nana Frombach dem stern.

mit Material von DPA