Hamburger "Ehrenmord" Morsals Bruder muss lebenslang in Haft


Es war eine Tat "auf niedrigster sozialer Stufe" hatte der Staatsanwalt gesagt. Das Hamburger Gericht teilt die Ansicht der Anklage und hat im Fall des sogenannten Ehrenmordes an der 16 Jahre alten Deutsch-Afghanin Morsal deren Bruder zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Die Familie des Angeklagten reagierte mit einem lauten Aufschrei.

"Das geht dich einen Scheißdreck an", soll Morsal O. ihrem Bruder Ahmad auf die Frage geantwortet haben, ob sie als Prostituierte arbeite. Ahmad erwiderte nichts mehr, sondern stach zu. Mit 23 Messerstichen beendete er auf einem dunklen Parkplatz am Hamburger U-Bahnhof Berliner Tor das Leben seiner eigenen Schwester. Das war im Mai 2008, der Fall des Hamburger "Ehrenmordes" sorgte bundesweit für Aufsehen. Nun ist am Hamburger Landgericht das Urteil gegen den inzwischen 24-jährigen Deutsch-Afghanen gefallen: Ahmad Sobeir O. soll lebenslang in Haft. Doch ob das Urteil tatsächlich vollstreckt wird, ist noch unklar: "Natürlich legen wir Revision ein", sagte einer von Ahmad O.s Verteidigern, Rechtsanwalt Thomas Bliwier, nach der Urteilsverkündung. Es könne nicht sein, dass das Gericht einer psychiatrischen Gutachterin zunächst "hohe Sachkompetenz" attestiere - "und dann ein vollständig anderes Urteil fällt".

Als der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen das Urteil verkündet, schreit die Familie des Täters im mit einer Trennwand aus Sicherheitsglas abgetrennten Zuschauerraum des Sitzungssaales auf. Mit Fäusten hämmern sie gegen das Glas. Es ist der letzte dramatische Moment eines teils hochdramatischen Prozesses, der sich über zwei Monate hinzog. Mehr als einmal war vor Gericht von einer tiefen emotionalen "Hassliebe" zwischen Angeklagtem und Opfer die Rede, viel vom Leid der als lebenslustig beschriebenen Morsal, die schon vor ihrem Tod von ihrem Bruder bedroht und misshandelt worden sein soll. Schon vom ersten Verhandlungstag an ging es dabei jedoch nicht um die Frage der Täterschaft, sondern um die Bewertung der Schuldfähigkeit von Ahmad O.

Extrem aggressiver junger Mann

Am Tag nach dem Verbrechen war der seit der Kindheit verhaltensauffällige und extrem aggressive junge Mann festgenommen worden und hatte das Verbrechen bei der Polizei auch eingestanden. "Besser als Ehrlosigkeit" hatte der 24-Jährige kurz vor der Festnahme seiner bitterlich weinenden Mutter in einem Telefonat gesagt, das die Beamten abhörten. Schon auf der Flucht vom Tatort erzählte er einem Taxifahrer, seine Schwester habe sich von der Familie abgewandt und er hoffe deshalb, dass sie nun tot sei.

Zur Bewertung der Schuldfähigkeit hatte das Gericht zwei psychologische Gutachten erstellen lassen. Eines davon bescheinigte Ahmad O. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und verminderte Schuldfähigkeit, das andere bescheinigte Ahmad O. die volle Schuldfähigkeit. Die Verteidigung um Rechtsanwalt Hartmut Jacobi stützte sich im Laufe des Prozesses auf das erste Gutachten und kritisierte das zweite als voreingenommen, Staatsanwalt Boris Bochnick nutzte für seine Argumentation vor allem das zweite Gutachten.

"Finsterstes Mittelalter"

In seinem Plädoyer hatte der Staatsanwalt lebenslange Haft für O. gefordert. Nach seiner Ansicht war er mit dem westlichen Lebenswandel seiner Schwester nicht einverstanden, weshalb er sie heimtückisch getötet habe. Als "Mord mit Ansage" und Tat auf "niedrigster sozialer Stufe" bezeichnete Staatsanwalt Boris Bochnick die Tat in seinem Plädoyer, in dem er ein Urteil wegen heimtückischen Mordes forderte und sich an "finsterstes Mittelalter" erinnert fühlte.

Ahmad O.s Verteidiger hatten dagegen auf Totschlag plädiert: Der 24-Jährige habe im Affekt zugestochen. Bei der Tat handele es sich nicht um einen "Ehrenmord", sondern "eher um eine Familientragödie", sagte Anwalt Hartmut Jacobi in seinem Plädoyer. Der 24-Jährige habe seine Schwester vor dem Hintergrund einer Persönlichkeitsstörung und eines langen Familienkonflikts nach einem Wortwechsel spontan getötet.

Das Gericht folgte dem Antrag des Staatsanwalts. "Auf der einen Seite liebte er sie, auf der anderen Seite war er wütend auf sie wegen ihres Lebensstils", sagte Richter Backen in der Urteilsbegründung über das Verhältnis des Angeklagten zu Morsal. "Während die Geschwister sich an die strengen afghanischen Regeln hielten, hatte sie, Morsal, ihren eigenen Kopf." Über die Schuld der Eltern habe das Landgericht zwar nicht zu befinden, sagte Backen in seiner Urteilsbegründung - schließlich seien weder Mutter noch Vater angeklagt worden. "Aber wenigstens eine hohe moralische Mitschuld trifft sie." Der Richter deutete an, die Eltern hätten ihren ältesten Sohn möglicherweise "zum Vollstrecker ihrer Erziehungsmethoden" gemacht.

tkr/DPA/AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker